Feuilleton

Kommentar: Walter Kohls Dilemma

Von Johannes Seibel
Walter Kohl und sein Vater Helmut Kohl.
Foto: dpa | Walter Kohl (links) und sein Vater Helmut Kohl.

Walter Kohl hat mit seinem Vater abgerechnet – halt, schon haben wir uns verheddert. Denn der 47-jährige Sohn von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl will mit seinem berühmten Vater gar nicht abgerechnet haben, diese Interpretation verbittet er sich ausdrücklich. Politisch nämlich erkennt er die Leistung des Alt-Kanzlers nach wie vor an, ist stolz darauf. Er will vielmehr, so sagt Walter Kohl in zahllosen Gesprächen der vergangenen Woche gegenüber überregionalen Medien, für sich ein schwieriges Verhältnis in der Vergangenheit aufarbeiten, um sein eigenes Leben in Ordnung bringen und neu anfangen zu können: Sein Buch „Leben oder gelebt werden“ sei eine Art öffentliche Selbsttherapie, um der Existenz im „Opferland“, also im Selbstmitleid, wie Walter Kohl diesen Zustand selbst nennt, ein Ende zu machen. Und – das fügt Walter Kohl auch schnell an: Er wolle anderen Menschen in ähnlichen Situationen Mut machen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

Nun gut. Das ist im besten Fall naiv. Denn natürlich schaut die Öffentlichkeit auf das, was Walter Kohl sagt und schreibt, nicht mit dem pädagogischen oder gar mitfühlenden Interesse an der Psychologie eines Vater-Sohn-Verhältnisses, sondern mit dem Blick des Voyeurs und der neugierigen Lust an Details. Es interessiert, ob der Sohn mit dem Vater gebrochen hat und ob es wieder die Möglichkeit der Versöhnung gibt, was es mit dem Suizid von Hannelore Kohl tatsächlich auf sich hat, und wie und ob die neue Frau von Helmut Kohl, Maike Richter, an dem Zerwürfnis schuld ist oder nicht. Das alles aber geht eigentlich betrachtet die Öffentlichkeit überhaupt nichts an. Es ist privat. Wer dennoch damit unter die Scheinwerfer des Boulevards und der Öffentlichkeit tritt – und Walter Kohl redet eben in den Interviews nicht allein über seinen therapeutischen Weg, sich vom Übervater zu lösen, sondern beantwortet bereitwillig die oben zitierten Fragen nach dem Privatesten –, der emanzipiert sich nicht von dem vereinnahmenden öffentlichen Blick, unter dessen Unerbittlichkeit Walter Kohl als Sohn Helmut Kohls nach eigenem Bekunden in seiner Kindheit und Jugend fürchterlich litt, sondern der liefert sich ihr weiter aus. Und der wird es auch nicht verhindern können, obwohl ihm das Wollen dafür nicht abzusprechen ist, dass sein Buch zuerst und vor allem als Abrechnung gelesen wird. So barmherzig ist die Öffentlichkeit und sind die Medien nicht.

Zumal: Kinder berühmter Eltern, meist Väter, haben es oft schwer. Und in der Öffentlichkeit, etwa der Politik, agierende Väter sind nicht selten Rabenväter. Das alles ist keine neue Erfahrung, die erst Walter Kohl machen und öffentlich machen musste. Manche Kinder beispielsweise von Jean-Jacques Rousseau oder Thomas Mann – um nur zwei Geistesgrößen unterschiedlicher Epochen zu nennen –, litten unter ihrer Herkunft mehr, als dass sie davon profitierten. Schauspielerkinder müssen aus dem Schatten treten. Und die Kinder von Konrad Adenauer, Willy Brandt oder Helmut Schmidt, um an andere Alt-Bundeskanzler zu erinnern, erlebten ihre Väter zum Teil ebenfalls eher abwesend, was allein das schwere Amt schon mit sich bringt, ohne daran scheitern zu müssen oder eigene Wege gehen zu können. Distanziert und schwierig – das ist auch nicht selten das Verhältnis von Eltern und Kindern in Familien, die keine Prominenten sind.

Die Öffentlichkeit kann hier kaum jemandem helfen, das eigene, private Leben in Ordnung zu bringen. Da helfen eher Partner, Geschwister, Freunde.

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