Glück und Schmerz liegen nah beieinander

Unheimliche Mischung aus utopischer Science-Fiction und Rachefantasie: Der japanische Spielfilm „Happiness“. Von José García
Filmszene aus „Happiness“
Foto: rapid eye movies | Ein Fremder namens Kanzaki (Masatoshi Nagase) steigt in einer verschlafenen Kleinstadt aus einem Bus, als käme er aus dem Nichts.

Der Anfang des Spielfilms „Happiness“ des japanischen Regisseurs SABU lässt an einen Western denken. Ein einzelner Mann namens Kanzaki (Masatoshi Nagase) steigt mitten in der Landschaft aus einem Bus, als käme er aus dem Nichts. Er betritt einen alten Laden wie weiland Clint Eastwood in einem Sergio-Leone-Film. Auch wenn es zunächst ganz anders aussieht,und der Fremde keine Waffen trägt, deutet dieser genretypische Beginn darauf hin, dass Kanzaki wie eben die einsamen Rächer in einem Spaghettiwestern eine offene Rechnung zu begleichen hat.

Vorerst aber verbreitet der schweigsame Mann eher Glücksgefühle: In dem alten Laden trifft er auf eine apathisch und traurig wirkende Frau. Kanzaki holt aus seinem Gepäck einen seltsam geformten Helm heraus, den er der Frau aufsetzt. Nach wenigen Sekunden wirkt die Frau wie ausgetauscht. Ihr Gesicht strahlt. Denn dieser eigenartige Helm erweist sich als eine selbstgebaute Glücksmaschine: Wer sie aufsetzt, erlebt die glücklichsten Erinnerungen seines Lebens wieder. Bald darauf landet der Fremde im Büro des Bürgermeisters, der sich von der Wirkung des Glückshelmes überzeugen lässt. Daraufhin bittet der Bürgermeister Kanzaki, den anderen Bewohnern des kleinen Orts den Helm aufzusetzen. Denn dort scheinen alle Menschen von einer seltsamen Traurigkeit und Teilnahmslosigkeit betroffen zu sein.

Die schönsten, wohl auch lange verschollen geglaubten Momente im Leben einiger dieser Menschen zeigt der Film „Happiness“ als kurze Erinnerungsfetzen, bei denen Drehbuchautor und Regisseur SABU unterschiedliche Kunstgriffe einsetzt, etwa Weichzeichnung, Unschärfe oder verwackelte Bilder. Zwar werden bei einem Festessen zu Ehren des Fremden einige kritische Stimmen laut – wenn einige Bewohner dieses Hochgefühl nutzen, um endlich ihre vergessenen und nun wieder erinnerten Träume zu verwirklichen, wird die Stadt noch leerer als jetzt. Kanzaki kontert jedoch, indem er vorschlägt, den Glückshelm zunächst einmal jungen Männern aufzusetzen, die sich dann mit der neu gewonnenen Lebensfreude für die Stadt einsetzen könnten. Der arglose Bürgermeister stimmt zu, und verschafft dem Fremden Zugang zu den Geburtsakten im Gemeindearchiv. Der Zuschauer beginnt zu ahnen, dass dies der eigentliche Zweck von Kanzakis Aufenthalt in der Kleinstadt sein könnte.

Die minimalistische Inszenierung von „Happiness“ stellt von Anfang an viele Fragen, nicht nur bezüglich der Maschine mit der eigenartigen Eigenschaft, die glücklichsten und – wie es sich später auch herausstellen wird – die schmerzhaftesten Augenblicke im Leben eines jeden Menschen in Erinnerung zu rufen. Woher kommt dieser Kanzaki, und warum steigt er ausgerechnet in diesem gottverlassenen Dorf aus? Ebenso rätselhaft wirkt die kollektive Depression in der Kleinstadt, die sich in den lethargischen Gesten und in der teilnahmslosen Körperhaltung der Bewohner manifestiert. Gestik und Körpersprache verändern sich sichtlich, nachdem Kanzaki den Bewohnern der Kleinstadt seinen selbstgebastelten Glückshelm aufgesetzt hat. Aus ihren Gesichtszügen ist nun zu ersehen, dass sie sich wieder des Lebens erfreuen. Dialoge sind spärlich gesetzt, es wird so gut wie keine Musik eingesetzt, was zusätzlich die fremdartige Atmosphäre unterstreicht.

Als Kontrast dazu verleiht die Erfindung dem Film zu Beginn einen utopischen Anstrich, eine Art Science-Fiction, deren Anmutung durch die grünstichigen Bilder und die fallenden roten Blätter betont wird. Allerdings ändert sich nicht nur die Stimmung, sondern auch das Filmgenre nach einer Drehbuchwendung, als sich in der Filmmitte herausstellt, dass Kanzaki aus einem ganz bestimmten, nicht gerade erfreulichen Grund ausgerechnet in diese Stadt gekommen ist. Diese neue Wendung in SABUs Drehbuch geht mit einer ausgedehnten Rückblende einher, die auf einige der anfangs gestellten Fragen gewisse Antworten gibt. Plötzlich ist die Leichtigkeit, ja der unterschwellige Humor vorbei. Der ins Science-Fiction-Reich gehörende erste Teil macht einer Rachegeschichte Platz, die an die eingangs erwähnten Rache-Western mit einem ähnlich nihilistischen Anstrich wie etwa „Spiel mir das Lied vom Tod“ (Sergio Leone, 1968) erinnert. Die in diesen Filmpassagen eingesetzten expliziten Gewaltexzesse, die allzu blutigen Bilder sind leider schwer auszuhalten.

Unerbittlich und gefühlskalt kommen diese Szenen daher. Sie bringen einerseits den Film aus dem mühsam erreichten Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Genreelementen – Western, Science-Fiction –, das „Happiness“ formal sehenswert macht. Darüber hinaus wird dadurch auch das Verstehen der Hauptfigur erschwert, deren Beweggründe dem Zuschauer zwar verdeutlicht werden, deren ethische Bewertung jedoch hinter solche Gewaltexzesse tritt. Der zweite Protagonist weckt sogar noch weniger Interesse, weil er ziemlich klischeehaft gezeichnet wird. Was zu einer Geschichte von Schuld und Sühne respektive Vergangenheitsbewältigung hätte werden können, erschöpft sich in einer Rachefantasie.

Bemerkenswert ist andererseits, was „Happiness“ in den Szenen verdeutlicht, in denen die Bewohner der Kleinstadt durch den „Glückshelm“ wieder erleben: Die glücklichsten Erinnerungen der meisten Menschen, die der Film in Form von kurzen Rückblenden ins Bild setzt, haben mit Liebe zu tun – zu den Eltern, zu dem Ehepartner, zu den Kindern. Könnte der Filmtitel über weite Strecken eher als Ironie aufgefasst werden, so stellt sich hier heraus: Glück hat so gut wie immer mit Liebe zu tun.

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