Ohne Reichtum

„Poverello“: Der heilige Franziskus auf der Bühne in Altötting

Pietro Bernardone (Andris Rudzinskis) stürmt ins Büro des Bischofs Guido. „Ich will den Bischof sehen!“ „Sie sehen ihn doch“, antwortet der Bischof völlig unberührt und langsam. „Was ist mit Ihnen los?“ „Mit mir? Nichts! Mit meinem Sohn! – Er ist verrückt!“, schreit er, fuchtelt mit den Armen, springt um den Tisch herum, an dem der Bischof sitzt. Dieser dreht sich immer seinem Gast zu. „...und wissen Sie, was er getan hat?“ „Nein.“ „Er hat Tag und Nacht Gott gelobt“, schreit Bernardone von der Bühne, und die Worte hallen über den Kapellplatz in Altötting. Dort haben 17 Studenten der internationalen Akademie für Musik und Evangelisation (IME) während des Forums das Musical „Poverello“ von Pfarrer Francis Manoukian aufgeführt – und in diesem die Geschichte des heiligen Franziskus erzählt.

Poverello bedeutet „der kleine Arme“, der Franziskus nach seiner Bekehrung war. Das Leben dieses armen Bettlers wollten die Studenten bekannt machen. Es ist ihnen gelungen. Vor allem, weil die Rollen hervorragend besetzt waren. Martin Fürsich in der Rolle von Bischof Guido beispielsweise spricht auch außerhalb der Bühne langsam und bedächtig und lässt sich nicht schnell aus der Ruhe bringen. Köstlich, wie überspitzt er diese Bedächtigkeit dann auf der Bühne inszenierte. Überzeugend hat auch der Hauptdarsteller Rohan Lobo die zwei Seiten des Franziskus gegenübergestellt – erst den aufmüpfigen „König der Säufer“, wie ihn sein Freund Pino (Andris Rudzinskis) nannte, und dann den nach Gott Suchenden. Besonders seine Mimik und Körpersprache zeugten davon, wie gut er sich in seine Rolle hineinfühlen konnte.

In seinem Kostüm, das Franziskus am Anfang trug; dem halb schwarz, halb weißen Gewand und mit Maske, wirkte er farblos und lächerlich. Wie ein Harlekin. Zuerst wandte sich Franziskus ganz der Karriere zu. Er wollte es als tapferer Ritter zu Ruhm und Anerkennung bringen. Später widmete er sich ganz Gott und wurde arm – womit er seinen Vater, einen reichen Kaufmann, in Rage brachte. Es ging einem durch Mark und Bein, als Franziskus seinem Vater in aller Öffentlichkeit Rechenschaft ablegen musste, weil er dessen Geld verschenkt hatte. Nicht an seinen leiblichen Vater wandte er sich, sondern an seinen Vater im Himmel: „Ohne Reichtum will ich es mit dir wagen. Zu Dir allein will ich jetzt Vater sagen.“ ... „Jetzt bin ich frei. In deine Hände Vater leg' ich meinen Geist“, sang er innig.

Vor allem bestachen die Darsteller durch die Liebe zum Glauben, den sie mit der Musik transportierten. Die Musik (Arragements/Digital Mix: Franz Kinksy) war nicht einheitlich. Sie war so farbig wie das auf Leinentücher gemalte einfache Bühnenbild (Klara Beker, Hélene Salée), das mal den Marktplatz von Assisi mit Brunnen, mal die Bischofswohnung, mal die Speisekammer zeigte. Aber diese Vielfalt störte nicht. Sie passte, weil die Musik gezielt eingesetzt wurde. Etwa in der Szene, in der Bruder Elia Franziskus davon überzeugen wollte, dass nicht jeder die Armut so radikal leben könne. „Wenn es leichter wäre, könnte der Orden viel größer sein“, argumentierte er. Es entwickelte sich ein gesungenes Streitgespräch; Franziskus sang sanft eine Melodie, Elia rapte: „Wäre ich Nummer 1, hätte ich nur hier das Sagen, würde ich ganz gewiss einen neuen Weg hier wagen.“ Der Kontrast aus Melodie und Rap verstärkte die beiden kontroversen Standpunkte. Sehr schön! Unter anderem damit ist es den Darstellern zudem gelungen, eine Brücke in die heutige Zeit geschlagen.

Franziskus war ein Jugendlicher seiner Zeit und zugleich eine zeitlose Figur in Bezug auf die Suche von Jugendlichen nach dem Glück. Das veranschaulichten auch Franziskus' Brüder, als sie nacheinander Telefon, Kamera, Rucksack und Sonstiges unter ihrer Kutte hervorholten, ihrem Publikum präsentierten, bevor sie alles in einen Korb warfen und diesen samt Inhalt entsorgten. Ihre Botschaft war deutlich: Nicht Materielles, Ruhm und Macht machen glücklich, sondern Liebe, die von Christus kommt, und die selbst ihre Feinde einschließt, wie Rosa (Michaela Figlhuber) und Franziskus es vormachten: Er heilt seinen Kontrahenten, den Ritter Atto (hervorragend dargestellt von Jan Dawid Seidel), mit Gottes Kraft von der Pest. Atto, der immer herrisch und mit erhobener Nase über die Bühne stolzierte und um Rosa geworben hat, kniet sich nun nieder und fragt Rosa: „Vergibst Du mir?“ Gespanntes Warten erfüllt den Kapellplatz. Rosa war zutiefst verletzt, weil Atto ihr Vertrauen missbraucht und das Versprechen nicht gehalten hatte, niemandem weiterzusagen, dass Agnes (Claire Cousin) sich wie Klara (Manuela Köllner) Christus geweiht hatte; deren Vater durfte es nicht erfahren, weil er es missbilligte. Rosa zögert, schaut Franziskus an und sagt schließlich: „Ich vergebe dir.“ Ein starker Moment.

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