Karlsruhe

Licht der Welt

„heilig / unheilig“: Karlsruhe widmet dem Maler Hans Baldung Grien eine großartige Ausstellung über Licht und Schatten des Daseins.
„Geburt Christi“
Foto: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe | Schaut nicht zufrieden in die Welt hinein: Das Gemälde „Geburt Christi“ (1539) von Hans Baldung gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung.

Der packend eigenwillige Maler und Grafiker Hans Baldung Grien (1484/85–1545) brachte anmutige Madonnen, verführerische Hexen, würdevolle Porträts und abstoßende Knochenmänner hervor. Die Kunsthalle Karlsruhe widmet ihm eine großartige Schau, die Tafelbilder, Glasgemälde und Grafiken umfasst. Attraktive Zweigstelle ist das Freiburger Münster Unserer Lieben Frau. In dessen Chor steht seit über 500 Jahren das Hauptwerk des Meisters: der mit zahlreichen Gemälden ausgestattete Hochaltar.

Nachtstücke der Geburt Christ sind die Höhepunkte

Der in Schwäbisch-Gmünd geborene Hans Baldung erhielt seinen Beinamen „Grien“ (Grün) vermutlich während seiner Gesellenzeit in der Nürnberger Werkstatt Albrecht Dürers. Eine seiner produktivsten Schaffensphasen erlebte er 1512 bis 1518 in Freiburg im Breisgau. Den Rest seines Lebens verbrachte er in Straßburg. Dort schuf er für Publikationen des Verlegers Johann Schott den Holzschnitt „Martin Luther als Augustinermönch mit Nimbus und Taube des Heiligen Geistes“ (1521). Dazu merkt Ausstellungskurator Holger Jacob-Friesen an: Baldung hatte vermutlich eine „Neigung zum Protestantismus“. Aber er arbeitete sowohl für katholische als auch evangelische Auftraggeber. Zum Beispiel malte er für Luthers Gegenspieler Kardinal Albrecht einen „Kalvarienberg“ (um 1533/36).

Die Ausstellung trägt den Untertitel „heilig / unheilig“. Im „unheiligen“ Teil sorgen Erotik und Tod für Aufsehen. Eine erschreckende nächtliche Szene schildert das Gemälde „Der Tod und die Frau“ (um 1520/25). Von hinten bedrängt der als verwesender Leichnam dargestellte Tod die fast Nackte. Zu ihrem allergrößten Entsetzen reißt er ihren Kopf zu sich herum und verpasst ihr mit lippenlosem Mund den Todeskuss. Die Figurenstellung ähnelt der des Gemäldes „Adam und Eva“ (um 1531). Aber hier herrscht Einvernehmen. Baldung verwandelt den Sündenfall zur zärtlichen Aktszene. Eva und der uns aus den Augenwinkeln forschend anblickende Adam schmiegen die Wangen aneinander. Mit ihnen ist eben nicht nur der Tod, sondern auch Erotik und Sexualität in die Welt gekommen. Den Höhepunkt seiner erotischen Malerei verkörpern die „Zwei Hexen“ (1523). Die stehende und die auf einem Ziegenbock sitzende Hexe teilen sich ein langes Tuch, das ihrer Enthüllung dient.

Im „heiligen“ Teil der Ausstellung erweisen sich Darstellungen der Madonna mit dem Kind als wichtige Schaffenskonstante. Frühes prachtvolles Beispiel ist das von Baldung in Zusammenarbeit mit der Werkstatt Veit Hirsvogels des Älteren für die Nürnberger Lorenzkirche geschaffene Glasgemälde „Die Anbetung der Könige“ (1506). Links sitzt Maria mit dem Kind auf dem Schoß. Es ergreift das goldene Kästlein, das der vor ihm kniende alte König darbringt. Für eine heitere Note sorgen die beiden rechts dargestellten Könige. Der jüngere befolgt frohgemut die Aufforderung des anderen, gefälligst die Kopfbedeckung abzunehmen. In der Tafelmalerei können wir sodann verfolgen, wie sich unter dem Einfluss der Reformation Baldungs Madonnen-Darstellungen wandelten. Im hoheitsvollen Tafelbild „Maria als Himmelskönigin“ (1516/18) ist sie in die göttliche Sphäre entrückt.

In den späteren Gemälden betont Baldung ihre in weltlicher Kulisse geschilderte Mutterschaft. Das eigenwilligste unter ihnen heißt „Maria mit Kind und Papagei“ (1533). Die Mutter stillt den längst dem Säuglingsalter entwachsenen Jesusknaben, der uns aus dem Augenwinkel geradezu „frech“ anschaut. Ein Papagei knabbert zärtlich an der Wange der Gottesmutter, deren Antlitz ein Kinderengel entschleiert. Niedliche Engelkinder bevölkern übrigens viele Bilder Baldungs. Glanzlichter der Ausstellung sind die 1530 und 1539 geschaffenen Nachtstücke der „Geburt Christ“. In ihnen ist das Jesuskind die einzige Lichtquelle. Der Erstling dieser Nachtstücke aber gehört zu den schönsten Tafeln des 1516 geweihten Hochaltars im Freiburger Münster. Ihn stellt die Karlsruher Schau mit Hilfe digitaler Technik vor.

Grien selbst hat sich am merkwürdigen Ort platziert

Die Besucher können sich Bildausschnitte vergrößert anzeigen lassen und so zum Beispiel aus nächster Nähe Baldungs Selbstporträt betrachten, das sich auf der Rückseite des Altars befindet. Er ist die einzige Person der figurenreichen Darstellung der Kreuzigung Christi, die uns anzusehen scheint. Ein rotes Barett auf dem Kopf, lugt Baldung hinter dem Kreuzstamm des bösen Schächers hervor. Warum er sich gerade dort positionierte, bleibt rätselhaft. Auf der Mitteltafel der Vorderseite ist die glanzvolle, von Christus und Gottvater gemeinsam vorgenommene Marienkrönung zu sehen, auf den beiden Seitenflügeln zeigen sich die zwölf Apostel.

Ausstellungskuratorin Johanna Scherer weist darauf hin: „Nur während der Weihnachtszeit werden die beiden beweglichen Apostelflügel nach innen zugeklappt.“ Sie hat erklärende Tafeltexte über den Hochaltar verfasst, die nun im Freiburger Münster aufgestellt sind. Im weihevollen gotischen Kirchenraum entfalten Baldungs immer nur bis Mariä Lichtmeß (2. Februar) präsentierte vier Weihnachtsbilder ihre farbenprächtige Schönheit. Im linken Bild wendet sich Maria überrascht dem Verkündigungsengel zu, der ihr mit einem Fuß forsch auf den Umhang gestiegen ist. Will er verhindern, dass sie sich der leid- und ehrenvollen „Bürde“ der Gottesmutterschaft entzieht? Zwischen den Gemälden der Heimsuchung und der Flucht nach Ägypten befindet sich der Höhepunkt der Weihnachtstafeln: die Geburt Christi. Mit diesem anrührenden Gemälde feiert Baldung Jesus als das Licht der Welt. In einem von kleinen Engeln gehaltenen Tuch liegt das hell leuchtende Kind und streckt die Ärmchen nach der Mutter aus. Sein Licht hebt Mariens gefaltete Hände und anmutige Gesichtszüge aus der Dunkelheit hervor.

Bis 8.3.2020 in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe,
Hans-Thoma-Straße 2–6. Di.–So., Feiertage 10–18 Uhr. Informationen: Tel.: 0721-9 26 26 96,
Internet: kunsthalle-karlsruhe.de/besuch. Eintritt: 12 Euro. –
Der Katalog aus dem Deutschen Kunstverlag kostet im Museum 39,90 Euro.

Baldung im Chor und Chorumgang des Freiburger Münsters.
Mo.–Fr. 10–11.30 Uhr und 13–16 Uhr, Sa. 10–11 Uhr und 12.30–15.30 Uhr, So. 13–16 Uhr. Informationen: www.c-punkt-freiburg.de. Eintritt: 2,– Euro

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