Feuilleton

Georg Trakl: Ohne „Ich“ entfällt die gewissenhafte Selbsterforschung

„O des verfluchten Geschlechts“ - Am Montag vor 100 Jahren starb der Dichter Georg Trakl. Von Alexander Riebel
Georg Trakl am Strand von Venedig
Foto: IN | Am Strand von Venedig: Georg Trakl.

Der Film „Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“ hat den Inzest zwischen dem Dichter Georg Trakl und seiner Schwester Grete zum Hauptthema gemacht. Immer wieder werden die beiden eng verschlungen gezeigt. Auf die Frage „Warum?“ er das getan habe, antwortet er: „Ich hatte keine Wahl“. Grete hatte Trakl gesagt, es gebe kein letztes Gericht, alles werde in dieser Welt gesühnt. So weit der Film – aber entspricht das auch den Tatsachen? Der Inzest zwischen dem Geschwisterpaar war in der Literaturwissenschaft immer wieder ein Thema, weil er es in den Gedichten war. Doch ob er jemals überhaupt vollzogen wurde, dafür gibt es keine Beweise. Das stellt Rüdiger Görner in seinem Buch über Trakl völlig klar.

Das Buch ist auch deshalb so wertvoll, weil Görner, Professor für Neuere Deutsche Literatur und Kulturgeschichte an der Queen Mary Universität in London, Trakl so kenntnisreich einordnet. Dabei geht es dem Autor weniger um die Darstellung von Trakls genauen Lebensabläufen, der am kommenden Montag vor 100 Jahren gestorben ist, sondern um die enge Verbindung zwischen Leben und Werk. Dabei überrascht zunächst, dass Görner den Dichter nicht zum Expressionismus zählt. Nicht zuletzt wegen der Anthologie „Menschheitsdämmerung – Ein Dokument des Expressionismus“ (1920), in der Trakl aufgeführt ist. Trakl selbst hat sich gegen diese Einordnung in den Expressionismus gewehrt. Vor allem, weil er gegen das Programmatische des Expressionismus war, das Franz Werfel 1913 formulierte: „Der neue Dichter wird unbedingt sein, von vorn anfangen, für ihn gibt es keine Reminiszenz, denn er, wie kein anderer, wird fühlen, wie wesenlos die Retrospektive auf die Literatur ist.“ Aber gerade um den Rückblick geht es Trakl, um das Anknüpfen am Rimbauds und Verlaine, an Mörike und Novalis, an den Symbolismus und Hölderlin. Rimbaud fühlte sich Trakl besonders nahe, sodass Görner ihn als den ersten deutschen Schüler Rimbauds bezeichnet. Es war besonders die Farbgebung der Worte, der von Rimbaud inspirierte Tanz der Vokale, dieser trügliche Zauber des Verfalls, die den unverwechselbaren und verführerischen Trakl-Klang ausmachen. „Ja, man kann vorab die These wagen“, schreibt Görner, „Trakl habe das Ungeheuerliche seiner Inhalte durch das Beharren auf vergleichsweise herkömmlichen poetischen Formen bändigen wollen, wenngleich sich seine Lebensform alsbald als ausgesprochen fragil, wenn nicht prekär erweisen sollte.“ Denn auffällig ist, dass Trakl seine explosive Emotionalität in klassische Sprachformen bringt, anfangs sogar in den Reim. Der „Unempfangene“, und später nennt er sich sogar den „Ungeborenen“, dichtet Einsamkeit, seine Fremdheit auf Erden, die alles bis dahin ähnlich Gehörte hinter sich lässt.

Drogen und ästhetisches Tun gehörten zusammen

Der 1887 in Salzburg geborene Protestant konnte zunächst dem Barocken seiner Heimatstadt wenig abgewinnen, doch werden ihm religiöse Motive immer wichtiger. In seinem Gedicht „Blutschuld“ (1909) enden die Strophen mit „Wir beten ..., Wir träumen ..., Wir schluchzen: Verzeih uns Maria, in deiner Huld.“ Doch bis dahin ging Trakl selbst den Weg von Rausch und Umnachtung, der dem Schulabgänger während der Arbeit in einer Apotheke und später im Pharmaziestudium möglich wurde. Rausch und Drogen hatte bereits Novalis in extremer Weise erprobt – ebenfalls mit Haschisch, Meskalin und Opiaten; Trakl erkannte in ihm einen Bruder. Auch war Trakls Mutter schon opiumsüchtig. Drogenexperimente wie auch die von Ernst Jünger, Gottfried Benn und anderen dienten weniger der Betäubung, sondern war als ästhetisches Tun verstanden, als Stärkung des Denkens und der Sprache. So hat Trakl seine Abschlussprüfung in Pharmazie mit „genügend“ abgeschlossen, die praktische Chemieprüfung über das Handhaben von Substanzen aber mit „ausgezeichnet“.

Doch Trakl wollte und konnte wohl nicht Fuß fassen in einem Beruf: er war ganz Dichter. Er ist ein Dichter, der „sich zu Tode dichtet“, in schwarzen Farben, umgeben von Holunder. „Immer tönt/ An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.“ Es gibt kein Ich in seinen Gedichten und einer Kurzprosa, nur den reinen Gefühlsraum. „Da bei ihm kein Ich in Erscheinung tritt“, schreibt Görner, „entfällt auch die gewissenhafte Selbsterforschung. Da kein Ich auftritt, kann es auch nicht zur Verantwortung gezogen werden. Jene Ich–losen Dichtungen Trakls (die meisten in seinen Werken also), die das Böse nennen, ohne es mit einem Ich-Gewissen zu verbinden, schieben dieses Böse im Grunde nur vor sich her. Das im verborgenen der Dichtung verbleibende Ich entzieht oder verweigert sich (protestantischer) Gewissensforschung und der schonungslosen Freilegung des Bösen im eigenen Selbst.“ Trakl verwandelt Argumente in Atmosphäre und lässt Wachen und Träumen ununterscheidbar. Der Hauch des Sterbens liegt über allem und die Verwesung des Untergangs über der Kultur. Vermeintlich begegnet Trakl auch Sterbenden statt Heiligen. So etwa im Sonnett „Afra“, wo es heißt: „Gehüllt in blauen Mantel sah vor Zeiten/ Der Mönch sie fromm gemalt an Kirchenfenstern;/ Das will in Schmerzen freundlich noch geleiten,/ Wenn ihre Sterne durch sein Blut gespenstern.“ Trakl selbst sieht sich als den Mönch, doch ist sein Mönchtum keines, das wirklich Zugang zum Glauben hätte, um den er doch in seinen Gedichten ringt. Trakl selbst hat sich das Mönchische zugeschrieben, auch in seinem Selbstporträt, das er unter dem Eindruck seiner Freundschaft zu Kokoschka gemalt hat. Die Mönchskutte ist auf dem Selbstporträt ansatzweise zu erkennen. Ganz kurz blitzt hier seine Doppelbegabung auf, auch malen zu können. Er habe mit der Figur des Mönchs „die Vorstellung von einem Dasein der Abgeschiedenheit, der Befreiung von der Schuld des Daseins und der Triebhaftigkeit“ verbunden, urteilt der Trakl-Forscher Hans Wechselbaum. Auch taucht das psalmenhafte O immer wieder in seinen Gedichten auf, wie „O des verfluchten Geschlechts“, „O wie alles ins Dunkel hinabsinkt“, „O der schwarze Engel, der leise aus dem Innern des Baumes trat“ oder „O des Menschen verweste Gestalt“. Auch mit dem Märtyrer Sebastian hat sich Trakl in „Sebastian im Traum“ einer christlichen Gestalt angenähert, die zum Tod durch Pfeilbeschuss verurteilt wurde. Auch hier wieder das christliche Thema, das Trakl nicht im christlichen Sinne aufzulösen weiß, indem ihm das Transzendente zerrinnt. Es spricht nur noch das lyrische Ich, das sich bei seinem Untergang zusieht. Radikaler als seine Zeitgenossen führt Trakl die Ohnmacht des Subjekts vor; nicht verwunderlich, dass er auch den modernen Fortschrittsglauben ablehnte, vor allem den technischen, den er in den Materialschlachten der ersten Kriegswochen kennenlernte. Hier, im Ersten Weltkrieg, war er Sanitäter. Nach der Schlacht bei Grodek am 13. Oktober 1914 musste er in das Garnisonsspital 15 in Krakau überführt werden, wegen auffälliger „Erregungszustände“. Er habe dann „unbedingt in die Front“ gewollt und musste von sechs Mann entwaffnet werden. Am 3. November starb er nach einer Überdosis Kokain an Herzstillstand.

Rüdiger Görner: Georg Trakl. Dichter im Jahrzehnt der Extreme.
Zolnay Verlag, Wien 2014, 351 Seiten, EUR 24, 90

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