Feuilleton

Glaube ist mehr als eine moralische Ansicht

Bei Hegel gehörte der Glaube noch zum philosophischen System dazu. Von Alexander Riebel
Georg Wilhelm Friedrich Hegel würdigte das Christentum als Teil seiner Philosophie
Foto: IN | Hegel würdigte das Christentum als Teil seiner Philosophie.

Hatte Immanuel Kant das Christentum so wenig geachtet, dass er es in eine Vernunftreligion überführen wollte, so ist die Lage bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) ganz anders. Hegel hat die Religion in ihrer tatsächlichen Gestalt anerkannt und sie sogar als Teil des Systems seiner Philosophie aufgenommen, auch wenn er die Gefühlstheologie seiner Zeit, wie bei Jacobi, eher kritisch sah. Nicht zuletzt der Philosoph Josef Pieper zitierte 1969 Hegels Ausspruch von den „Verwüstungen in der Theologie“ (DT vom 14.10.2017). Und den einst durch Anselm von Canterbury eingeführten ontologischen Gottesbeweis, den Kant glaubte außer Kraft setzen zu können, erklärte Hegel zur Hauptaufgabe der Philosophie – nämlich „darzustellen“, wie Gott wirklich wird, also Schöpfer ist. Doch sind die Thesen Hegels nicht unumstritten geblieben und so gab es nach seinem Tod einen Streit um seine Sicht des Verhältnisses von Philosophie und Religion, der schließlich zum Zerfallen der Hegelschule führte. Die Münsteraner Philosophin Nadine Mooren hat nun das „Verhältnis von Religion, Philosophie und Theologie in Hegels System“ untersucht und in den Hegel-Studien vorgestellt.

Hegels Kernthese seiner Religionsphilosophie lautet, Philosophie und Religion hätten denselben Inhalt – das Absolute oder Gott ist Geist –, nur ihre Form sei verschieden. Und im Zentrum seiner Religionsbetrachtung steht die geoffenbarte christliche Religion als höchste Entwicklung der Religion und neue „Form der Wahrheit“. Das weiß nach Hegel aber alles nur der Philosoph. Nur der Philosoph könne entdecken, dass die Grundinhalte der Philosophie in der Religion wiederkehren; der Gläubige verfüge nicht über diese Einsicht, weil er nicht die Form der Strukturen von Glauben und Wissen betrachte. Dennoch, Mooren hebt hervor, dass Hegel in seiner Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften geschrieben hat: „Die Religion ist die Art und Weise des Bewusstsein, wie die Wahrheit für alle Menschen ist.“ Die Philosophie dagegen sei als wissenschaftliche Erkenntnis der Wahrheit nur eine „besondere Art des Bewusstseins, deren Arbeit sich nicht Alle, vielmehr nur Wenige unterziehen“. Dem Verhältnis von Glaube und Wissen in der neuzeitlichen Aufklärungsphilosophie hatte sich Hegel nicht angeschlossen. Mooren schreibt, „sein Augenmerk gilt nicht dem Gegensatz von Wissen und Glauben im Sinne des Gegensatzes von Philosophie und Religion“. Im Hinblick auf die aufklärerische Vernunft zitiert sie die eindrucksvolle Stelle bei Hegel: „Es ist aber die Frage, ob die Siegerin Vernunft nicht eben das Schicksal erfuhr, welches die siegende Stärke barbarischer Nationen gegen die unterliegende Schwäche gebildeter zu haben pflegt, der äußeren Herrschaft nach die Oberhand zu erhalten, dem Geiste nach aber dem Überwundenen zu erliegen.“ Hegel warnt also vor der Entgegensetzung von Glaube und Wissen und löst das Problem dadurch, dass Glaube eine besondere Form des Wissens sei, oder wie Mooren ihn zitiert: „Es wird sich auch wohl als empirische Tatsache finden, dass das im Bewusstsein ist, was man glaubt, dass man somit wenigstens davon weiß; auch dass, was man glaubt, als etwas Gewisses im Bewusstsein ist, dass man es also weiß.“

Mooren untersucht auch ausführlich, was es mit der Inhaltsgleichheit von Religion und Philosophie auf sich hat. Denn es sei nach Hegel dieselbe Welt, auf die wir uns anschauend, vorstellend oder philosophisch beziehen. Die Vorstellung formt das Religiöse zu etwas Selbstständigem wie wir es kennen, während die Denkformen im Religiösen das Allgemeine in den Vordergrund stellen.

Hegel, der als der Philosoph gilt, der die Moderne auf den Begriff gebracht hat, untersucht auch immer wieder den „Zwiespalt unserer Zeiten“, etwa „die gebildete Reflexion muss sich in die Religion hineintragen; – und kann es zugleich in ihr nicht aushalten, ist ungeduldig gegen sie; – umgekehrt die Religion, religiöses Gefühl ist misstrauisch gegen die Reflexion“. Oder: „Was die christliche Religion wie alle Religionen für das Höchste, das absolute Gebot erklärt: – Ihr sollt Gott erkennen –, dies gilt jetzt für eine Torheit.“ Eine entscheidende Rolle für das Christentum spielt für Hegel die Gemeinde. Die Gemeinde der kollektiven Selbstdeutungspraxis, wie Mooren formuliert, hat ein sinnstiftendes Gemeinschaftsleben im Vollzug gemeinsamer Regeln, bestimmter Rituale und Sakramente, die Hegel insgesamt als Kultus bezeichnet. Die Gemeinde habe unter anderem die Aufgabe, gebildete Gefühle und Einsicht in die kirchliche Lehre zu erzeugen, was wiederum zur Bewahrung der Tradition wie dem Erhalt der Gemeinde wichtig sei. Religion und Sittlichkeit sind von entscheidender Bedeutung für die Menschen – Sittlichkeit im Sinne von Sitte, dem, was der Brauch ist. Hegel stellte damals als historischen Befund seiner Zeit fest, dass die Gemeinde immer mehr aus dem sittlichen Zusammenhang schwinde. Er sprach davon, dass die Menschen „zutrauenlos“ geworden seien und nicht mehr in Bezug auf die auch religiöse Sittlichkeit lebten. Hegel warf seiner Zeit vor, aus der Frage des Pilatus, „was ist Wahrheit“?, sei nun die „Sucht des Privatwohls und Genusses an der Tagesordnung – die moralische Ansicht“ statt der Wahrheit. Der Subjektivismus der Aufklärung war Hegels erklärter Gegner. Über solche Gedanken wenige Jahre nach Kant nicht nur zu schreiben, sondern sie in das Ganze einer Philosophie zu integrieren, kann als außergewöhnlich bezeichnet werden. Die höchste Form der Verfehlung des Religiösen hat Hegel in der (romantischen) Ironie gesehen, in der Verabsolutierung des Einzelnen in der Gestalt der „Meister über das Gesetz und die Sache“, wie Hegel formuliert. Mooren hebt hervor, dass nach Hegel die „metaphysische Häresie“ die Grundlage sozialer Erosion ist, die das Sittliche letztlich aushöhlt. Nur die Religion sei Stifterin von Sinn- und Solidarbezügen. „Er macht deutlich, dass sich solche Orientierungen nicht mit Gewalt und staatlichem Befehl ,von oben‘ erzwingen lassen“, heißt es bei Mooren.

Moorens gelungene Untersuchung der Religion aus Hegels Sicht fragt am Schluss, ob sich Gläubige bei den Theologen trotz Kritik nicht doch besser aufgehoben fühlen als bei einem Philosophen.

Nadine Mooren: Hegel und die Religion.Eine Untersuchung zum Verhältnis von Religion, Philosophie und Theologie in Hegels System. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2018, 253 Seiten, ISBN: 978-3-7873-3185-7, EUR 118,-

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