Hollywood- Ehrenkodex

Der „Hays Code“: Hollywood entschied sich vor rund 90 Jahren für Moral. Von Hans Thomas
Hollywood-Star Christoph Waltz
Foto: dpa | Blues, Jazz oder Waltz? Letzterer spielt die Schurken nur.

Es war die Zeit des Charleston, des Jazz in den Kneipen, des Alkoholverbots und der Schnaps-Gangster. Und auch Hollywood stand schon in der Stummfilmzeit für lockere Sitten. Nicht nur Charlie Chaplin flimmerte über die amerikanischen Leinwände, sondern auch ein gehöriges Maß an Sex und Gewalt. Bereits um 1920 gab es die ersten Hollywood-Skandale: spektakuläre Scheidungen, Vergewaltigung, Mord, Drogentod.

Das Medium der bewegten Bilder war neu und faszinierte. Die Kinos blühten. Sie hatten wöchentlich 40 Millionen Amerikaner zu Gast. Zum Einschlafen erzählte, hieß es, Mutti den Kleinen: „Es war einmal ein Vater Bär, eine Mutter Bär und ein Kind Bär aus zweiter Ehe...“.

In den Vereinigten Staaten erhoben sich Proteste wegen Verstößen gegen die guten Sitten. Die Kino-Welt stürzte in der öffentlichen Meinung ab. Um den guten Ruf der Branche wieder herzustellen, wollten die Filmproduzenten etwas unternehmen, um Amerika zu überzeugen, dass Hollywood nicht nur Skandal bedeutet. Sie gründeten eine Vereinigung. Viel geschah erst mal nicht. Als Ende der 1920er Jahre der Tonfilm aufkam, wurde alles nur noch schlimmer. Kirchen, bürgerliche Moralwächter und Jugendschutz schlugen Alarm. Nach und nach auch die Politik und Justiz.

Drohenden gesetzlichen Verboten wollten die vereinigten Filmproduzenten mit energischer Eigeninitiative zuvorkommen: Plan einer Selbstkontrolle der Produzenten. Sie engagierten Will Hays. Der verfasste 1930 den nach ihm benannten „Hays Code“ oder „Production Code“, einen Moral-Leitfaden für Filmemacher, der verhindern sollte, dass Filme „die moralischen Standards der Zuschauer absenken“.

„Wenn Filme Geschichten erzählen“, so beginnt der Code, „die einen positiven Einfluss auf das Leben haben, dann können sie die mächtigste Kraft zur Besserung der Menschheit werden. (...) Die Filmproduzenten sind sich der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit bewusst, (...) Auch wenn sie den Film in erster Linie als Unterhaltungsform sehen, der nicht die ausdrückliche Absicht verfolgt, zu belehren oder zu beeinflussen, ist ihnen bewusst, dass dem Film auf Grund seiner eigentümlichen Art der Unterhaltung direkte Verantwortung für spirituellen oder moralischen Fortschritt, die Anhebung des sozialen Niveaus und für das richtige Urteilen zugeschrieben werden kann.“ Zunächst wurde der „Production Code“ mehr diskutiert als befolgt. Immerhin standen darin, als seien sie einer kirchlichen Moralpredigt entnommen, Sätze wie: „Die Heiligkeit der Institution der Ehe und das Familienleben sollen geachtet werden. (...) Sexuelle Affären, manchmal unvermeidlicher Inhalt der Handlung, dürfen nicht ausführlich behandelt, gerechtfertigt oder anziehend dargestellt werden. Erotische Szenen sollen außen vor bleiben, wenn sie für die Erzählung nicht erforderlich sind. (...) Generell soll Leidenschaft so behandelt werden, dass die entsprechenden Szenen nicht niedere und gemeine Triebe stimulieren.“ Unter dem zunehmenden öffentlichen Druck wurde der Code von den Filmproduzenten nicht nur 1930 beschlossen. Sie beriefen auch eigens eine „Production Code Aufsicht“. Unter Will Hays' Führung sorgte sie entschlossen dafür, dass die Produzenten sich an die moralischen Vorgaben hielten. In Grenzfällen wurden für den Kinobesuch Mindestaltersgrenzen eingeführt: Jugendschutz! Zu den Grundprinzipien des Hays Code und ihrer Anwendung gehörte laut Text: „Es sollen keine Filme produziert werden, die den moralischen Standard der Zuschauer senken könnten. Deshalb soll bei den Zuschauern niemals Sympathie für Kriminalität, Verbrechen, Bosheit oder Sünde geweckt werden.“ Korrekte Lebensweisen sollen hervorgehoben, Sittlichkeit und Recht nicht ins Lächerliche gezogen werden. „Verbrechen gegen das Gesetz sollen niemals so dargestellt werden, dass Sympathie mit dem Verbrechen beziehungsweise Missachtung von Recht und Gerechtigkeit oder der Wunsch zur Nachahmung erzeugt wird.“ Deshalb sollen Mord, Totschlag, Rache, Raub, Diebstahl, Brandstiftung, Sprengstoffanschläge zurückhaltend und nie ausführlich oder nachahmenswert dargestellt werden.

Die bereits zitierten Grenzen der Sex-Darstellung werden ergänzt: „Die Behandlung von niederen, anstößigen, ungefälligen, wenngleich nicht bösen, Inhalten sollte immer der Kontrolle des guten Geschmacks unterliegen und die Sensibilität der Zuschauer berücksichtigen. Obszönitäten in Wort, Geste, Hinweis, Lied, Witz oder durch Andeutung sind verboten. (...) Vollständige Nacktdarstellungen sind nie erlaubt.“ Geächtet werden auch Entkleidungsszenen, außer wenn sie für die Handlung wesentlich sind. Ein eigener Abschnitt ächtet jegliche Respektlosigkeit gegenüber der Religion. Die Worte Gott, Herr, Jesus, Christus seien zu meiden – es sei denn, sie werden ehrfürchtig gebraucht. Ausgeschlossen werden auch Flüche und andere Verunglimpfungen des Namens Gottes. Jede respektlose oder vulgäre Ausdrucksweise ist hier verboten.

Es wurde viel – und wird bis heute – diskutiert, ob der „Hays Code“ brutale Zensur oder ein Segen war. Manches darin mutet durchaus zeitbedingt, sogar heute unverständlich an, so etwa bestimmte Ängste vor Rassenmischung. Denkt man aber an Hollywood-Produktionen wie „Vom Winde verweht“, die Hitchcock-Krimis, die Western von John Ford oder die Komödien mit Doris Day, darf man sich schon fragen: Was soll denn nun diesen großen Filmen gefehlt haben? Schon erstaunlich: Mit diesen Richtlinien zur Filmproduktion wurde Hollywood zu einer ausgesprochenen Moralanstalt – bis 1967: Ende des „Hays Code“. Die sexuellen Befreier von 1968 saßen schon in den Startlöchern.

Der Autor ist Gründungsdirektor und Generalsekretär des Lindenthal-Instituts in Köln.

 

 

Hintergrund: Hays Code

Ende der 1920er begannen die Tonfilme zur Regel zu werden. Damit gab es nicht nur eine neue Qualität des Kinos, sondern auch eine neue ethische Herausforderung, weil jetzt nicht nur die Bildsprache, sondern auch die Sprache selbst als Träger von moralisch problematischen Inhalten auftrat. Hollywoods Antwort: der „Hays Code“.

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