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Ludwig Freiherr von Pastor, einst Star der  Ultramontanen wird für unsere Zeit neu beleuchtet

Ultramontan ist immer noch eine Option. Ein monumentaler Band zeigt das Schaffen des deutsch-österreichischen  Historikers Ludwig Freiherr von Pastor.
Ludwig von Pastor
Foto: Archiv | Der Historiker des Paptstes Ludwig von Pastor verfügte über ausgezeichnete Kontakte in die Kurie. Er hinterließ ein beeindruckendes Werk.

Bis auf den heutigen Tag ist der deutsch-österreichische Historiker Ludwig Freiherr von Pastor wegen seiner 16-bändigen „Geschichte der Päpste“ weltberühmt. Die letzten Bänder erschienen 1931–1933, also postum. Und dank eines Reprints durch den Herder-Verlag in den Jahren 1955 bis 1961 fand das Werk sogar Eingang in die Bibliotheken von historisch interessierten katholischen Bildungsbürger und Priester. Pastors Buch „Die Stadt Rom zu Ende der Renaissance“ ist zuletzt 2012 aufgelegt worden. 

Fleiß und Schaffenskraft

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Der von Andreas Sohn und Jacques Verger herausgegebene Band „Ludwig von Pastor 1854–1928“ nimmt, wie der Untertitel ausweist, den Universitätsprofessor, Historiker der Päpste, Direktor des österreichischen historischen Instituts in Rom und den Diplomaten in den Blick. 

Pastor kennzeichneten Ehrgeiz, Beharrlichkeit, Fleiß, Schaffenskraft und Organisationstalent. So hatte er ein großes wissenschaftliches und publizistisches Werk hinterlassen, aber gleichzeitig ein Netzwerk betrieben, das von den Spitzen der katholischen Zentrumspartei in Deutschland (Ludwig Windthorst) bis zu den Päpsten seiner Zeit reichte. 

Karriere nicht möglich 

Er selbst kam aus einer Kaufmannsfamilie und heiratete die Tochter des weithin bekannten und angesehenen Bonner Oberbürgermeisters Leopold Kaufmann, was Pastors Karriere begünstigt hatte. Von Kindheit an wollte er Geschichte studieren und hatte nach seinem Abitur 1875 in Löwen, Bonn, Berlin und Wien studiert. Für einen Katholiken war in dem vom Kulturkampf geprägten Deutschland eine akademische Karriere nicht möglich. Für Pastor einmal weniger weil er sich selbst stets in der Tradition von Johannes Janssen stellte und als entschiedener Gegner von Leopold von Ranke sah und inszenierte, wie Thomas Brechenmacher eindrücklich schildert. 

Aber Ludwig von Pastor hatte Glück. Er konnte nicht nur an den österreichischen Universitäten reüssieren, sondern knüpfte schon in Studienzeiten Kontakte in die päpstliche Kurie und war der erste Wissenschaftler, der in umfangreichem Maße Dokumente aus den bis dahin verschlossenen Archiven des Vatikans verwenden und publizieren konnte. 

Zahlreiche Helfer

Der Abschluss seiner wissenschaftlichen Karriere als Direktor des Österreichischen Historischen Instituts in Rom lässt vermuten, dass diese Tätigkeit ihn näher an seine Quellen geführt hätte, als wenn er in Innsbruck geblieben wäre. Doch weit gefehlt. Der langjährige Präfekt des Vatikanischen Archivs, Sergio Pagano, berichtet, dass Pastor von 1879 bis 1901 an nur 40 Tagen das Archiv selbst besucht habe. Die Archivarbeit erledigten stattdessen junge Kleriker, die sich auch in anderen wissenschaftlichen Instituten anboten, Kopie zu fertigen. Für Ludwig von Pastor war seit 1901 vor allem der Kirchenhistoriker und Priester Joseph Schmidlin tätig, der als NS-Gegner den Tod fand und zu den Märtyrern der katholischen Kirche zählt. Schmidlin hatte aber neben der Arbeit für Pastor seine eigen wissenschaftliche Karriere vorbereitet: Er ist Begründer der Missionswissenschaften gewesen. 

Viele Textpassagen unterschiedlicher Autoren des Sammelbandes hangeln sich an den von Wilhelm Wühr 1950 herausgegebenen „Tagebüchern“ von Ludwig von Pastor entlang, auf deren quellenkritische Problematik der Düsseldorfer Historiker Christoph Weber schon in den 1970er Jahren hingewiesen hat. 

Wenig zu erfahren

Was dem Sammelband vor allem fehlt, und das wissen die Herausgeber, ist der Blick auf die vielfältigen Aktivitäten Pastors insbesondere innerhalb der akademischen Welt – vor allem in der Görres-Gesellschhaft –, die manchem Zeitgenossen als intrigant empfunden haben mag und die Karrieren des Einen begünstigt und des Anderen verhindert hatte. 

So wird Pastors Bedeutung auch für die deutschsprachige Universitäts- und Gelehrtengeschichte vollständig ausgeblendet. Wir erfahren nichts über seine akademischen Schüler, zu denen zum Beispiel der bedeutende Rechtskatholik aus der Weimarer Zeit, Martin Spahn, zählte. Das mag man bedauern. Das war aber auch nicht das Thema der Tagung und des Aufsatzbandes der somit wenig kontrovers ist und vielmehr sehr harmonisch erscheint. 

Dieser Tagungsband über Ludwig von Pastor steht im Zusammenhang mit zwei weiteren Tagungen, nämlich über die katholischen Kirchenhistoriker Heinrich Denifle (1844–1905) und Franz Erle (1845–1934). Im Unterschied zu Pastor hatte bei diesen beiden „die wissenschaftliche Erfordernis zweifellos Vorrang vor dem politischen und religiösen Engagement“.

Ein gefeierter Historiker

Sein eigentliches politisches und religiöses Engagement musste Pastor aber selbst als Gesandter Österreichs beim Heiligen Stuhl 1920 stark unterdrücken. Mit seinem Ultramontanismus und der Unterstützung Papst Pius X. gegen den Modernismus machte er sich in Deutschland und Österreich wie auch in Italien nicht nur Freunde. Pastors politisch und religiöses Engagement lässt sich aber auch an seiner Geschichte der Päpste ablesen, wie Jacques Verger treffend feststellt. Entgegen weitverbreiteten Behauptungen schreibt er, dass Pastor nicht im positivistischen Respekt vor seinen Quellen verharrt, vielmehr sei sein Stil stark rhetorisch und literarisch und diente seinem konzipierten ideologischen Projekt, nämlich eine Geschichte der Päpste zum Glanz des Papsttums als Institution zu schreiben und so bleibt auch die Papstgeschichte mit ihrem ersten Band im politisch-religiösen Kontext der 1880er-Jahre stecken und wurde in Frankreich nie rezipiert (Olivier Poncet). 

Christine Maria Grafinger berichtet über den Nachlass Pastors, der in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt wird. Hilfreich für weitere Forschungen ist ihr Inventar. Eindrucksvoll beschreibt Grafinger, wie der Nachlass im Beisein des Papstes in die Bibliothek überführt wurde. Pastor war an der päpstlichen Kurie und in katholisch-ultramontanen Kreisen ein gefeierter Historiker. 

Die Tragik des Begabten

Aber mit der Überführung seines Nachlasses in die Vatikanische Bibliothek war der Personenkult um Pastor beendet. Seine Papstgeschichte ist bis heute ein wertvoller Steinbruch und hat für jüngere Autoren immerhin noch dokumentarischen Wert, wenn sie sich mit der Geschichte der Päpste befassen. Thomas Brechenmacher spricht von der „Geschichte der Päpste gar von einem „monumentalen Papiergebirge“ in das der Fachhistoriker noch immer vordringen kann, eben aufgrund seines „ungeheuren Quellenreichtums“. „Natürlich“ – so Brechenmacher weiter – „teilt auch sie das Schicksal fast aller Historiographie: Sie wird zum Überrest ihrer eigenen Zeit und deren politischen wie geistigen Auseinandersetzungen, die nicht zuletzt immer über und durch die Deutung von Geschichte geführt werden. Pastors Papstgeschichte zeugt von der Hartnäckigkeit und dem Fleiß ihres Verfassers, aber auch von dessen verfehltem Ehrgeiz, selbst als Großhistoriograph und ,Ranke-Thronjäger‘ in die Geschichte einzugehen. Das war vielleicht auch die Tragik dieses begabten Historikers, der es bei seiner Begabung nicht belassen konnte, sondern – wie der Innsbrucker Archivar und Kunsthistoriker David Schönherr schon 1895 maliziös bemerkte –, der selbst eine Art Papst werden oder sein‘ wollte“. 


Andreas Sohn/Jacques Verger (Hrsg.):
Ludwig von Pastor 1854–1928.
Universitätsprofessor, Historiker der Päpste,
Direktor des Österreichischen Historischen Instituts in Rom und Diplomat.
Schnell und Steiner, Regensburg 2020,
440 Seiten, 
EUR 40,– 

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