Regensburg

Bischof Voderholzer erschließt Quellen in der Krise

Ein mutmachendes Buch für Zeiten der Pandemie.
Bischof Rudolf Voderholzer, ehemalige Dogmatikprofessor
Foto: Bistum Regensburg | Der ehemalige Dogmatikprofessor Voderholzer zeigt vor allem pastoraltheologisches Profil

Das Corona-Virus ist noch nicht besiegt. Doch wer behauptet, die Corona-Pandemie habe das kirchliche Engagement generell und die Verkündigung speziell lahmgelegt, täuscht sich.

Mit zwanzig Beiträgen, überwiegend Predigten, die in den ersten Monaten der Seuche gehalten wurden, gewährt Bischof Voderholzer exemplarischen Einblick ins facettenreiche kirchliche Leben. Er beleuchtet die herausfordernde Gegenwart vom Evangelium her, sieht aber auch im Zeitgeschehen selbst Gott zu Wort kommen. Schickt er uns nicht alle in Quarantäne?, so fragt der Autor angesichts des Lockdowns mitten in der Fastenzeit. Das Wort habe ja ohnehin „denselben Ursprung wie das lateinische Wort für Fastenzeit Quadragese“. Gemeint ist eine Sonderzeit von vierzig Tagen, quadraginta, eine Zeit, die man „in Abgeschiedenheit und Ausheilung“ verbringen soll. Könnten nicht auch wir die Zeit der Quarantäne nutzen, „dass aus der Quarantäne eine wahre Quadragese wird, eine Zeit der Gnade, des Gebetes, des Fastens und der Nächstenliebe“?

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Der ehemalige Dogmatikprofessor zeigt vor allem pastoraltheologisches Profil. Er betont, worum es gerade in Zeiten der Krise, des Umbruchs und des Aufbruchs gehe, um den innersten Kern und äußersten Stern christlicher Hoffnung: Wir haben Gemeinschaft mit Gott, mit einem Gott, von dem viele in unserem Land immer noch keine Ahnung haben, einem Gott, der stärker ist als der Tod. Dieser Gott kommt in Jesus Christus auf uns zu, spricht uns an und nimmt uns in Anspruch. In ihm finden wir unser Heil! In seiner Liebe leben wir, sind und bleiben wir geborgen. Im Blick auf die Welt und die Situation vor Ort wird nichts beschönigt. Das Corona-Virus zeigt unsere Verwundbarkeit, unsere Hilflosigkeit, unsere Vergänglichkeit. Und die Leidensgeschichte ist noch nicht zu Ende. Die Spätfolgen der Genesenen sind noch gar nicht abzusehen. Leid und Trauer in den Familien, in der Stadt, im Land, weltweit. Viele haben ihre Angehörigen gar nicht verabschieden können. Zwei Monate lang wurden keine öffentlichen Liturgien gefeiert. Selbst die Osterliturgie fiel aus.

"Wir haben Gemeinschaft mit Gott, mit einem Gott,
von dem viele in unserem Land immer noch keine Ahnung haben,
einem Gott, der stärker ist als der Tod.
Dieser Gott kommt in Jesus Christus auf uns zu,
spricht uns an und nimmt uns in Anspruch. In ihm finden wir unser Heil!"

Wenngleich es vielfach so aussah, als ob die Kirche in Deutschland im geradezu vorauseilendem Gehorsam gegenüber den staatlichen Maßnahmen und der auf Sensation setzenden Mainstream-Medien handelte, stellt Bischof Voderholzer fest, dass eher das Gegenteil der Fall war: „Nach der verheerenden Informationspolitik Chinas hat die WHO immerhin schon am 30. Januar 2020 einen Internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt hätten bei uns alle Alarmglocken läuten müssen. Aber es vergingen noch sechs Wochen aus heutiger Sicht leichtsinniger Sorglosigkeit.“ Dann aber reagierte die katholische Kirche. Bischof Voderholzer erklärt in seinem hier wieder abgedruckten Hirtenbrief die Schwere der Entscheidung und warum es zum ersten Mal in der zweitausendjährigen Geschichte des Christentums nicht möglich war, das Osterfest rite et recte zu feiern. Dabei richtet der Bischof sich zuerst an die Kranken und Sterbenden. „Unsere Gedanken und Gebete sind bei Ihnen. Seien Sie gewiss. Der Herr, der sein Leben für uns am Kreuz hingegeben hat, ist bei Ihnen. Er verlässt sie nicht!“

Lieber totschlagen lassen als auf Eucharistie verzichten

Auch die Predigten der Karwoche und die Osterhomilien haben es in sich. Sie gehen zu Herzen. Sie zeigen, welch immense Opfer der Solidarität die Kirche gebracht hat. Jeder Politiker, ob Christ oder nicht, sollte sie zur Kenntnis nehmen. Hier erfährt man, was alles den Menschen in Corona-Zeiten zugemutet wurde, speziell auch den Christen, denen nach wie vor die Eucharistiefeier „Quelle und Höhepunkt kirchlichen Lebens“ (Vat. II) ist: „Im Jahre 304 ließen sich tatsächlich die Märtyrer von Abitene lieber verhaften und totschlagen, als auf die gemeinsame Feier der Eucharistie zu verzichten.“

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Ohne Maria hält man das alles nicht aus! Die Homilie während der Messfeier in der Gnadenkapelle in Altötting zum Abschluss der Regensburger Diözesanwallfahrt am 30. Mai 2020 bringt es auf den Punkt. Allerdings: Pilger waren nicht zugelassen. Sie saßen wegen Corona notgedrungen vor dem Fernseher oder verfolgten das Geschehen per Livestream. „Ich habe die Gnadenkapelle noch nie so leer gesehen“, mit diesen Worten beginnt die Predigt.

Beter sollen sich dem Wort anvertrauen

Und doch macht der Bischof Mut. Er verweist auf die gut 3 000 Gebetsanliegen, die ihm zugeschickt wurden und die er jetzt als Vater der Diözese der Gottesmutter überreicht. Er weiß: Maria hilft! Sie hat immer geholfen und wird es auch jetzt tun. „Sie haben keinen Wein mehr“, vertraute Maria ihrem Sohn bei der Hochzeit zu Kana an. Und der Sohn enttäuschte seine Mutter nicht. Er wurde aktiv, ja zeigte sich in seiner ganzen eucharistisch-eschatologischen Großzügigkeit. Leben in Fülle! „Dabei ist es nicht entscheidend, dass sich etwas Wunderbares und nie Gehörtes ereignet, sondern dass sich die Beter wie Maria mit ihrer ganzen Existenz dem Wort Gottes anvertrauen.“

Hilfreich sind die Erläuterungen zur „Hauskirche“. Rekurriert wird auf das Zweite Vatikanische Konzil und die nachkonziliare Entwicklung, wo Hauskirche als „Ort der Erstverkündigung“, auch „der Einübung in religiöse Grundvollzüge“ und nicht zuletzt der Vor- und Nachbereitung der öffentlichen Liturgie in der Bischofs- und Pfarrkirche geltend gemacht wird. Eine Theorie der Hauskirchen, „die den Ursprung der Eucharistiefeier in den Versammlungen der frühen Christen in Privathäusern unter Leitung des jeweiligen Hausvaters annimmt“, wird als kirchenpolitisch veranschlagte Ideologie abgelehnt. Sie habe „weder im Neuen Testament eine Grundlage“ noch vermag sie auch nur durch „einen einzigen archäologischen Fund belegt“ werden. Sie verleitet vielmehr zu der Annahme, dass in Notzeiten „die Hauskirche an die Stelle der bischöflichen oder pfarrlichen Versammlung“ treten könne. Das aber ist ein ekklesiologischer Irrtum.

Klare Worte, eindeutige Positionen. Wem die Zukunft der Kirche in Deutschland nicht gleichgültig ist, sollte unbedingt dieses Buch lesen. Es macht Hoffnung.

Bischof Rudolf Voderholzer: „Der ersetzte Sabbat“. Verkündigung in Coronazeiten. Schnell und Steiner, Regensburg 2020, 176 Seiten, ISBN 978-3-7954-3580-6; EUR 14,95.

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