Metamorphose

Simone Weils: Von der Sozialrevolutionärin zur katholischen Mystikerin

Die Verwandlung Simone Weils von der linken zur Hingabe an den Glauben löst bis heute Irritationen aus.
Simone Weil 1909-1943 in ihren Schulmädchenjahren
Foto: IMAGO / Photo12

Für T. S. Eliot besaß sie das „Zeug zu einer Heiligen“. Jean Améry dagegen sah in ihr eine verirrte Gegenaufklärerin, die von reaktionären Ideen wie dem Ständestaat umnebelt gewesen sei. Andere „progressive“ Intellektuelle zeigten sich von ihrer Großherzigkeit beeindruckt. So kolportierte die später als feministische Ikone der 68er-Bewegung Berühmtheit erlangende Philosophin Simone de Beauvoir aus der Zeit ihres Studiums in Paris die Anekdote, Simone Weil sei in Tränen ausgebrochen, als sie von einer Hungersnot in China erfahren habe.

Zu sentimentalen Vereinnahmungen dieser Art hat der Schriftsteller Roberto Calasso das Nötige gesagt: „Im Unterschied zu Simone de Beauvoir“, ätzte der scharfsinnige Autor, der mit Nachdruck an die philosophische Größe der Weil gemahnte, „werden wir uns nicht mit einigen Schluchzern über China zufriedengeben.“

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Beeindruckende Zeugnisse ihrer denkerischen Agilität

Tatsächlich ist es die denkerische Klasse der Weil, die neben ihrer religiösen Intensität immer noch Bewunderung hervorruft. Simone Weil, die 1909 in Paris zur Welt kam und in einem gebildeten jüdischen Elternhaus aufwuchs, verfügte über ein breites philosophisches, mathematisches, naturwissenschaftliches und religionsgeschichtliches Wissen, das sie in ihren schonungslosen Erörterungen religiöser und politischer Fragen virtuos abzurufen verstand. Dabei gestaltete sich ihre Intellektualität nie abstrakt. Selbst wenn sie sich mit Zahlen und Formeln, alten religiösen Texten oder philosophischen Detailfragen befasste, nährte sich ihr Denken aus Erfahrungen, war es rückgebunden an ihr rastloses, verzweifeltes Leben, das am 24. August 1943 in einem Sanatorium der englischen Stadt Ashford schließlich ein tragisches Ende fand.

Simone Weil starb im Alter von 34 Jahren an Herzversagen, ausgelöst durch eine Lungentuberkulose, die aus Sicht ihrer Ärzte heilbar gewesen wäre, wenn die Erkranke das Essen nicht verweigert hätte. Die Philosophin hatte den Tod gesucht, was ihrer an Meister Eckhart gemahnenden Idee der „décréation“, der totalen Entleerung und Ich-Zersetzung, die den Weg freimachen soll für den ins Innerste der Seele einströmenden Gott, den Makel einer suizidalen Dimension verlieh.

„Als größte Provokation der Cahiers erwies sich die religiöse Richtung,
die die Philosophin einschlug
und die mit einiger Wahrscheinlichkeit im Schoß der katholischen Kirche mündete“

In den Jahren 1941 und 1942, der Zeit unmittelbar vor ihrem Tod, verfasste sie den Großteil ihrer bekannten Notizbücher. Mit dem ersten Heft, das sie später verwarf, hatte sie bereits 1933 begonnen. Die Cahiers kamen nach dem Tod der Autorin heraus. Sie galten schon bald nach Erscheinen als eines der beeindruckendsten Zeugnisse für die geistige Agilität von Simone Weil. Die Denkerin behandelte in den Notaten eine Fülle von politischen, religiösen und philosophischen Fragen. Als größte Provokation der Cahiers erwies sich die religiöse Richtung, die die Philosophin einschlug und die mit einiger Wahrscheinlichkeit im Schoß der katholischen Kirche mündete.

Jedenfalls bezeugte ihre Freundin Simone Deitz gegenüber der US-amerikanischen Weil-Gesellschaft und dem Dominikanerpater Joseph-Marie Perrin, Simone Weil im Jahre 1943 in London getauft zu haben. Ob dies stimmt oder nicht, kann heute niemand mit Gewissheit sagen. Umso auffälliger ist die Zwanghaftigkeit, mit der die Taufe der Philosophin für gewöhnlich bestritten oder schweigend unter den Tisch gekehrt wird. Es geht darum, das progressive Image der Autorin zu retten, die man als Kapitalismus-Kritikerin gut gebrauchen kann, deren mystische Regungen jedoch Unbehagen hervorrufen. Dabei belegen die Cahiers eindeutig die Loslösung der Philosophin von jeglichem politischen Idealismus, ob er nun marxistisch, pazifistisch oder menschenrechtlich begründet ist.

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Die tiefe Erfahrung gregorianischer Gesänge

Simone Weil lässt keinen Zweifel an der Ablehnung weltlicher Erlösungslehren. Es ist kein Heil ohne Gott, ganz gleich, wie die Produktionsmittel verteilt sind und welche institutionellen Veränderungen die Menschen herbeiführen, um sich das Leben im Staat angenehmer zu machen. Ironischerweise ähneln die Gründe, die sie gegen politische Heilserwartungen anführt, denjenigen, die sie gegen die Taufe vorbringt. Simone Weil pflegt in den „Cahiers“ einen spirituellen Radikalismus, der sich jeglicher Institutionalität verweigert. Deshalb schreckt sie zunächst vor der Kirche zurück. Sie fürchtet deren weltliche Macht.

Dennoch sucht sie in ihren letzten Lebensjahren die Nähe zur katholischen Intelligenz und macht ihre entscheidenden mystischen Erfahrungen in kirchlichen Zusammenhängen. In Assisi sieht sie sich 1937 bei einem Aufenthalt in der Kapelle von Santa Maria degli Angeli von einer überwältigenden Macht in die Knie gezwungen. In der Benediktinerabtei Saint-Pierre de Solesmes gewinnen für Simone Weil ein Jahr später die gregorianischen Gesänge während der Gottesdienste die Gestalt eines epiphanen Ereignisses. Schließlich berichtet sie von einem Christus-Erlebnis, das ihr widerfährt, als sie das Gedicht „Love“ des metaphysischen Poeten George Herbert liest und der Erlöser selbst ihr erscheint.

 

Letztlich bleibt noch offen, was Weil tatsächlich dachte

1941 lernt sie den blinden Dominikanerpater Joseph-Marie Perrin kennen, der sie mit dem katholischen Schriftsteller Gustave Thibon bekannt macht. Letzterem vertraut sie 1942 auf einem Bahnhof in Marseille die ersten elf Hefte ihrer Notate an. Thibon komponiert daraus ein Buch, das 1947 bei Plon in Paris unter dem Titel „La pesanteur et la grâce“ erscheint und den Schwerpunkt auf die christlichen Überlegungen der Cahiers legt. 1952 kommt das Buch erstmals in deutscher Sprache heraus. Der Verlag Kösel in München veröffentlicht es unter dem Titel „Schwerkraft und Gnade“ in einer Übersetzung von Friedhelm Kemp.

Dieses lange vergriffene Buch hat der Verlag Matthes & Seitz Berlin neu aufgelegt, ergänzt um ein „Israel“-Kapitel, das in der deutschen Erstausgabe ohne Angabe von Gründen unterschlagen worden war. Die Herausgeberin der Neuausgabe, Charlotte Bohn, und der Verfasser des Nachworts, Frank Witzel, machen ein großes Ding aus dem allseits bekannten Antijudaismus der Weil. Beide projizieren das notorische deutsche Schuldgefühl auf die französische Autorin und bringen deren religiöse Auseinandersetzung mit dem Judentum in einen nebulösen Zusammenhang mit den Verbrechen der Nazis. Das wäre nicht nötig gewesen.

Die Religionsphilosophin Susan Taubes hat bereits Ende der 1950er Jahre gezeigt, dass man sich mit Weils Antijudaismus auch sachlich auseinandersetzen kann. Außerdem trifft Weils Kritik am Judentum, dessen religiöses Zentrum sie unheilbar von weltlicher Macht korrumpiert sieht, mit gleicher Schärfe das historische Christentum und wirft jenseits moralisierender Spekulationen über einen vermeintlichen Antisemitismus der Denkerin eine andere, viel dringlichere Frage auf: nämlich ob die Weil, die alles Imaginäre verachtete und obsessiv nach der höchsten Realität, dem Absoluten strebte – ob diese zur Heiligkeit begabte Denkerin mit dem profanen Leben so große Schwierigkeiten hatte, dass sie zu einer die Welt verachtenden Gnostikerin wurde. Indizien dafür gibt es. Aber es gibt, wie bei jeder großen Denkerin, auch Indizien für das Gegenteil.


Simone Weil: Schwerkraft und Gnade.Herausgegeben von Charlotte Bohn.
Mit einem Nachwort von Frank Witzel.
Matthes & Seitz, Berlin 2020, 249 Seiten, ISBN: 978-3-95757-934-8, EUR 24,–

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