Mini-Tuber

Kinder werden zu den neuen Influencern auf "YouTube" - Diese Form der Vermarktung des eigenen Nachwuchses ruft Kritiker auf den Plan. Von Josef Bordat
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Foto: dpa | Viele sogenannte „Influencer“ tummeln sich auf der Plattform Youtube. Die meisten sind junge Erwachsene. Es gibt allerdings auch schon Kinder.

Arantxa lebt mit ihrer Familie in Alicante und ist im Marketing tätig. Sie verdient etwa 5 000 Euro im Monat und ist landesweit bekannt. Die von ihr produzierten Werbevideos werden von Millionen Menschen gesehen, Menschen, die ihre Kaufentscheidung danach ausrichten. Das Besondere an Arantxa: Sie ist sieben Jahre alt.

Arantxa ist eine „Mini-Tuberin“. Mini-Tuber sind Mädchen und Jungen zwischen zwei und 14 Jahren, die auf dem Video-Portal „YouTube“ Filme einstellen (lassen), die sie beim Spielen, Basteln, Schminken, Lesen und Feiern zeigen. Gefördert von den Eltern und gesponsert von den Herstellern und Händlern der dabei eingesetzten Produkte entsteht so eine neue Form von Werbung, die bisher unter dem Begriff „Influencing“ bekannt ist. Influencer jedoch sind Jugendliche oder junge Erwachsene. Mini-Tuber sind Kinder.

Arantxas Kanal „Los juguetes de Arantxa“ („Arantxas Spielzeug“), der momentan 2,6 Millionen Abonnenten zählt, ging im Januar 2015 auf Sendung. Damals war sie vier Jahre alt. Ihre wöchentlich erscheinenden Clips werden millionenfach aufgerufen, das Video, das zeigt, wie sie zu ihrem Geburtstag ein pinkes Plastikschloss geschenkt bekommt, erreichte 18 Millionen Klicks. Von ihrer Mutter gefragt, bei wem sie sich für das Geschenk, über das sie sich ausgiebig freut, denn bedanken möchte, nennt sie den Namen der Herstellerfirma, den Mama noch mal etwas deutlicher wiederholt, bevor sie im betont lockeren Gespräch mit ihrer Tochter die Vorzüge des Modells erläutert.

Ein Einzelfall? Wegen des Erfolgs der kleinen Arantxa sicher ein besonders auffälliges Beispiel, das auch von spanischen Kommunikationswissenschaftlern gern aufgegriffen wird. Doch der Wahnsinn hat Methode. Im englischen Exeter eröffnete eine Akademie für Mini-Tuber („Tubers – the Video Creators Academy“), auf der zurzeit rund 200 Kinder ausgebildet werden. In einem Interview für den Fernsehsender „Arte“ nach den Motiven der Eltern und den Möglichkeiten kommerzieller Ausschlachtung der technischen Kenntnisse gefragt, bricht der Gründer der Werbeikonenschmiede das Gespräch kurzerhand ab: „So führt man kein Interview! Sie sind unhöflich!“ Doch die Frage nach den Motiven drängt sich unweigerlich auf. Ist das ganze ein harmloses Kinderspiel? Auch, wenn es so beginnt – bleibt es das, wenn man dem Druck unterliegt, regelmäßig neue Videos über die zwanghaft-zwanglose Verwendung von Puppen, Autos und Plastikschlössern zu produzieren, weil es eben genauso regelmäßig neues Spielzeug gibt, das vermarktet werden will? Welche Rolle spielen die Eltern, die ihre Kinder vor laufender Kamera fragen, was denn ihr Lieblingsutensil sei – und dieses dann exakt den Namen nennen, dessen Träger das Ganze gut bezahlt? Und wenn das Lachen dazu nicht authentisch genug ist, kann man die Aufnahme ja wiederholen.

Kritiker wie Michele Creoff, die Vorsitzende des französischen Kinderschutzbundes, sprechen offen von „Kinderarbeit“. Sie fordert die Anwendung der rechtlichen Schutzvorschriften, die für minderjährige Schauspieler gelten, auch für die heimische Videoproduktion. Hier ergibt sich freilich das Problem der Rechtsdurchsetzung: In die Familie einzugreifen und Kinder aus dem Wohnzimmer-Set zu befreien, ist wohl nur in Extremfällen ein Mittel rechtsstaatlicher Wahl. Michele Creoff setzt daher auf die Einsicht der Eltern und eine Art freiwillige Selbstbeschränkung der Branche.

Doch die Eltern profitieren finanziell. Fehlt ihnen die Arbeit – was etwa in Spanien nicht so selten vorkommt – werden die Kinder schnell zu den Ernährern der Familie. Eine Chance, ein Ausweg aus der Armutsfalle gar? In Ausnahmefällen mag das so sein, generell jedoch stellt Michele Creoff die richtigen Forderungen zum Schutz der Kinder. Der britische Entwicklungspsychologe John Oates geht noch weiter: Er sieht eine große Gefahr für die seelische Stabilität der Mini-Tuber, wenn diese eines Tages feststellen, in welches System sie eingebunden waren. Oder auch, wenn irgendwann der Erfolg ausbleibt und ein neuer Mini-Tuber den Platz in der Social Media-Werbung des Spielwarenherstellers einnimmt.

Trotz dieser Bedenken scheint der Marketing-Branche der Mini Tuber-Nachwuchs so schnell nicht auszugehen: Einer Umfrage zufolge träumen drei von vier Kindern in Frankreich davon, auf „YouTube“ in Szene gesetzt zu werden. Lokführer und Popstar, Super-Modell und Fußballprofi – das war gestern. Der neue Lebenstraum heißt YouTuber. Als Mini-Tuber kann es gleich losgehen.

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