Kinder sind eine Gabe

Hieronymus Bosch regt zum Nachdenken über menschliches Leben an

Die folgende Betrachtung gilt einem Gegenstand, dessen Seltenheit und Fehlen in den vergangenen Monaten in aller Munde war, weil diese Seltenheit und dieses Fehlen auf einmal bedrohlich sichtbar geworden ist. Wir finden diesen Gegenstand, von Hieronymus Bosch gemalt, im Wiener Kunsthistorischen Museum, auf der Rückseite einer Kreuztragung. Was ist dort so Seltenes zu entdecken?

Kurzsichtige Politik versucht, Familien durch Kitas zu ersetzen

Die Antwort ist überraschend einfach: ganz einfach ein Kind, ein Knabe, nackt, etwa zwei bis drei Jahre alt, mit einem Windrädchen als Spielzeug und einem geradezu rührend fragilen Gehgestell, an dem der Bub kaum Halt finden würde. Dennoch tappt der kleine Kerl recht forsch durch die kreisrunde Dunkelheit, in die ihn Hieronymus Bosch hineingemalt hat, das Ganze in einen leuchtend roten Hintergrund hineingesetzt. Erschütternd wirkt das Alleinsein dieses Kindes, nicht einmal von Kleidung geschützt und offensichtlich technisch ungenügend ausgestattet für seinen Weg durch die Nacht: mit einem nur als Spielzeug zu gebrauchenden kümmerlichen Windrädchen und einem völlig verqueren und am Ende eher hinderlichen Gehgestell.

Woher das Kind kommt, und wohin es ungeleitet seinen Weg sucht, verrät uns der Maler nicht. Doch lässt er das Kind diesen Weg neugierig und aus offensichtlich eigener Kraft energisch suchen. Wir wollen den Kunsthistorikern die möglicherweise theologische Deutung des Bildes überlassen – manche meinen, es sei eine Christusdarstellung – und uns einfach von der Betrachtung dieses Kinderbildes zu einigen Überlegungen führen lassen.

Das eine Kind, allein, ohne andere, lässt uns daran denken, dass Kinder heute immer seltener sind, und wo es noch welche gibt, sind sie in besonderer Weise des Haltes bedürftig. Wegen dieser Seltenheit sprechen wir von dem demografischen Problem der Überalterung unserer Gesellschaft. Richtiger sollten wir von ihrer Unterjüngung sprechen; denn, dass die Alten immer älter werden, sollte uns ja freuen; aber dass zu wenige Kinder nachwachsen, ist nicht nur traurig, sondern wird in den nächsten Jahren katastrophale soziale Auswirkungen haben. Und die zu wenigen Kinder, die künftig die für sie zu vielen Alten zu versorgen haben, werden eines besonderen Haltes bedürfen, aller Unterstützung, aller Bildung, aller Kräftigung, um das ihnen künftig Zugemutete überhaupt meistern zu können. Häufig werden sie, so wie der Knabe auf unserem Bild, allein sein und orientierungslos im Dunklen umhertappen; Grund genug, sich heute intensiver als je zuvor der Kinder anzunehmen, um sie für ihre schweren Aufgaben vorzubereiten. Das, was dazu am besten geeignet ist, sind Familien; doch eine kurzsichtige Politik sucht mit Kitas und Ganztagsschulen die Funktionen der Familie durch öffentliche Einrichtungen zu ersetzen, deren nur allzu vordergründiges Ziel es ist, die Mütter zu entlasten; in Wirklichkeit geht es nämlich nicht um Kindeswohl, sondern um eine falsch verstandene Emanzipation der Frauen und um weibliche Ressourcen für die Wirtschaft.

Aber warum gibt es so wenige Kinder? Es ist eigenartig und kennzeichnend, dass man in dieser Frage das Zeitwort „geben“ (es gibt) benutzt. Das ist offensichtlich eine alte Redeweise, die noch davon ausgeht, dass Kinder Gaben sind. Heute würde man eigentlich eher fragen, warum so wenige Kinder gemacht werden. Bedenken Sie bitte, dass in Deutschland derzeit etwa zwei Prozent aller Neugeborenen im Reagensglas, also tatsächlich und mit Absicht gemacht werden. Und gemacht – in gewissem Sinne – werden eigentlich noch viel mehr Kinder, insofern nämlich, der Entschluss zum Kind nur allzu oft mit dem Weglassen der Pille oder anderer empfängnisverhütender Maßnahmen, also durch das Beenden der Kontrazeption verwirklicht wird. Auch damit wird das Kind, wenn auch indirekt, zu einem Objekt des Machens, zu einem factum, zu etwas Gemachtem. Wie heißt es im Credo von Christus? Er sei „genitum, non factum“, „gezeugt, nicht geschaffen“, gezeugt also und nicht gemacht.

Ein Kind verdankt sein Leben letztlich einer höheren Macht

Und dieses „Gezeugt, nicht gemacht“, sollte es nicht auch für den Menschen gelten, der nicht von vorneherein als mit irgendwelchen Absichten irgendwelcher Leute Produzierter, Hergestellter, Gemachter ins Leben treten soll, sondern sich selbst und seinen Eltern als Gabe gegeben wird: es gibt Kinder, Kinder sind Gegebene. Ein Kind verdankt sein Leben also letztlich nicht etwa absichtsgeleiteten biologischen Erzeugern, sondern einer höheren Macht, die von den Gläubigen als Schöpfergott, als der creator verstanden wird, der jeden Menschen sich zum Ebenbild erschafft. Damit ist der Mensch von vorneherein Selbstzweck und nicht von vorneherein der Zweck, Sklave oder Untertan anderer Menschen, die ihn etwa zum eigenen Nutz und Frommen hergestellt, produziert, gemacht haben, seine Freiheit damit von vorneherein beschneidend.

Kein Zweifel, es gibt natürlich Eltern, die sich mit vollem Recht und guten Absichten ein Kind wünschen. Aber wünschen sie es eben nicht doch sich, also für sich? So legitim das ist, das Ideal für die Weitergabe des menschlichen Lebens, die humanae vitae traditio, ist ein weitaus höheres. Das Ideal versteht nämlich das Kind als eine Gabe, die man weder machen noch erzwingen kann und weder machen noch erzwingen darf.

Sexualität und Zeugung sollen nicht technisch getrennt werden

Das lässt sich mit einem – vielleicht verblüffenden – den Soziologen abgehörten Satz ausdrücken: Im Idealfall ist das Kind die nicht intendierte, also unabsichtliche Folge anderweitig absichtsgeleiteter Handlungen seiner Eltern.

Zu gut Deutsch: Absichtsgeleitet sind die Liebeshandlungen, die leiblichen eines Paares. Ihr Sinn ist es, die Liebe der beiden auszudrücken und leiblich zu leben. Liebe wächst aber von selbst „plus ultra“, über sich hinaus, wird fruchtbar und führt, wenn sie glückt und auch in ihrer Ganzheit akzeptiert wird, zur Zeugung eines Kindes, das dann reine Gabe ist, wahrhaft genitum, non factum; gezeugt, nicht geschaffen, nicht gemacht, das nur um seiner selbst willen existiert, niemandes Eigentum, Knecht oder Sklave, sondern Mensch in seiner eigenen Würde und Freiheit.

So gesehen ist die von der biologischen Natur vorgegebene Verbindung von Geschlechtlichkeit und Zeugung, von Sexualität und Weitergabe des Lebens auch der Freiheit und Würde des Menschen entsprechend, der Menschennatur, die mehr ist als seine biologische Natur.

Dass Sexualität und Zeugung technisch voneinander getrennt werden können, sowohl zur Isolierung von Sex als auch zur Isolierung von Zeugung, nämlich im Labor, ist unbestreitbare Tatsache. Dass diese Trennung nicht künstlich bewirkt werden soll, lehrt die Kirche, aber nicht, weil die etwa sexualfeindlich wäre, sondern letztlich um der Würde und der Freiheit der Menschen willen.

Das haben die wenigsten von uns verstanden, als es Papst Paul VI. in seinem als „Pillenenzyklika“ verunglimpften Rundschreiben „Humanae vitae“ noch einmal deutlich zu machen versuchte. Zugegeben, das war nicht leicht zu verstehen, und man war geneigt, sich resignierend auf den Apostel Paulus zu berufen und sein Wort „Wer es fassen kann, der fasse es.“ Doch ist ein erneuter Versuch, es zu fassen, so scheint es mir, angezeigt. Die Folgen nämlich unseres Nichtverstehens legen es nahe. Wieso?

Ein Zusammenbruch der

Kultur der Geschlechtlichkeit

Mit der Isolierung der Sexualität von der Zeugung, die als Befreiung verstanden wurde, geriet das Kind ins Hintertreffen, ja, es wurde von Simone de Beauvoir geradezu als die Fessel der Frau und ihrer sexuellen Selbstverwirklichung angesehen. Und Homosexualität erfreut sich erweiterter Toleranz, also eine Form von Sexualität, die die Zeugung eines Kindes absolut unmöglich macht. In der Gender-mainstream-Bewegung gibt es Kinder nur als Objekte der Erziehung; woher sie kommen sollen, interessiert nicht. Darüber hinaus hat ganz allgemein die Isolierung der Sexualität von der Zeugung zu einer Verwilderung der Sexualität geführt, geradezu zu einem Zusammenbruch der Kultur der Geschlechtlichkeit.

Und die Isolierung der Zeugung von der Geschlechtlichkeit? Zuerst meinte man, die extrakorporale Befruchtung, also die Zeugung im Reagenzglas, sei segensreich, weil sie unfruchtbaren Frauen zu einem Kind verhelfen könne. Das ist sie auch vielfach gewesen. Aber um welchen Preis? Der extrakorporal gezeugte Embryo ist dem verbrauchenden Zugriff der Forscher ausgesetzt und soll sogar dafür und nicht um seiner selbst willen produziert werden, tausendfach. Manche mögen nun meinen, die Trennung von Sexualität und Zeugung sei dieser Folgen wegen unzulässig, und wenn man einmal gelernt habe, diese Folgen – wie immer auch – zu beherrschen, solle man doch nicht so zimperlich sein. Aber wer weiß, ob solche Folgen überhaupt beherrschbar sind? Deswegen lohnt es sich, über die Enzyklika „Humanae vitae“ erneut nachzudenken, vielleicht verstehen wir sie im Lichte der geschilderten Folgen ihrer Nichtbeachtung heute etwas besser als zuvor.

Es geht um die Weitergabe des menschlichen Lebens an die Kinder. Deren ungezeugte Zahl – ganz abgesehen von den im Mutterleib Getöteten – hängt wie eine dunkle Wolke drohend über uns. Nur Kinder wären Grund zur Hoffnung. Eines davon, nackt, allein im Dunklen, geschwisterlos, ungeschützt und ungeleitet, hat uns Hieronymus Bosch gemalt und war Ausgangspunkt unserer Betrachtung, eines, in dem sich das menschliche Leben fortsetzt, jedesmal neu gezeugt und nicht geschaffen, nicht gemacht, aus junger Lebenskraft seinen Weg suchend, beginnen wir nachdenklich das Neue Jahr.

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