Feuilleton

Lob der TV-Vielfalt

Twin Peaks, The Young Pope und Co.: Im neuen „Goldenen Fernsehserien-Zeitalter“ kommt der Zuschauer auf seine Kosten – auch was seine spirituellen Sehnsüchte betrifft. Von Stefan Ahrens
Filmszene aus "The Young Pope"
Foto: obs/Sky Deutschland | Evangelisation auf die lässig orthodoxe Art. Die Serie „The Young Pope“ mit Jude Law als Pius XIII. begeistert TV-Fans.

Sie läuft wieder: Die von Mark Frost und David Lynch konzipierte US-Mystery-Serie „Twin Peaks“. Nach rund 26 Jahren Pause ist in diesen Tagen die insgesamt dritte Staffel gestartet. Damals – von 1990 bis 1991 – wurde der von Kyle MacLachlan gespielte FBI-Special Agent Dale Cooper in die US-Kleinstadt Twin Peaks geschickt, um den Mord an der Highschoolschönheit Laura Palmer aufzuklären. Ganz Amerika stellte sich Woche für Woche die Frage, wer Laura Palmer ermordet haben könnte – und Regisseur David Lynch („Blue Velvet“, „Mulholland Drive“) ließ seinen FBI-Agenten in 30 Folgen und einem 1992 sich anschließenden Kinofilm („Twin Peaks – Fire Walk With Me“) ein Labyrinth aus Sex, Drogen, Lügen und Gewalt aufdecken, das sich hinter der idyllischen Kleinstadtfassade von Twin Peaks verbarg. Vor allem in der zweiten Staffel traten zusätzlich übernatürlich-surreale Elemente immer stärker in den Vordergrund – und als in der Staffelmitte Laura Palmers Mörder enttarnt wurde, führte dieses zu massiven Quoteneinbrüchen und schließlich zur Einstellung der Serie durch den damaligen Sender ABC.

Dass der US-Sender Showtime (auf dem unter anderem die Agentenserie „Homeland“ läuft) der Serie nun Jahrzehnte später überhaupt eine dritte, mit 18 neuen Episoden ausgestattete Staffel ermöglicht – und diese zeitgleich in rund 38 Ländern anläuft – liegt zum einen an der sich nach dem Serienende rasch gebildeten weltweiten Kultanhängerschaft von „Twin Peaks“, die sich seit vielen Jahren eine Fortschreibung der Seriengeschichte gewünscht hat. Andererseits gilt die Serie auch unter einer Mehrzahl von Kritikern als Mutter des gegenwärtigen US-Qualitätsserienfernsehens, die mit ihrer ungewöhnlichen Mischung aus surrealen Bildern und komplexer Handlung den Grundstein für das „Goldene Fernsehserienzeitalter“ gelegt hat, von dem aktuell gesprochen wird.

Wenn sich Special Agent Cooper im Jahr 2017 nun also erneut auf den Weg nach Twin Peaks macht, dann tut er dieses in einem durch die Ursprungsserie mitverursachten vollkommen veränderten Serien- und Fernsehumfeld. Denn im Gegensatz zum Jahr 1991, in dem „Twin Peaks“ in der Tat noch als Monolith in der TV-Serienlandschaft betrachtet werden konnte, liefen nicht nur seitdem eindeutig von „Twin Peaks“ inspirierte Serien wie „Akte X“ (1993–2002; seit 2016 Weiterführung) oder „Lost“ (2004–2010) im frei zugänglichen Fernsehen, sondern auch Pay-TV-Sender wie HBO (Sender von „Game of Thrones“, der momentan erfolgreichsten Serie der Welt) entdeckten Ende der 1990er Jahre das Geschäft mit ungewöhnlich erzählten und anspruchsvoll aufbereiteten Serien.

Befreit von Quotendruck, Werbeabhängigkeit und zu strengen Jugendschutzvorgaben konnte man es im Bezahlfernsehen wagen, Serieninhalte zu bringen, die an anderer Stelle als zu riskant oder zu opulent eingestuft worden wären. Hiervon profitierten nicht nur HBO-Gangsterserien wie „Die Sopranos“ (1999–2007), „The Wire“ (2002–2008), oder das von Regielegende Martin Scorsese produzierte „Boardwalk Empire“ (2010–2014), sondern ebenso auch andere Fernsehsender, die dazu ermutigt wurden, mit gewohnten Sehgewohnheiten zu brechen und Serien zu konzipieren, die romanähnliche Erzählweisen aufwiesen und ausgesprochene Antihelden als Protagonisten einführten – wie beispielsweise den skrupellosen und buchstäblich über Leichen gehenden US-Politiker Frank Underwood in der Politserie „House of Cards“ (seit 2012), den New Yorker Werbetexter Don Draper in der in den 1960er Jahren spielenden Serie „Mad Men“ (2007–2015) oder den vom Chemielehrer zum Drogenbaron aufsteigenden Walter White in „Breaking Bad“ (2008–2013). Ganz zu schweigen von den Massenmördern „Dexter“ und „Hannibal“ in den jeweils gleichnamigen Serien.

Man muss nicht Agent Cooper sein, um festzustellen: Im Fernsehen – ob frei verfügbar oder gebührenpflichtig – sowie auf Streamingplattformen und -diensten wie Netflix, Hulu oder Amazon Prime (auf denen komplette Serienstaffeln per Mausklick abrufbar sind und so vom normalen Analogfernsehprogramm unabhängig geschaut werden können) sind der Serien-Vielfalt gegenwärtig keine Grenzen gesetzt. Egal ob von Comedy bis Crime, von Fantasy bis Science Fiction oder von Thriller bis Drama: Kein Genre bleibt unangetastet, fast jedes – auch anspruchsvolle – Thema kann visuell behandelt werden.

Hierbei sind beispielsweise Serien wie „Westworld“, „Mr. Robot“, „Real Humans“, „Orphan Black“ oder „Person of Interest“ zu nennen, die mal im Science Fiction- oder im Thriller- oder Krimigewand daherkommend im Zeitalter von 9/11, NSA-Überwachung oder Google und Co. die Gefahren von Künstlicher Intelligenz thematisieren – egal ob es sich hierbei um durch die moderne Technologie ermöglichte massive Überwachungsmöglichkeiten, Hackerangriffe auf Konzerne und Staaten oder das Schaffen von Klonen und menschenähnlichen Robotern geht.

Aber auch religiöse Fragestellungen kommen in heutigen Serien nicht zu kurz – und das auf vollkommen unterschiedliche Art und Weise. In der erst seit wenigen Wochen laufenden und visuell neue Wege beschreitenden Fantasy-Serie „American Gods“ (nach dem gleichnamigen, 2001 erschienenen Roman von Neil Gaiman) geht es beispielsweise um einen epischen Kampf zwischen „alten“ und „neuen“ Göttern: Nordische, keltische, afrikanische und indische Göttergestalten treten dort gegen die sogenannten „Gottheiten unserer Tage“ an: Technik, Medien, Drogen und Finanzmärkte.

Etwas realistischer geht es in der seit 2016 laufenden Serie „The Path“ mit „Breaking Bad“-Darsteller Aaron Paul zu. Dort geht es um die Mitglieder einer (fiktionalen) Religionsgemeinschaft/Sekte, die sich „Meyerism“ nennt und deren totalitäre Strukturen. Oder auch in der Serie „Dein Wille geschehe“, die in einem fiktiven Priesterseminar französischer Kapuzinerpatres spielt.

Interessanterweise konnte sogar das Papsttum vor kurzem einen großen Serienerfolg feiern: Nämlich in der von Oscarpreisträger Paolo Sorrentino („Die Große Schönheit“) inszenierten zehnteiligen Miniserie „The Young Pope“. In dieser in der Jetztzeit spielenden Pope Opera verkörpert der britische Schauspieler Jude Law („Der talentierte Mr. Ripley“, „Sherlock Holmes“) den fiktiven jungen New Yorker Erzbischof und Kardinal Lenny Belardo, der vollkommen überraschend im Konklave als erster Amerikaner zum neuen Papst gewählt wird. Doch anstatt, wie es manche Kardinäle sich erhofft hatten, eine junge und unerfahrene Marionette abzugeben, erweist sich der Cherry Coke Zero trinkende und kettenrauchende Belardo als Verfechter der kirchlichen Tradition und leitet bereits mit seiner Namenswahl – Pius XIII. – eine radikale Abkehr vom Zweiten Vatikanischen Konzil ein. In erlesenen Bildern und mit durchaus philosophischer und theologischer Tiefe lotet Meisterregisseur Sorrentino den Konflikt zwischen Pius XIII. und „seinen“ Kardinälen aus – die katholische Bloggerin Kristina Ballova vom Blog „Frau mit Eigenschaften“ kommentierte nach Sichtung aller zehn Folgen von „The Young Pope“ folgerichtig: „Schlichtheit, Volksnähe und Toleranz stehen bei (Pius XIII.) nicht auf dem Programm. Die Kirche ist keine Demokratie und braucht zu ihrem Überleben mehr die Nähe zu Gott als zum Menschen. Das ist ihr Konzept und das hat ihr Überleben durch die Jahrhunderte ermöglicht. Deshalb wird (in der Serie) die Tiara aus Washington zurückgeholt und die lateinische Liturgie wieder hergestellt und müssen die Kardinäle dem Papst den rot beschuhten Fuß küssen. Das alles, nur damit die Kirche sich wieder wie eine Diva erobern lassen kann. (Regisseur und Serienerfinder Paolo) Sorrentino präsentiert damit einen eindrucksvollen Gegenentwurf zur Kirche des Papstes Franziskus: mystisch, tief und sexy.“

Klar, dass eine Fortsetzung zu „The Young Pope“ längst geplant ist – und zwar in Form einer Nachfolgeserie mit dem Titel „The New Pope“, die wohl 2019 ausgestrahlt werden wird. Denn – und das kann man durchaus als befreiend empfinden: Im Goldenen Fernsehserienzeitalter“ ist es durchaus möglich, mehrere (Serien-)Götter zu haben.

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