Feuilleton

„Nennen wir es doch einfach Rahmenkultur“

Kürzlich hielt Professor Werner Patzelt im Museum der bildenden Künste Leipzig einen Vortrag zum „Framing“ der Einwanderungsgesellschaft. Eine Dokumentation des Vortrags in der „Tagespost“.
Braucht Deutschland eine Leitkultur
Foto: Jens Kalaene (dpa-Zentralbild) | Viele, die Frankreichs Lebenskunst gerne preisen, werden zu sehr besorgten Bürgern, sobald sie Lob auf etwas hören, das nicht im guten Frankreich, sondern im bösen Deutschland selbstverständlich ist.

Mancher wird zornig, ja wütend, wenn er von „Leitkultur“ hört. Meist ist ihm jeder unsympathisch, der davon redet. Er mag die ganze Sache nicht – oder wenigstens nicht das, was er sich darunter
vorstellt: Nationalismus, Volkstümelei, Spießertum. Ihm leuchtet nicht ein, warum es eine besondere Wertschätzung der Kultur derer brauchen soll, die schon länger in einem Land leben. Gar nicht versteht er auch, warum eine solche Kultur jene Leute zu irgendetwas „anleiten“ soll, die neu ins Land kommen. Und selbst wenn er die „chinesische Kultur“ für mehr als eine bloße Fiktion hielte, bisse er sich lieber in die Zunge, als von einer „deutschen Kultur“ zu sprechen.

Ausnahmen machen sie allenfalls beim hohen Lied auf die Mülltrennung

Auch werden viele, die Frankreichs Lebenskunst gerne preisen, zu sehr besorgten Bürgern, sobald sie Lob auf etwas hören, das nicht im guten Frankreich, sondern im bösen Deutschland selbstverständlich ist. Ausnahmen machen sie allenfalls beim hohen Lied auf die Mülltrennung, auf die Lehren aus unserer Geschichte und auf das Grundgesetz.

Letzteres scheint vielen das einzige zu sein, was uns alle einen darf – gerade auch mit jenen, die neu bei uns leben. Zwar ist das Ethos des ersten Grundgesetzartikels, der von der Menschenwürde handelt, ganz unübertrefflich. Auch finden sich bis zum Artikel 20, der „Verfassung in Kurzform“, viele Sätze, die ein jeder unterschreiben kann, falls er bei Trost oder immerhin guten Willens ist. Doch von der Mülltrennung steht im Grundgesetz ebenso wenig wie von fortbestehender Verantwortung für deutsche Staatsverbrechen. Dabei gehört doch beides ganz klar zu jener Kultur, auf die – ganz zu Recht – viele Deutsche stolz sind.

Das Grundgesetz ist nur die Spitze eines riesigen Eisbergs

Sollten sich derlei also nicht auch alle Zuwanderer zu eigen machen? Das Dogma lautet aber: Mehr Verbindendes als das Grundgesetz darf es gar nicht geben, falls Freiheit und Vielfalt nicht schwinden sollen! Ob allerdings die umfangreichen Regeln zur Abgrenzung von Bund/Länder-Kompetenzen, die viele Artikel unseres Grundgesetzes füllen, wirklich unsere Einwanderungsgesellschaft zusammenhalten können?

Letztlich ist das Grundgesetz, und zwar gerade in seinen gefühlsbewegenden Passagen, doch nur die Spitze eines riesigen Eisbergs an kulturellen Selbstverständlichkeiten. Die dürfen also nicht wegschmelzen, wenn die Verfassung ihre Gestaltungskraft behalten soll. Wäre es dann nicht vernünftig, alle neu im Land Lebenden zu diesen Selbstverständlichkeiten hinzuleiten? Und falls nur das Wort „Leitkultur“ missfällt, dann nennen wir es doch einfach „Rahmenkultur“, was keinem leichtfertig hingenommenen Wandel ausgesetzt werden sollte! Jedenfalls verhält es sich mit einer Rahmen- oder Leitkultur weitaus vielschichtiger,
als so mancher erkennen will.

DT

 

Rahmenkultur statt Leitkultur? – Welche Haltung Professor Werner J. Patzelt in der Debatte um eine deutsche Leitkultur vertritt, erfahren Sie in der Ausgabe der „Tagespost“ vom 8. November 2018.

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