Würzburg

Frühe Symptome?

Eine Pfarrbrief-Fallstudie zeigt, wie sich im kirchlichen Leben Geist und Sprache in den vergangenen 50 Jahren verändert haben.
Eröffnungsmesse der Kommunionkinder im Autoscooter?
Foto: dpa | Eröffnungsmesse der Kommunionkinder im Autoscooter? Der Blick in Pfarrgemeindebriefe kann Gruseliges zutage bringen.

Maria 2.0, Pachamama, Synodaler Weg – Mutter Kirche wirkt an vielen Gliedern behandlungswürdig. Als Katholikin frage ich mich, ob es frühzeitige Symptome gab und man diese auch im Gemeindeleben vor Ort hätte erkennen können. So kramte ich eine Sammlung alter Pfarrbriefe hervor, und schon ein erstes Querlesen ließ erkennen, dass das aktuelle Gebaren der Kirche nicht Folge einer Spontanmutation ist. Es ist über Jahre gewachsen, gelebt vor Ort und dokumentiert seit 1969 in den offiziellen Publikationen der Pfarrei.

Die erste Ausgabe erscheint im Jahr von Mondlandung und Woodstock. Die Welt erlebt den ersten Christopher Street Day, die Geburtsstunde des Internets und die Liturgiereform. Der Pfarrgemeinderat (PGR) als „Herausgeber“ stellt sich „in den Geist des II, Vaticanums“, wünscht mehr Lektoren und die Einführung der Handkommunion. Folglich „muss der Verbleib der Kommunionbänke diskutiert“ werden. Verwundert stellt man 1969 die geringe Zahl der Messdiener fest, obwohl sie es doch „heute wegen der geringeren Zahl der auswendig zu lernenden Gebete“ und der „Reduzierung von Verneigungen und Kniebeugen“ deutlich einfacher hätten. Gemutmaßt wird, dass das Konzil den einen „zu progressiv“ gewesen sei, die Reformen anderen indes „nicht weit genug“ gingen. Man beklagt das Aufgehen der Pastoral in der „Sorge um die Treugebliebenen“, wundert sich nicht über die zeitlosen Vorwürfe, Kirche sei hierarchisch, nicht demokratisch, rückwärtsgewandt und ihr Wahrheitsanspruch heilsegoistisch. Sicher glaubt man zu wissen, dass man „mit einer Gehorsamsforderung oder einer Sündendrohung niemanden mehr in die Kirche locken kann“.

Attraktivere Messen und ansprechendere Predigten: der Forderungen sind viele

Die Messe soll insgesamt „attraktiver“gestaltet und vorab bekanntgegeben werden, welcher Geistliche zu welchem Thema predigen würde. „Wenig ansprechende Predigten“ sollten gänzlich vermieden, ein Mindestniveau nicht unterlaufen werden. Neben traditionelle, an Sakramente gebundene oder zielgruppenorientierte Messen wie Toten- oder Brautmessen treten neue Formen. „Aus dem Bedürfnis heraus, Gott zeitgemäß anzurufen“, gestaltet man 1970 eine „Jazzmesse“. Zu Fronleichnam fordert der PGR einen Abschied von der „Tradition und ihren in langer Zeit erprobten Frömmigkeitsformen“, er initiiert „eine bewusste Abkehr vom gewohnten Zug zu den vier Altären“. Statt dessen führt ,„ein schlichter Weg in den Garten des Altenheims“, immerhin aber „zum Höhepunkt unseres christlichen Tuns: der gemeinsamen Opferfeier“. In einem Leserbrief von 1971 wird kritisch nachgefragt, ob das Ganze mit nur einem Altar und über „weite Strecken ohne das Allerheiligste“ noch eine Fronleichnamsprozession gewesen sei.

Das damalige Engagement des PGRs war nachhaltig, bis heute ist die Gemeinde nicht zu den vier Altären zurückgekehrt. Im selben Jahr empfiehlt der Kaplan seiner Gemeinde die Texte zur Liturgiereform und weitere „interessante Büchlein“ zum Thema „Zölibat heute“ und „Demokratie in der Kirche“. Passend dazu lädt die Jugendgruppe ein mit der Zusage, dass es eine „kollektive Führung“ gäbe. Zu alledem ein Witz im Pfarrbrief: „In unserer Stadt haben wir einen sehr fortschrittlichen Pastor. Nach dem Konzil hat er die Messe so stark gekürzt, dass er nur noch die Kollekte abhält.“

Die 80er Jahre sind die Jahre von Mitmachen und Beteiligung. Was sei „die Gemeinde anderes als ein verkleinertes Abbild des Staates?“ In Umsetzung der Würzburger Synode, wonach „die ganze Gemeinde Anteil an der Aufgabe der Kirche habe, Träger der Heilssendung Christi“ zu sein, werden die geringe Zahl der Lektoren und das Nichtpraktizieren des Friedensgrußes bemängelt.

Der „sonntägliche Gottesdienst“, der seit 1982 immer häufiger „Eucharistiefeier“ genannt wird, soll zum „Kinder- oder sogar Familientreff“ werden. „Und sicherlich kommen diese Kinder noch lieber zum Kindergottesdienst, wenn sie einmal auf den Altarstufen stehen und etwas vorlesen dürfen.“ Die 80er sind die Geburtsstunde der Kreise und Gruppen – „Arbeitskreis Liturgie“, „Arbeitskreis Kinder- und Familiengottesdienst“, „Bastelkreis“, „Familienkreis“ und viele mehr. 1984 werden Messdiener gesucht, die mit der „Bereitschaft zur dienenden Tätigkeit“ an der „liturgischen Gestaltung des Gottesdienstes“ mitwirken sollen; zwei Jahre später werden erstmals Mädchen zum Altardienst eingeladen. Schon zu Beginn der 80er wird vorgeschlagen, das Pfarrheim auch für nichtchristliche Zwecke zur Verfügung zu stellen. Gut 30 Jahre später finden hier dann auch Yogakurse und Vorträge von Feministinnen statt zu der illustren Frage, ob „Christus heilsnotwendig ein Mann sein musste“.

Bußgottesdienste statt Beichte, Gymnastikgruppen und Krabbelgottesdienste

Die angekündigten Beichtgelegenheiten nehmen ab, an die Stelle der persönlichen Beichte tritt an Gründonnerstag der allgemeine Bußgottesdienst; Angebot und Nachfrage bedingen sich. Zu Weihnachten jedenfalls erinnert der Pfarrer daran, dass der liebevolle Gott am Ende der Zeit als Richter kommen wird. Auch die Firmlinge müssen „im Stand der Gnade sein“ und sollten „am Tag der Firmung selbst auch zur Heiligen Kommunion gehen“.

Die Kommunionkinder führt man Ende der 80er Jahre „zum Tisch des Herrn und anschließend wieder ins Pfarrhaus“. Die Pfarrbriefe dieser Jahre können locker mit der „Apothenkenumschau“ mithalten. Regelmäßige Veranstaltungen und Berichte über Zuckerwerte, Bewegungsmangel und Blutfette bleiben bis Mitte der 90er fester Bestandteil des dokumentierten Gemeindelebens. Schließlich kann man sich „zur Ehre Gottes und zum Wohl der Gemeinde nicht nur zum Arbeitskreis Caritas, sondern auch zur Gymnastikgruppe Fit ab 40 anmelden“, tägliches Duschen wird empfohlen. Aus Mitmachen wird in den 90ern Mitbestimmung. „Dort, wo man nichts mitgestalten kann, hat auch keiner Lust, sich einzubringen.“

„Die Leitung der Gemeinde kann nur in gemeinsamer Verantwortung von Pfarrer und Pfarrgemeinderat ausgeübt werden.“ Das Gremium sieht sich auf dem „Armesünderbänkchen“, weil es teils gegen seine eigene Überzeugung den Kritikastern erklären soll, warum die Kirche „gegen Abtreibung und Verhütung ist, obwohl doch jeder das Problem der Überbevölkerung kenne“. Unwillig verteidigt man das „letzte Wort des Bischofs“, das möglicherweise einen „demokratisch gefassten Mehrheitsbeschluss“ des PGRs kippt.

Unter Vorsitz der Gemeindereferentin erarbeitet ein neuer Liturgieausschuss „neben der Eucharistiefeier auch andere als die bisher gewohnten Formen von Gottesdiensten“. Ziel ist, „unterschiedliche Aufgaben besonders in der Heiligen Messe wahrzunehmen“. Denn diese sei, so zitiert man den damaligen Erzbischof, „Quelle und Höhepunkt des kirchlichen Lebens“. „Kinder-und Krabbelgottesdienste“ sind ein Ergebnis dieser Bemühungen. Ankündigungen von Beichtgelegenheiten zu Weihnachten und auch in der Karwoche bleiben bis Ende der 90er aus. Immerhin wird festgehalten, dass die Kirche keine „multifunktionale Halle, sondern Ort der Verehrung“ sei. Zum „Bibelteilen zwischen den beiden Altären“ wird eingeladen, der Jugendkreuzweg soll ein „Signal gegen Einsamkeit und Gleichgültigkeit“ setzen – eine anschließende Einladung zum Imbiss scheint daher nicht abwegig.

Seelsorgerinnen, Mitspracherecht und Transparenz

Der Pfarrbrief hat mittlerweile durch Klebe- und Kopierkünste und das wilde Mixen verschiedener Schrifttypen und -größen das look and feel einer Schülerzeitung angenommen. Der „Wettergott war 1994 der Kirmes nicht gewogen“ – wie könnte er auch, könnte der katholische Leser kritisch hinterfragen. Während der leitende Pfarrer auf Photos meist ohne Priesterkragen zu sehen ist, spricht ein in die Jahre gekommener Prälat über die Opferung seines Berufsstandes, die sich auch „in der Kleidung des Priesters zeige“. Aus Sicht der heutigen U3-Betreuung liest man mit Wehmut von der Begrüßung der neuen Kindergartenkinder, die als „Dreijährige aus der Geborgenheit der Familie hinaustreten“.

Die KFD bekommt dauerhaft eine eigene Seite, berichtet über ihre „Frauenmesse“, Einkehrtage, ihr Engagement in den Altenheimen und verrät der Gemeinde in jeder Ausgabe ein Kochrezept. Ende der 90er wird unter dem Motto „Frauen bringen was ins Rollen“ zum „Dekanatsfrauentag mit KFD-Frauenmobil“ aufgerufen. Aus diesem Kreis kommentiert man kritisch eine Personalentscheidung des Bischofs: „Hätte man nicht mehr Seelsorger schicken können oder Seelsorgerinnen“? „Und was, wenn wir entdeckten, dass die Zukunft der Kirche die Hauskirche ist, und es zur Eucharistiefeier Frauen oder Männer gäbe?“

Bistumsweite Sparmaßnahmen rufen in den 2000ern einmal mehr die Laien auf den Plan. Zum Advent 2004 sollen „die Betroffenen mobilisiert werden“. Notwendige Veränderungen können „nicht an Gemeindemitgliedern vorbei oder über deren Köpfe hinweg geplant werden“. „Mitspracherecht“ und „Transparenz“ werden gefordert. Liturgieausschuss und Lektorenrunde haben „die Möglichkeit eingeräumt, dass die Lektorinnen auch in Zivil mit einziehen, um den Stellvertretercharakter noch stärker zu betonen“. „Jugendchristmette“, KFD- Messe und „Internationale Pfingstmesse“ stocken das Messangebot auf. Die ökumenische Kinderbibelwoche endet mit einem Gottesdienst, in dem Kinder „zusammenfassen, was sie gelernt haben“.

Zwischen Atemholen im Alltag und Welt retten

Neben die Adventszeit als „Zeit der Buße und Umkehr“ tritt das „Atemholen im Alltag“ mit „Texten, Liedern und Gesprächen“. An Weihnachten schließlich, so erklärt man den Kleinsten, bringe das „Kind in der Krippe und der Weihnachtsbaum atmosphärisch den Zauber des Lichts zum Ausdruck“. 2004 gibt es zahlreiche „Teilnehmerinnen und Teilnehmer“ an den „Gesprächskreisen in der Kirche“, die „Jugendlichen der KJG entwerfen ihre Gemeindevision“ und präsentieren im abschließenden Wortgottesdienst ein „selbst getextetes“ Lied. Unter neuer Leitung beginnt Mitte 2000 eine neue Ära vielfältiger Aktivitäten und Mobilisierung. Jährlich tragen nun über hundert Sternsinger den professionell gelayouteten Pfarrbrief in die Häuser.

Schließlich wird das kirchliche mit dem gesellschaftspolitischen Engagement verbunden. Bürger sammeln und spenden Geld für den „Erhalt und Ausbau der kirchlichen und sozialen Einrichtungen“. Kindergärten können erhalten, saniert, in Ganztagesstätten umgewandelt und somit „die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ unterstützt werden. Ein ambulanter Hospizdienst etabliert sich und mit dem Slogan „ein Grab zur Finanzierung sozialer Projekte“ wird die Urnenbeisetzung im neu eröffneten „Mausoleum“ beworben. Der Altardienst wird schmackhaft gemacht als „freiwilliger Dienst für alle Kinder, die gerne mit anderen Kindern am Altar zusammenkommen, spielen und basteln möchten“. Umfassende Freizeitaktivitäten bewegen über 200 Kinder und Jugendliche, sich der Gemeinschaft anzuschließen.

Einige wenige organisieren Bibelkreise, Gebetszeiten, Andachten und den Dienst der Krankenkommunion. Die KFD kümmert sich nach wie vor um Altenheime, Maiandachten und Blumenschmuck. Ein Ausflug „in einem bequemen Reisebus“ führt sie nach Sachsen-Anhalt, „um einige der verborgenen Kunstschätze zu entdecken und auf den Spuren Martin Luthers zu wandeln“. „Niedrigschwellige Familiengottesdienste“ mit „aktiver Gestaltung durch die Kindergärten“ finden nun regelmäßig statt.

Die 2010er sind gebeutelt von Fusionierungen und den damit einhergehenden, teils groben Protesten lautstarker Laien. Dennoch soll die Gemeinde ein „vom Geist Jesu inspiriertes Netzwerk“, eine „große Familie“ sein, in die sich jeder mit seiner „Gabe zu geben“ einbringt. Die „Gemeinde im Aufbruch“ begibt sich jährlich mit über 1 000 Teilnehmern auf Wallfahrt, stemmt mit hunderten Ehrenamtlichen eine Suppenküche, einen sozialen Lotsenpunkt und seit Mitte der 2000er die Flüchtlingshilfe. Mit Messen in arabischer Sprache für geflohene Christen ist man zurückhaltend aus Sorge, den „muslimischen Flüchtlingen damit auf die Füße zu treten“.

Halloween-Laternen und Regenbogen-Lampions

Zahlreiche „Junglektoren“, Messdiener und „Jungstiftler“ finden eine „Stärkung des Wirgefühls“. Zu hohen Festtagen wird nur noch von „Gottesdiensten“ gesprochen, dafür steigen die Besucherzahlen enorm an. Inklusion, Bilingualität und künstlerisches Gestalten – die katholischen Kindergärten führen alle Etikette moderner Pädagogik. „Damit für jeden etwas dabei ist“ – so konnte man es im Kindergarten erleben – werden zum Martinszug Halloweenlaternen gebastelt, in diesem Jahr strahlen Lampions in Regenbogenfarben.

Die niedrigschwellige Liturgie erreicht vorläufige Höhepunkte. Ein Priester – so zeigt der Freizeitblog – feiert mit Jugendlichen die Messe am Strand, sitzend in kurzen Hosen und Sonnenbrille. Zum stark besuchten Familiengottesdienst in der Fußgängerzone begibt sich eine Pippi Langstrumpf in den Altarraum und staunt über das Geschehen zur Wandlung. Die Eröffnungsmesse der Kommunionkinder findet im Rahmen der Kirmes im Autoscooter statt.

Die Lektüre ist beendet, die Liebenswürdigkeit vieler Schafe und Hirten bestätigt. Eine Erkenntnis aber bleibt nicht aus: „Mehrheitsfähige“ und „populäre Kirche“ haben über Jahre Traditionen beseitigt, die Liturgie verbogen und damit die Beugung ewiger Wahrheiten befördert. Der jüngste Pfarrbrief endet mit der Ankündigung eines Vortrages über die moderne Stadt: „Zwischen Himmlischem Jerusalem und Babylon“.

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