Literatur

Die böse Lust am Fauxpas 

Guido Fuchs legt eine launige Geschichte der Flegeleien und Fettnäpfchen in Gotteshäusern vor  Regina Einig
Monaco's National Day
Foto: Valery Hache/Pool (AFP POOL) | Monacos Prinzessin Charlotte Casiraghi kommt zu einer Messe in der Kathedrale Saint Nicholas während der Feierlichkeiten anlässlich des Monaco's National Day, in Monaco, 19 November 2016.

Im Zeitalter der Gottesdienstübertragungen fallen Pannen in der Liturgie mehr denn je auf. Rechtzeitig vor dem Ökumenischen Kirchentag hält der Theologe Guido Fuchs den Konfessionen augenzwinkernd den Spiegel vor. In seiner „Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche“ scheint der kleinste ökumenische Nenner tatsächlich im ungenügenden Betragen während der Liturgie zu bestehen. Zu den mitunter lustvoll angesteuerten Fettnäpfchen gehören: Geschwätz, Kirchenschlaf, unpassende Kleidung, Rauchen, aufdringliches Fotografieren, Essen und Trinken sowie alles denkbar Störende vom Streit über den nicht stubenreinen Hund bis zum Klingelton des Mobiltelfons. Am Beispiel des Zuspätkommens zur Messfeier veranschaulicht der Autor, wie tief verwurzelt der Kampf gegen die schlechten Gewohnheiten in der Kirche ist: Schon die Kirchenväter stellten sich ihm wortgewaltig. Wer sich davon überzeugen will, dass es aus liturgischer Sicht nie eine gute, alte Zeit gab, findet in diesem Buch eine Fülle historischer und literarischer Beispiele. Der katechetische Eifer eines Philipp Neri, der eigenwilligen Schäfchen heimleuchtete, ist dabei nicht weniger einprägsam als die detailverliebte Schilderung unappetitlicher Schnupftabakspraktiken.

Lesen Sie auch:

Knigge und Glosse paaren sich in mehreren Kapiteln zu einem freundlichen Fingerzeig an Kirchenferne, Touristen und Zeitgenossen, die nur selten die Messe besuchen. Das Buch belehrt diskret. Es geht dabei nicht um Schuldzuweisungen der Frommen an die Ahnungslosen, sondern vielmehr um ein selbstkritisches Innehalten: „Was ist seit den 50er Jahren falsch gelaufen?“ lautet eine gut begründete Frage angesichts der unmanierlichen Geschwätzigkeit derer, die es besser wissen sollten. Verstöße wie Zuspätkommen und Zufrühgehen sind seit 1975 aus den Beichtspiegeln im Gotteslob verschwunden, ohne dass sich der Stil der Beter gebessert hätte. Fuchs lässt keinen Zweifel daran, dass auch die liturgischen Dienste ein Teil des Problems sind. Gerade seltene Kirchenbesucher brauchen das gute Beispiel. In diesem Punkt überzeugt das Buch mit klaren Ansagen und gesundem Menschenverstand – beispielsweise gegen die „angewachsene Wasserflasche“ und das Klatschen im Gottesdienst sowie der nötigen Abgrenzung gegen ein peinliches „anything goes“. 

Was sich im heiligen Raum geziemt, ist allerdings dem Wandel und der Mode unterworfen. Der Dresscode bei Kirchens werden in Italien anders ausgelegt als in Lateinamerika – und das nicht aus Laxheit, sondern aus pastoralem Taktgefühl gegenüber den Armen. Kompliziert wird es bei den Umgangsformen in puncto Handy: Radikal verbieten? Oder als digitales Stundenbuch und zur Bibellektüre erlauben? Hier hat der Autor noch Luft nach oben für eine Neuauflage.

Entscheidend bleibt die Gelassenheit. Mit der Heiligkeit wächst die entspannte Haltung im Haus des Herrn. Man lese nach bei der heiligen Therese von Lisieux: Die ans frühe Aufstehen gewöhnte Karmelitin erkannte im Kirchenschlaf, der sie nach der Danksagung oft übermannte, keinen Verstoß gegen den Willen Gottes: „Es betrübt mich nicht. Ich denke, die kleinen Kinder gefallen ihren Eltern ebenso sehr, wenn sie schlafen, wie wenn sie wach sind“. 

 Guido Fuchs: Kleine Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche, Verlag Friedrich Pustet, 178 Seiten, ISBN 978-3-7917-3246-6, EUR 19,95 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Abschluss 3. Ökumenischer Kirchentag
Kommentar um "5 vor 12"
Von links überholt Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung
Der Ökumenische Kirchentag hinterlässt den Eindruck einer Veranstaltung ohne Relevanz. Ökumene wirkte vier Tage lang als Spiegelsaal der kirchlichen Blase.
17.05.2021, 11  Uhr
Regina Einig
Evangelischer Gottesdienst
Welt&Kirche
Bei der Realpräsenz herrscht ein Dissens  Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung
Selbst innerhalb der protestantischen Gemeinschaften herrscht keine Einigkeit in der Frage. Die unterschiedliche Auffassung von der Bedeutung der Eucharistie erschwert die Gespräche zusätzlich. 
24.07.2021, 16  Uhr
Vorabmeldung
Martin Luther Denkmal Anger Erfurt
Rezension
Zu Recht exkommuniziert? Premium Inhalt
500 Jahre nachdem Martin Luther von Papst Leo X. mit der Exkommunikation belegt wurde, bleibt die Diskussion, ob diese Maßnahme rechtens war. Josef Otter geht der Frage kirchenrechtlich nach. 
14.09.2021, 09  Uhr
Urs Buhlmann
Themen & Autoren
Digitaltechnik Gottesdienste Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Kirchenbesucher Kirchenväter Konfessionen Lust Theologinnen und Theologen Umgangsformen Ökumenischer Kirchentag

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer