Gentleman auf katholisch

Wie Kardinal John Henry Newman aus Studenten Gentlemen formte und ihnen das Wesen der Universität erschloss. Von Benedikt Winkler
Heilige John Henry Newman  wird zum geistlichen Begleiter durch das Kirchenjahr
Foto: IN | „Die einzige Bürgschaft, zur Wahrheit zu gelangen, ist die Pflege aller Wissenschaften. Und das ist das Amt einer Universität.“ – John Henry Newman

Was würde John Henry Newman sagen, wenn er einem typischen deutschen Studenten heute begegnete? Ein junger Mann Anfang 20, nennen wir ihn Tim, der im modularisierten Studiensystem angepasst und nach ECTS-Punkten jagend, von Selbstzweifeln und Depressionen geplagt ist, sich von Tiefkühlpizzen ernährt und seine Freundin vernachlässigt? Vielleicht würde er sagen: „Tim, du bist an dem Desaster nicht ganz allein schuld“. Sicherlich würde Newman ihm Hilfestellungen geben, denn dieser wusste, aus Studenten rechtschaffene Gentlemen zu machen, die klug und tätig die Gesellschaft gestalten.

Die Bildung des Geistes drücke sich – so Newman – in den Gentleman-Tugenden aus, in Besonnenheit, Freimütigkeit, Selbstbeherrschung, Höflichkeit, Anstand und Ausgewogenheit. Letztere Eigenschaften seien ein Beleg dafür, dass die Bildung des Geistes zugleich auch die Seele formt. Newman wusste, dass junge Männer häufig ihre Energien und Lebensgeister überschätzen. Die Schulung des Geistes ist gewöhnlich mit großer Anstrengung und jahrelanger Übung verbunden. Erst mit der Zeit bildet sich eine umfassende, einheitliche Ganzheitsschau heraus, der Intellekt wird beweglicher, Wort und Tat werden feiner. Doch wer war Newman, der sich nicht nur Gedanken machte über ganzheitliche Bildung und die Gentleman-Tugenden, sondern auch über das Wesen der Universität im Ganzen?

Radikaler Katholik mit anglikanischem Erbe

John Henry Newman gilt als eines der größten theologischen Genies in der neuzeitlichen Kirchengeschichte und das Werk „The Idea of a University“ ist sicher eines seiner bedeutendsten. Zweifellos haben seine Universitätsvorträge bis heute nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Im angelsächsischen Raum wurde in den letzten Jahrzehnten von sämtlichen seiner Werke dieses Buch am häufigsten gelesen und zur Grundlage fruchtbarer Diskussionen gemacht. Geschätzt wird er nicht nur als Kämpfer der „Apologia“, sondern auch als überragender Existenztheologe. Seine Vorträge über das Wesen der Universität sind eine Zusammenstellung universaler Bildungsweisheit. Newman tritt auf als Universitätsmann, als Pädagoge, als Theoretiker und als Anwalt der Theologie in ihrem Verhältnis zu Bildung und Kultur.

Bereits als junger Fellow und Tutor des Oriel-College in Oxford hatte Newman eine immense praktische Begabung auf dem Gebiet der Universitätspädagogik. Als Newman im Jahre 1845 zur katholischen Kirche konvertierte, waren ihm kaum die damaligen katholischen Stände vertraut, die nach dem Willen des Papstes der Gründung von Oratorien in London und Birmingham dienlich sein sollten. Statt mit Aufgaben innerhalb des katholischen Englands betraut zu werden, wurde er nach Irland geschickt, weil führende katholische Kreise Irlands die Gründung einer katholischen Universität herbeisehnten. Newman wurde von Erzbischof Cullen, dem Primas des irischen Episkopats, gebeten, das Amt des Rektors einer katholischen Universität anzunehmen und bei der Gründung in Dublin mitzuwirken. Newman zögerte nicht lange und sagte zu, weil „er erkannte, dass diese Aufgabe seinem Wesen und seinen Neigungen vorzüglich entsprach“. Doch stellte sich Newman die Frage, wie wohl die Iren auf sein Amt als Rektor reagieren würden und ob sie sich von ihm sagen lassen würden, was Bildung sei und was eine Universität bezwecke.

Fest stand: Mit Newman kam Oxford nach Irland. Das Zielbild der Erziehung in Oxford war der Gentleman. Der Gentleman hatte zwar einerseits seinen Ursprung in der aristotelisch-katholischen Tradition, war aber dennoch an die englische Universitätsstadt geknüpft. Wie sollte dieses Modell in ein Land passen, das eigentlich antienglisch gestimmt war? „Warum sollte ich dann so unbesonnen und töricht sein, mich in Schwierigkeiten zu verwickeln, die mich im Grunde gar nichts angingen? Warum sollte ich meinen sicheren Platz [in Oxford] verlassen?“ Außerdem waren sich zu dieser Zeit die irischen Bischöfe darüber uneins, ob die Bildung zuerst katholisch oder irisch sein, oder ob sie gar interkonfessionell angelegt sein sollte. Doch trotz aller Widrigkeiten bewies Newman als Rektor der katholischen Universität zu Dublin, „dass er mit genialem Weitblick die theoretischen und praktischen Gesichtspunkte universitärer Bildungsfragen für sein hohes Ziel nutzbar zu machen verstand“.

Seine Vorträge, insbesondere die ersten zehn Vorträge „Discourses on the Scope and Nature of University Education“, bildeten den Kern für sein späteres Hauptwerk „The Idea of a University“. Unter dem „Prinzip der Universität“ verstand Newman nicht weniger als die unauflösliche Einheit von Philosophie und Religion, von Natur und Gnade, von humanistischer und christlicher Bildung. Als radikaler Katholik mit anglikanischem Erbe machte Newman deutlich, welche Forderungen die göttliche Offenbarung an den modernen Menschen stellt. Manche Zuhörer glaubten sogar in Newman die Stimme eines Engels zu hören, die prophetenhaft von einer menschlichen Verantwortung vor dem Geist und der Geschichte sprach.

Glaube und Wissen durchdringen sich gegenseitig

Dabei vertrat er nie die Position eines strengen Idealismus, sondern verband Natürliches und Übernatürliches im sakramentalen Prinzip der Kirche. Seine Worte gründeten zunächst auf dem Boden der Philosophie, welche er bereits früh als „Seele“, als „Form“ aller Wissenschaften bezeichnete, die selbst der Theologie ihren Platz zuweist. So ist die These seiner ersten vier Vorträge, dass alles Wissen und alle Wissenschaft eine Einheit bilden und zueinander in Beziehung stehen. Um in den Besitz der Wahrheit zu gelangen, müsse der Geist die unter den Einzelwissenschaften herrschenden Beziehungen erfassen. Indem der Mensch Struktur und Beziehung von Wissen erfasst, betreibe er einerseits objektive Wissenschaft und schärfe andererseits seinen subjektiven Verstand. Die Erziehung des individuellen Verstandes ist für Newman die Hauptaufgabe der Universität. Alle Bereiche der Universität einschließlich der Theologie sind nach Newman nicht nur für die Priesteranwärter, sondern auch für die Laien. Der gebildete Laie soll religiös sein und der fromme Katholik die Kultur des Geistes erwerben. Es brauche die beiderseitige Durchdringung von Glaube und Wissen. Wie kaum ein anderer Geist des christlichen Abendlandes hat Newman diese Spannung zwischen fides und ratio erfahren. Denn oft gelangt gerade der gebildete, kritische Geist in Schwierigkeiten, die Glaubensinhalte anzunehmen. In diesem Widerspruch kommt es nicht selten zum Auseinanderklaffen in Emotionalismus und Rationalismus. Newman vereint sie in seiner gewissenhaften und frommen Persönlichkeit. „Fides quaerens intellectum“, der alexandrinische Väterstandpunkt bildete für Newman die Grundlage seines modernen Wissenschaftsbegriffs.

Newman eröffnete die Universität am 3. November 1854. Erstklassige Professoren und eine Handvoll Studenten zählte er zu Beginn. Die Eröffnung war durch Meinungsverschiedenheiten und Divergenzen der irischen Bischöfe verzögert worden. „In der Praxis hatte der Dubliner Erzbischof Cullen die effektive Kontrolle über die Universität“, während andere Bischöfe aus politischen Gründen dem Unterfangen misstrauten und es nur mäßig unterstützten. Ebenso wuchs das Misstrauen Cullens gegenüber Newman, weil dieser mit einer Anzahl brillanter „junger Irländer“ und hervorragender Konvertiten Freundschaft schloss und sie zu Professoren ernannte. Daraufhin begann Cullen in Rom, die Bischofsernennung Newmans zu durchkreuzen. Der Rang eines Bischofs hätte Newman genau die Position verschafft, die er gegenüber der irischen Geistlichkeit so dringend benötigte. Trotz dieser Hindernisse arbeitete Newman unermüdlich am Aufbau der Universität. „Ich beginne damit, dass ich als Grundprinzip von dem von mir für wahr gehaltenen Gedanken ausgehe, dass junge Menschen in der Regel nicht zu etwas gezwungen werden können, dass sie aber zugleich offen sind für überzeugende Worte, für die Macht der Freundlichkeit und der persönlichen Bindung und dass sie daher durch indirekte Methoden auf dem rechten Wege gehalten werden sollten als durch autoritäre Verfügungen und nackte Verbote.“ Insgeheim hoffte Newman, dass die Universität auch über Irland hinaus Studierende anziehen würde. Doch der Traum, dass Amerikaner und Engländer in Dublin studieren würden, erfüllte sich nicht. Newman sah ein, dass seine Anwesenheit umso dringlicher im Oratorium gefordert war und kehrte aus diesem Grund im November 1858 nach Birmingham zurück. Sieben Jahre nach seiner Amtsübernahme legte er das Rektorat in Dublin nieder. Die Universität existierte bis 1882, danach wurde sie der Royal University of Ireland angegliedert.

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