Musikgeschichte

Technologie macht die Musik

Musik und Technik hängen eng miteinander zusammen und haben einander oft verändert. Tobi Müller spürt diesen Entwicklungen nach.
Musikkassetten
Foto: dpa | Mit der Compactkassette fing die Musik an, mobil zu werden. Heute kommt sie aus dem Internet und bedarf keines Trägermaterials mehr.

Das Cover des Buches ist in einem so typischen 70er-Jahre-Design gestaltet, dass es sofort an die Zeit erinnert: „Play Pause Repeat“ von Tobi Müller befasst sich mit Popmusik und der dazugehörigen Technologie. Dass es zwischen Musik und Technologie einen Zusammenhang gibt, fällt vielleicht erst auf den zweiten Blick auf. Der Autor geht genau diesen Zusammenhängen nach.

Geboren 1970 beginnt er – aus seiner Sicht logisch – mit der Kassette als ihn prägendem Trägermedium und setzt damit eigentlich bereits zu spät an, um das von ihm behandelte Phänomen in voller Tiefe zu erfassen. Denn das Tonband, jener Monsterapparat mit zwei Spulen, war im Grunde der erste tragbare Musikspeicher und -emitter mit freier Auswahl der Liedfolge. „Hier sind alle meine LPs drauf!“, wedelte mir damals ein Schulkollege stolz eine BASF-Tonbandspule entgegen. Die Kassette, mit der Müller seine Beschreibung beginnt, war dann allerdings in der Tat noch mal ein Quantensprung, denn der zur Kassette dazugehörende Kassettenrekorder funktionierte mit Batterien und konnte deswegen an jeden Ort mitgenommen werden. Dabei war das Gerät im Hause der Eltern zunächst gar nicht für Musik gedacht.

„Man ging dort hin, suchte aus einem Katalog bis zu drei Schallplatten aus,
bekam einen Platz zugewiesen, setzte sich Kopfhörer auf
und genoss die Musik in bester Qualität“

Nicht allein die Abspielgeräte haben einen großen Einfluss auf die Art der Musik. Große Konzerte fanden zwar auch schon in den 1960er-Jahren statt, aber erst die Entwicklung leistungsfähiger Verstärker macht es möglich, wirklich große Events auch angemessen zu beschallen. Müller beschreibt, wie einige Konzerte es dann auf legendäre, regelrechte „Monsterlautstärken“ brachten, die dem Musikgenuss den Gehörschaden als Gratiszugabe hinzufügten. Ebenfalls laut, aber nur individuell laut, wird es durch den Kopfhörer. Hier beschreibt der Autor sehr plastisch am Beispiel der Musik von Mike Oldfield, welchen Effekt ein Kopfhörer haben kann. Gegen Ende der 70er Jahre mit der aufkommenden Punk- und Diskomusik wird die Musik dann wieder sozialer: Der Kopfhörer taugt schlicht nicht zum Tanzen.

Musik lernt mit dem Walkman laufen

Den nächsten großen Schritt stellt der Walkman dar. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn Müller den Walkman als das Smartphone der 80er Jahre bezeichnet. Nicht nur der Preis ist vergleichbar – auch die sozialen und kulturellen Diskussionen rund um diese Geräte ähneln sich. Fakt ist: Musik wird endgültig mobil.

Den nächsten Quantensprung stellt, wie Müller zu Recht zeigt, die CD: Musik wird erstmals digital. Das bedeutet aber auch, dass sie beschnitten wird. So wenig wie der Kreis zum Quadrat werden kann, kann die Sinuswelle einfach so zum digitalen Signal werden. Ein wenig schade ist, dass diese technische Revolution im Buch etwas zu kurz kommt. Umso ausführlicher ist die Beschreibung eines neuen Phänomens in den 1980er-Jahren, nämlich der Musiksender. Die Mutter dieser Sender ist MTV, 1981 in den USA gegründet. Es dauerte einige Jahre, bis MTV auch in Deutschland zu empfangen war. Er stellte, wie Müller beschreibt, einen „Overkill für die Sinne“ dar.

„Live Aid“ war ein Milliardenevent

An dieser Stelle des Buches fällt ins Auge, wie schnell Musik zu einem Massenphänomen wird, sobald dies technisch möglich wird. Das Konzert „Live Aid“ im Jahr 1985 schauten 2 Milliarden Menschen, das sind rund 25 Prozent der Weltbevölkerung. Dazu kommt, dass populäre Musik in den 80er Jahren generationenübergreifend wird. Sie wird zudem omnipräsent. Während der Autor beschreibt, wie überschaubar die Anzahl der Tonträger ins seinem Besitz Anfang der 1980er-Jahre war, kommt die Musik plötzlich aus anderen Quellen und wird in mehr Situationen verfügbar.

Einen erneuten technologischen Fortschritt im Rang einer Revolution hat das mp3-Format, welches das Fraunhofer-Institut in den 80er Jahren entwickelt. Das Ziel ist es, ein digitales Format zu entwickeln, bei dem eine hinreichend gute Qualität der Musik gegeben ist.

Hier beschreibt Tobi Müller, welche Herausforderung digitalisierte Musik darstellt: Mit den Kniffs und Überlegungen, die man am Fraunhofer-Institut angestellt hat, um das zu erreichen, kann man erkennen, wie leicht menschliche Sinne zu täuschen sind oder ins Positive gewendet, wie wir einfach ergänzen, was fehlt. Trotzdem waren die ersten komprimierten Musikformate doch eher von minderer Qualität.

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Der Formatwildwuchs führte oft zu illegalen Handlungen

Müller vergisst nicht zu erwähnen, welches auch destruktive Potenzial mp3 hatte, da zumindest in der Theorie die ungebremste Verbreitung illegaler Kopien möglich war. Von Napster und anderen Sharingportalen war man noch weit entfernt, weil der Zugang zum Internet begrenzt war. Doch mit der Verbreitung des Internet herrschte zumindest für einige Jahre musikalische Anarchie im Netz.

Das Buch geht weiter voran mit der Erfindung des iPod und des iPhones. Langsam dringen wir in unsere Zeit vor und es endet bei den Streamingdiensten. Spotify steht besonders im Fokus. Die Menge an Musik, die der Einzelne heute in der Hosentasche mit sich herumtragen kann, ist theoretisch unbegrenzt. Es fehlt vielleicht noch der Hinweis auf die Bluetooth-Technologie und die Möglichkeit, mithilfe des Smartphones und eines tragbaren Lautsprechers problemlos den Marktplatz einer Kleinstadt beschallen zu können. Ging früher am Strand der Frage, ob wir noch eine Seite von der C60-Kassette hören, die Frage voraus, ob noch jemand vier Batterien dabei hat, stellt heute allenfalls das Datenvolumen der Jugendlichen ein Problem dar.

Fazit: „Play Pause Repeat“ ist angenehm zu lesen und noch dazu kenntnisreich geschrieben. Sehr gelungen ist es, wie der Autor einzelne Künstler oder einzelne Musikstücke mit den jeweiligen technischen Epochen in Verbindung bringt. Leser ähnlichen Alters erleben ein Déja-vu nach dem anderen.

Unvorstellbar: Musikkonserven in bestimmten Einrichtungen bewusst anhören

Man hätte natürlich noch einiges hinzufügen können – wie beispielsweise eine typische Musikbibliothek der 1970er-Jahre zu beschreiben. Man ging dort hin, suchte aus einem Katalog bis zu drei Schallplatten aus, bekam einen Platz zugewiesen, setzte sich Kopfhörer auf und genoss die Musik in bester Qualität. Wer würde sich heute diese Zeit nehmen?

Neben den technischen Entwicklungen beschreibt Tobi Müller auch die abhanden gekommene Fähigkeit, Musik linear – also eine ganze Platte bis zum Ende – zu hören. Lineares Lesen des Buches empfiehlt sich ebenfalls, denn neben der Technik und den Zusammenhängen mit der Entwicklung der Popmusik enthält das Buch eine Menge kulturelle Zeitgeschichte. Ein kleiner Malus sind die gegenderten Formulierungen, die, obwohl zurückhaltend eingesetzt, dennoch verärgern, weil sie den Lesefluss stören.


Tobi Müller: Play Pause Repeat. Was Pop und seine Geräte über uns erzählen.
Hanser Berlin 2021. ISBN 978-3-466-27110-4, EUR 23,-

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