WÜRZBURG

Kommentar: Heidis Kirche

„Die größte Promi-Hochzeit des Jahres“, jubelte BILD mit Blick auf die Eheschließung von Heidi Klum und Tokio-Hotel-Gitarrist Tom Kaulitz vor Capri auf der Luxusjacht „Christina O“. BUNTE fühlte sich gar an die Hochzeit im Disney Klassiker „Arielle, die kleine Meerjungfrau“ erinnert. Die einst für Multimilliardär Aristoteles Onassis umgebaute Luxusjacht wurde mit Regenschirmen und Sonnensegeln abgedeckt. Bodyguards vertrieben enterwillige Paparazzi. Angeblich hatten die Hochzeitsgäste ein Posting-Verbot. Schließlich gibt es Exklusivrechte. Damit nicht genug. Schon vor der Hochzeit ließ Bill Kaulitz via Medien verkünden, dass er bei der Hochzeit eine besondere Rolle spielen würde. BILD lüftete das Geheimnis: „Er spielte den Priester!“ – hier wird Sprache verräterisch. Kann man Priester „spielen“, wie den Mephistopheles oder den Zauberer von Oz? Ein Foto zeigt Bill, wie er mit beschwörendem Magierblick seinen schwarzbesteinten Ring fixiert. Unschwer erkennbar auf seiner Stola die Aufschrift „ULC“. Das also ist des Pudels Kern: die US-Internetkirche „Universal Church of Life“.

Der Web-Auftritt der deutschen Sektion wirbt: „Wir sind eine unabhängige und konfessionsfreie Online-Kirche.“ Im Nu wird man per Mausklick Mitglied und sogar Pfarrer, im ULC-Jargon „Minister“ genannt. Sogleich befindet man sich in illustrer Gesellschaft: Lady Gaga macht mit, Paul McCartney und Ringo Starr, ebenso wie US-Komiker Stephen Colbert oder Sherlock-Holmes-Mime Benedict Cumberbatch. Auch John Lennon und George Harrison ließen sich einweihen. Gründungsvater des bunten Haufens war 1959 der umstrittene Reverend Kirby J. Hensley. „Die in den USA wegen ihrer Geschäftspraktiken berüchtigte Sekte verleiht besondere kirchliche Würden und Grade honoris causa“, schrieb der SPIEGEL bereits 1972, und zog den Schluss: „Glücklich wurde vor allem der Gründer der ,Universal Life Church‘, der Analphabet und selbsternannte Bischof Kirby J. Hensley. Er wurde Millionär.“ Gegenwärtig führt Hensley-Sohn Andre den Vorsitz. Laut Deutschlandfunk treten weltweit jährlich über 35 000 neue Mitglieder bei. Inzwischen soll die Zahl bei über 20 Millionen liegen. Alles Schmu?

Laut Internetseite der Gemeinschaft kommen die „ULC Minister aus allen Bereichen des Lebens und spirituellen Traditionen, ob Wicca, Druiden, Heiden, Juden, Christen, Moslems, Hindus, Buddhisten, Satanisten, … Gläubige und Nicht-Gläubige. Alle sind willkommen, denn wir sind alle Kinder des gleichen Universums.“ 2006 gründete ULC die Initiative „Marry Your Pet“ (Heirate Dein Haustier). Ein prophetisches Geschäftsmodell?

„Unsere Heidi“ (BILD) muss das nicht stören. Die nächsten Celebrity-Schlagzeilen dürften längst in der Schublade liegen. Wahrscheinlich kriselt es in ein paar Monaten. Dann Versöhnung. Das Universum bietet viele Möglichkeiten. Und wie bemerkte schon Peter Sloterdijk ganz richtig: Die Medien schaffen die „ihnen entsprechenden Menschentypen“.

Dass die Mehrheit von Medienstars ihr religiöses Bedürfnis offenbar auch weiterhin nicht bei den klassischen Sinnanbietern zu stillen sucht, sollte allerdings zu denken geben. Ist der Abgrund, der zwischen der kirchlichen Lebenswirklichkeit und der Lifestyle-Lebenswirklichkeit liegt, so unüberbrückbar?

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