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Mel Gibson: Antisemit oder Opfer von Katholikenhass?

Winona Ryder wirft Mel Gibson vor, 1996 ihr gegenüber einen antisemitischen Ausdruck verwendet zu haben. Gibson weist zwar die Vorwürfe zurück, sieht sich dennoch heftigen Angriffen ausgesetzt.
Mel Gibson
Foto: dpa | Mel Gibsons Karriere verlief steil. Bekannt ist der bekennende Katholik unter anderem für seinen Film "Die Passion Christi".

Mel Gibson, der als sechstes von zehn Kindern einer irisch-stämmigen, katholischen Familie im US-Bundesstaat New York geboren wurde und teilweise in Australien aufwuchs, feierte bereits als 23-Jähriger seinen ersten Erfolg als Schauspieler in „Mad Max“ (1979). 1987 machte ihn die Rolle eines labilen Polizisten in „Lethal Weapon“ weltberühmt. Er wechselte dann nicht nur ins dramatische Fach, sondern gründete auch 1989 seine eigene Produktionsfirma „Icon“, und führte 1993 erstmals in „Der Mann ohne Gesicht“ Regie. Mit „Braveheart“ erreichte Gibson 1995 einen ersten Höhepunkt seiner Karriere: Der Film gewann fünf Oscars, darunter für Besten Film und Beste Regie, und wurde in fünf weiteren Kategorien nominiert.

So weit, so bilderbuchmäßig die Hollywood-Karriere des Mel Gibson. Dann aber kam die entscheidende Zäsur, als der katholische Filmemacher einen den Evangelien treuen, realistischen Film über die letzten zwölf Stunden im Leben Jesu ankündigte. Noch ehe „Die Passion Christi“ fertiggestellt, geschweige denn 2004 in den Kinos uraufgeführt wurde, schlug Mel Gibson eine Welle der Empörung entgegen.

Selten: Ein konservativer Katholik in Hollywood

Gibsons Leben und insbesondere seine religiösen Überzeugungen wurden unter die Lupe genommen. Als „Traditionalist“ hat Mel Gibson offenbar seine Probleme mit dem Zweiten Vatikanum, und bevorzugt eher die „Alte Messe“. Als ihm später Trunkenheit am Steuer nachgewiesen wurde, und seine jahrzehntelang als vorbildlich geltende Ehe in die Brüche ging, wurde dies mit Schadenfreude breitgetreten. Als „konservativer Katholik“ passt Gibson bestimmt nicht in den „Mainstream“ Hollywoods. Seine Widersprüche muss er jedoch mit sich selbst ausmachen. Stutzig macht allerdings, dass weder das private Leben des „Jesus Christ Superstar“-Autors Tim Rice noch der eigenwillige Katholizismus von „Die letzte Versuchung Christi“-Regisseur Martin Scorsese gleichermaßen durchgekämmt wurden. Ganz offensichtlich wird hier mit zweierlei Maß gemessen.

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Im Zusammenhang mit „Die Passion Christi“ wurde insbesondere der schwerwiegende Vorwurf des Antisemitismus laut. Obwohl etwa Rabbiner Daniel Lapin in „Jewsweek“ vom 3. Oktober 2003 Mel Gibson in Schutz nahm, haftet seitdem dem Regisseur der Geruch an, antisemitisch eingestellt zu sein.

Zu den diffusen Verdächtigungen kommen jetzt neue (oder eher alte) Vorwürfe hinzu. Am 21. Juni wiederholte Schauspielerin Winona Ryder im Interview mit der britischen „Sunday Times“ die Vorhaltungen, die sie bereits 2010 im Magazin „GQ“ äußerte: Bei einer Party „um das Jahr 1996“ habe ein betrunkener Mel Gibson zu ihr „irgendetwas über ,oven dodgers‘ (etwa ,Krematorium-Schwindler‘)“ gesagt. „Aber ich habe es nicht verstanden. Ich hatte den Ausdruck noch nie gehört. Niemand glaubte mir.“ Mel Gibson wies sofort solche Vorwürfe kategorisch zurück. „Dies ist 100 Prozent nicht wahr“, teilte ein Sprecher mit. Ryder habe schon vor zehn Jahren darüber gelogen und nun würde sie wieder lügen, hieß es in der Mitteilung. Und weiter: Mel Gibson „hat sich damals an sie gewandt, um sie mit ihren Lügen zu konfrontieren. Aber sie weigerte sich, sich mit ihm darüber zu unterhalten.“ Obwohl Mel Gibson die Anschuldigungen vehement bestreitet, hat die durch Winona Ryders Aussage losgetretene Empörung dazu geführt, dass Netflix Gibsons Engagement in der Fortsetzung des Knetanimationsfilms „Chicken Run“ gekündigt hat.

Aufrufe zum Boykott gegen Gibson

Allerdings genießt Mel Gibson mit seiner eigenen Produktionsfirma „Icon“ eine gewisse Unabhängigkeit. „Icon“ produzierte etwa „Apocalypto“ (2006), Gibsons nächste Regiearbeit nach „Die Passion Christi“. „Icon“ gehört ebenfalls zu den Koproduktionsfirmen des nächsten und bislang letzten Films, bei dem Mel Gibson auf dem Regiestuhl Platz nahm: „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“ (2016) brachte ihm eine Oscarnominierung ein.

Dennoch: Die Angriffe gegen ihn gehen trotz seiner Zurückweisung der Vorwürfe Winona Ryders weiter. So schrieb am 24. Juni Ariel Sobel in „Jewish Journal“ unter der Überschrift „Mel Gibsons Comeback hätte nie stattfinden dürfen“ gerade im Hinblick auf „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“: „Ryders wieder aufgetauchte Anschuldigungen wegen Antisemitismus erinnern uns daran, dass Gibsons Comeback nie verdient war.“ Das Branchenblatt „Film Daily“ ruft sogar zum Boykott auf: „Hört auf, seine Filme zu sehen.“

Die „Die Passion Christi“ wurde ihm nicht verziehen

Der bekannte Drehbuchautor Joe Eszterhas erzählte am 26. Juni im Gespräch mit „The Times of Israel“, im Jahre 2010 habe ihn Mel Gibson kontaktiert, um ein Drehbuch zu einem Film über die Makkabäer zu entwickeln – einem Film, der freilich nie realisiert wurde. Laut Eszterhas habe Gibson abfällige Namen für Juden („Hebes“, „Jew boys“) gebraucht. Außerdem habe Gibson zu ihm gesagt: „Was ich wirklich mit diesem Film möchte, ist die Bekehrung der Juden zum Christentum.“ Er selbst sei bald zu dem Schluss gekommen, dass Gibson nie die Absicht habe, einen Film über die Makkabäer zu drehen. Vielmehr sei das als „jüdisches Braveheart“ angekündigtes Projekt lediglich ein Versuch gewesen, „von den anhaltenden Vorwürfen des Antisemitismus“ abzulenken.

Was steckt hinter solchen Anschuldigungen? Über die Empörung über den tatsächlichen oder angeblichen Antisemitismus hinaus haben offensichtlich viele Menschen in der Film- und Medienwelt Mel Gibson „Die Passion Christi“ nicht verziehen. So schreibt Rabbiner David Baron aus dem kalifornischen Beverly Hills am 29. Juni in „The Algemeiner“: „Gibsons extremistische katholische Hassdoktrin war in seinem Film ,Die Passion Christi‘ offensichtlich.“

Bezeichnend dafür ist ebenfalls, was Jesus-Darsteller Jim Caviezel bereits 2011 der „Huffington Post“ sagte: Mel Gibson habe ihn vor den Dreharbeiten gewarnt: „Ich möchte, dass du weißt, worauf du dich da einlässt. Es kann sein, dass du danach in dieser Stadt nicht mehr arbeiten kannst.“ Tatsächlich hat der einst vielversprechende Schauspieler, der etwa in Terrence Malicks „Der schmale Grat“ (1998) die Hauptrolle spielte, seit seiner Jesus-Darstellung lediglich in kleinen Produktionen mitgespielt.

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