Sein Leben wirkt wie ein Epochen-Gemälde

Er hat sich aus einem Arbeitermilieu in ein eher intellektuelles Künstlermilieu bewegt und behielt dabei einen politisch roten Grundton: Der Würzburger Romancier Leonhard Frank sehnte sich nach Brüderlichkeit unter den Menschen.
Foto: UN | Verstand sich als Proletarier-Kind, das aber etwas werden wollte: der Schriftsteller Leonard Frank.

Auch in der deutschen Literatur der Zwischenkriegs- und Nachkriegszeit Kundige werden beim Namen Leonhard Frank stutzen. Über die Autoren dieser Zeit hat sich Mehltau gelegt. Man will von ihnen nichts mehr wissen, weil man von ihrer Zeit nichts mehr wissen will. Der Handwerkersohn aus Würzburg (1882–1961), der sich den Weg ins Künstlertum erkämpfen musste, vertrat einen in schönen Farben schillernden Humanismus, der ebenso unbestimmt blieb wie sein politischer Standort, der vage auf der linken Seite war. Damals ein vielgelesener Romancier und Dramatiker kann jedenfalls sein an dramatischen Wendungen reiches Leben Interesse erwecken. Die Journalistin Katharina Rudolph hat ihm eine wohlwollende Biographie gewidmet, die auch ein spannendes Zeit-Kaleidoskop der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts bietet, in dem viele bekannte Akteure ihren Auftritt haben.

Er wollte nicht im Proletariermilieu bleiben

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Frank hat sich selber als Proletarier-Kind bezeichnet, dem nicht an der Wiege gesungen worden war, Schriftsteller zu werden. Er entstammte einer evangelischen Familie, die Tagelöhner und Dienstmägde hervorgebracht hatte, so dass Franks Vater, der Schreinergeselle war, bereits einen bescheidenen Aufstieg genommen hatte. Geschlagen in der Schule und geschlagen zu Hause, war die warmherzige Mutter der einzige Halt. Und ein literarisches Vorbild: Sie legte mit 60 Jahren eine in blaue Schulhefte niedergeschriebene Autobiographie vor, die unter fremden Namen sogar erschien und Einblick in das elende Leben der unterbürgerlichen Kreise im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gibt. Bestimmte Züge, so die Autorin, würden sich beim Sohn wiederfinden: „Der einfühlsame Blick für das Leid von Menschen, die vom Schicksal benachteiligt sind, das Aufbäumen gegen Ungerechtigkeiten und das Selbstbewusstsein, zu etwas Größerem fähig zu sein“, wohl auch ein gewisser Hang zur Stilisierung seiner selbst, der auch vor Lügen nicht zurückscheute. Leonhard lernte Schlosser, wollte aber „etwas werden“, wie er später schrieb, „etwas, was eine demütigende, untergeordnete Stellung ausschloss“.

Seit 1904 in München, gelang es ihm an der Akademie der Bildenden Künste aufgenommen zu werden, ein zeichnerisches Talent war sicher vorhanden. Nun konnte er eintauchen in das Bohemién-Leben im Café Stefanie, lernte alle kennen, die damals, wie er, ihr Glück in der Großstadt suchten. Die beiden Stipendien, von denen er sich nährte, waren rasch dahin, die Armut, die er gewohnt war, sollte auf Jahre sein Begleiter sein. Durch die vielfältigen Anregungen und die Museumsbesuche bekam er aber zum ersten Mal in seinem Leben so etwas wie Bildung vermittelt; das Literaten-Café wurde seine „Universität“, wie er später schrieb. Die Weltanschauung formte sich, und zwar auf der linken Seite: So konnte er, schreibt Rudolph, „aus dem diffusen Gefühl persönlicher Unterdrückung, Benachteiligung und Unzufriedenheit allmählich eine übergreifende Kritik an den... gesellschaftlichen Verhältnissen und ein unabdingbares Eintreten für Menschlichkeit, Chancengleichheit und Nächstenliebe entwickeln“. In der Begegnung mit der Psychoanalyse kam er zum Schreiben; die ersten, kurz vor dem Ersten Weltkrieg erschienenen Erzählungen, die um das Schicksal kleiner Leute kreisten, sind Versuche, die eigene Herkunft zu verarbeiten. Seit 1909 in Berlin lebend, glückte ihm dann 1914 ein erster Romanerfolg, „Die Räuberbande“, der ihm den Fontane-Preis und das Lob des Kritikers Max Brod einbrachte, der begeistert von einem „fertigen, ganz eigenwüchsigen Dichter“ sprach. Die gedrechselte Sprache verriet den Handwerker-Sohn.

Frank, mit Johannes R. Becher ebenso bekannt wie mit Theodor Heuss,
spielte das Spiel durchaus geschickt, kassierte die Honorare,
nahm den „Nationalpreis“ der DDR entgegen und das Große Bundesverdienstkreuz.

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Frank war zeitlebens ein langsamer Schreiber, immer auf der Suche nach dem rechten Wort. Offenkundig war nun, dass er seine Berufung gefunden hatte, sozialkritische Romane nämlich, die in der Umbruchszeit nach dem Krieg sehr gefragt waren. Im Debut-Roman gelingt es nur einem, dem Alter Ego des Schriftstellers, der kleinbürgerlichen fränkischen Welt zu entrinnen, während die anderen den Idealen der Jugend untreu und zu den selben kleinen Spießern werden, die ihnen zunächst verhasst waren. Für einige Zeit hat Frank nun Geld und lernt das gute Leben schätzen. Er beschäftigt einen Schneider, kauft ein teures Auto, steigt nur in den besten Häusern ab – und wird später von seinen Verlegern, mit denen er recht unsanft umging, erwarten, dass sie ihm dies finanzieren. In seinem zweiten, noch erfolgreicheren Buch, der Novellensammlung „Der Mensch ist gut“ (1917), wird der Krieg aus der Opfer-Perspektive betrachtet, um, mit heute naiv anmutendem Pathos, der Gewalt mit einer „Mobilmachung der Liebe“‘ zu begegnen. Der Mensch sei dem Wesen nach gut, hieß es dort, unter ausdrücklicher Berufung auf die Bibel. Schon manchem Zeitgenossen kam dies etwas zu simpel vor, wobei der vielfach, auch illegal nachgedruckte und an der Front verteilte Band kurz vor Ende des Krieges einen Nerv traf. Franz Blei, in seinem 1924 veröffentlichten Parodie-Band „Großes Bestiarium der modernen Literatur“, urteilte: „Alles, was der Frank vermag, ist, mit lieben Augen die ihn tretende und stoßende Umgebung anzuflehen, dass sie doch so gut sein möge wie sie sei.“

Das Christentum in einer überkonfessionellen Ausprägung spielte mit hinein, ohne dass Frank selbst religiös gewesen wäre. Die Nächstenliebe erschien ihm als Mittel zur Erlösung der Welt vom Krieg. Allgemeine Brüderlichkeit sollte den Kapitalismus besiegen, war er sich im Austausch mit dem Schweizer Pfarrer Leonhard Ragaz, dem Begründer des religiösen Sozialismus, einig. Franks Platz in der Literatur war also gefunden.

Frank konnte mit Sozialisten und Demokraten

Die klare Positionierung auf der Seite der Opfer, der Proletarier konnte ihn nur zum Sozialismus führen, ohne dass er je bereit gewesen wäre, sich parteipolitisch klar zu deklarieren. Schon gar nicht bei den Kommunisten, die jedoch, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, sehr um ihn buhlten. Im selben Verlag, in dem jetzt diese, seine erste Biographie erschien, kamen in den 1950er Jahren seine Bücher erneut heraus, die im Westen damals schon niemand mehr kannte. Frank, mit Johannes R. Becher ebenso bekannt wie mit Theodor Heuss, spielte das Spiel durchaus geschickt, kassierte die Honorare, nahm den „Nationalpreis“ der DDR entgegen und das Große Bundesverdienstkreuz. Sein Persönlichkeits-Bild bleibt zwiespältig, die Neigung zum Wohlleben, die geradezu mit einer Besitzergreifung des Partners verbundenen Ehen (bei einer eher uninteressiert ausgeübten Vaterschaft), vor allem das typisch linke Bewusstsein moralischer Überlegenheit, nehmen nicht für ihn ein.

Stefan Zweig schreibt im Tagebuch über ihn: „Hart kantig böse, vom Hochmut der radicalen Fanatiker.“ Dieses dann doch etwas harsche Urteil kann nicht verdecken, dass die Kluft zwischen Wunschdenken und politisch Möglichem, die in allen seinen Büchern zutage tritt, nur in der überhitzten Zeit zwischen den Kriegen zu überbrücken war. Als Zeitzeuge aber hat er uns viel zu sagen, sein Leben, samt abenteuerlichen Fluchten und Exil-Aufenthalten in der Schweiz und als Drehbuch-Schreiber in Hollywood, zeigt die Brüche des letzten Jahrhunderts exemplarisch auf und wird von Katharina Rudolph engagiert nacherzählt. Ihr Buch kann wegen der vielen Bezüge neben die Tagebücher des Grafen Harry Kessler gereiht werden.


Katharina Rudolph: Rebell im Maßanzug – Leonhard Frank. Aufbau Verlag,
Berlin 2020,
496 Seiten, ISBN 978-3-351-03724-6, EUR 28,–

 

 

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