Francesco Petrarca und das Heilige Jahr 1350

Dem gefeierten „Poeta laureatus“ ist die Ausrufung des zweiten Jubiläumsjahres entscheidend mitzuverdanken. Von Ulrich Nersinger
Foto: IN | Gläubiger Poet: Francesco Petrarca.
Foto: IN | Gläubiger Poet: Francesco Petrarca.

Der große italienische Poet, Philosoph und Humanist Francesco Petrarca wird am 20. Juli 1304 in Arezzo geboren. Er ist der Sohn eines Notars, der in Florenz wirkt. Der Vater, ein Freund Dante Alighieris (1265–1321), muss wegen seiner Treue zum Papst die Stadt am Arno verlassen. Die Familie nimmt ihren Wohnsitz in Carpentras bei Avignon (Frankreich). Nach dem Jurastudium in Montpellier und Bologna kehrt er nach Avignon zurück und steht dort nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1326 in den Diensten der Familie Colonna, vor allem der Kardinäle Giacomo und Giovanni Colonna. Petrarca unternimmt Reisen durch Frankreich, nach Italien, Belgien und Deutschland. Zumeist aber hält er sich im Umfeld des päpstlichen Hofes auf und verfasst im Kirchenstaat von Avignon sein Hauptwerk „Canzoniere“, einen Zyklus von 366 Gedichten, darunter 317 Sonetten.

Inspiration fand Petrarca auch bei Augustinus

Petrarca begeistert sich in seinen Gedichten für die Denkmäler des antiken Rom und preist in ihnen die kulturellen Errungenschaften der heidnischen Vergangenheit des „caput mundi“. Aber Rom ist für ihn auch das Herz der Christenheit: „Hier trat Christus seinem Statthalter entgegen, als dieser kleinmütig die Flucht ergreifen wollte, hier wurde Petrus ans Kreuz geschlagen, hier fiel das Haupt des Paulus unter dem Beil, hier wurde Laurentius lebendigen Leibes verbrannt, hier verlachte Johannes die Qualen des siedenen Öles, hier kehrte Agnes wieder zum Leben zurück, um die Tränen ihrer Lieben zu stillen.“ Über der Stadt der alten Götter und Cäsaren sieht er jene andere, „die fast dem Himmel auf Erden gleicht, best von den Gebeinen der Märtyrer und besprengt von dem Blut derjenigen, die für den wahren Gott Zeugnis abgelegt haben.“ Eine Hauptquelle seiner Inspiration findet Petrarca im Leben und in den Schriften des Kirchenvaters Augustinus.

Als erster Dichter seit der Antike wird Francesco Petrarca zum „poeta laureatus“ erkoren. Den Brauch, ihre herausragensten Dichter zu krönen, hatten die Römer von den Griechen übernommen. Nach hellenistischem Vorbild fanden auf dem Kapitol zwischen Zitherspielern, Dichtern und anderen Künstlern Wettkämpfe statt, die seit der Regierung Kaiser Domitians alle fünf Jahre feierlich begangen wurden und erst nach dem Zusammenbruch des weströmischen Kaiserstums ihr Ende fanden. In Paris, an der Sorbonne, und in Rom streitet man sich darum, Francesco Petrarca krönen zu dürfen. Für den Dichter selber kommt eine solche Auszeichnung nur auf dem Kapitol in der Ewigen Stadt in Frage.

Und so setzt ihm im April 1341 der römische Senator Orso dell?Anguillara in einer feierlichen Zeremonie den Lorbeerkranz aufs Haupt. Petrarca wird das römische Bürgerrecht verliehen und ihm ein Schreiben des Senats überreicht, das ihn als Historiker und Poeten feiert, den Rang eines Magisters verleiht und das Recht zugesteht, in Rom und jeder anderen Stadt, „urbi et orbi“, Geschichte und Dichtkunst zu lehren, antike und moderne Werke auszulegen und die eigenen vorzutragen. Nach der Feier auf dem Kapitol verblüfft der Dichter die Festversammlung. Er begibt sich nach Sankt Peter, tritt vor die Grabstätte des Apostelfürsten hin, nimmt den Lorbeer von seinem Kopf und legt ihn zum Zeichen seiner Demut und Verehrung auf dem Grab Petri nieder – „Atque hinc ad limina Petri pergimus, et sacras mea laurea pendet ad aras“ (Epist. Poet. II., Ep. I). In dem Rom, das Petrarca aufsucht, herrschen chaotische Zustände. Die mächtigen Adelsgeschlechter der Ewigen Stadt liegen im Kampf miteinander. Korruption und Verbrechen bestimmen das Leben. Man sehnt sich nach friedvollen Zeiten und geordneten Verhältnissen. Immer wieder werden Bittschriften nach Avignon gesandt, um den Papst zur Rückkehr nach Rom zu bewegen. Im Mai 1432 wählt das Kardinalskollegium den kultivierten Pierre Roger de Beaufort als Klemens VI. zum Papst. Auf ihn ruhen die Hoffnungen, dass es zu einer baldigen Heimkehr des Oberhauptes der Christenheit nach Rom kommen könne. Eine offizielle Delegation der Stadt Rom begibt sich im November 1342 nach Avignon. Es sind zwölf Männer, je vier aus dem Adel, dem Bürgertum und dem Volk. Sie alle bitten den Papst inständig, „von den Ufern der Rhone zu jenen des Tibers“ zurückzukehren und für das Jahr 1350 ein Jubiläumsjahr auszurufen.

Auch Francesco Petrarca wird beim Papst vorstellig. Persönlich und in einem lateinischen Schreiben, das in Versen aufgesetzt ist, erinnert er das Oberhaupt der Kirche an seine Bestimmung und bittet ihn inständig, ein Jubiläumsjahr auszurufen. All diese Bemühungen und Interventionen beeindrucken den Papst. Am 27. Januar 1343 setzt er seinen Namenszug und sein Siegel unter die Bulle „Unigenitus Dei Filius“, mit der er für das Jahr 1350 ein Heiliges Jahr einberuft. Wegen der unsicheren Lage in Rom befiehlt er jedoch, die Bulle noch nicht zu veröffentlichen; erst am 17. August 1349 wird sie publiziert und an den Portalen der römischen Erzbasiliken angeschlagen.

Die Entscheidung des Papstes wird sich sich als klug erweisen, denn die politische Entwicklung in der Stadt am Tiber wird sich zuspitzen. 1347 lässt sich Cola di Rienzo (1313-1354) zum Volkstribunen ausrufen. Doch schon bald steigt die neue Würde dem selbst ernannten „Botschafter der universalen Macht Roms und Beschützer der Witwen und Waisen“ zu Kopf. Sein Verhalten und seine Vorstellungen entfernen sich immer mehr von der Realität und tendieren zur Diktatur. Klemens VI. greift hart durch. Er droht, das schon angekündigte Jubiläumsjahr nicht abhalten zu lassen. Die Drohung des Papstes wirkt; Adel und Volk stürzen den Tribunen. Doch auch Naturkatastrophen erschweren die Feier eines Heiligen Jahres. 1348 sucht die Ewige Stadt ein Erdbeben heim. Der Giebel der Lateranbasilika bricht ab, große Teile von Sankt Paul vor den Mauern verwandeln sich in Trümmerhaufen und viele Kirchen werden dem Erdboden gleichgemacht. 1349 sucht der „Schwarze Tod“, die Pest, Europa heim. Rom aber bleibt von der Pest weitgehend verschont. Nur wenige Römer fallen der Seuche zum Opfer. Am Heiligabend 1349 eröffnet der Vikar des Papstes für Rom, Ponzio Perotti, das Jubiläumsjahr. Hunderttausende von Gläubigen sind nicht davon abzuhalten, die Kirchen und Heiligtümer der Stadt aufzusuchen. Viele der Wallfahrer geben Almosen oder überlassen den Gotteshäusern wertvolle Geschenke. Adelige aus Venedig stiften für eine der meist verehrtesten Reliquien der Peterskirche, für das Schweißtuch der Veronika, einen kostbaren mit Gold besetzten Rahmen aus Bergkristall. Francesco Petrarca zieht zu den Jubiläumsfeierlichkeiten nach Rom. Der „poeta laureatus“ sucht mit großer Andacht die Gedenkstätten der Apostelfürsten auf und verharrt dort Stunden im Gebet. „Weil es mir das Antlitz unseres Herrn schenkt“, empfindet er gegenüber dem Schweißtuch der Veronika, das den Pilgern, die nach Sankt Peter strömen, gezeigt wird, eine ganz besondere Verehrung. Sie schlägt sich sogar in seinem literarischen Werk nieder (Canzoniere, sonetto XVI).

In seinen Briefen und Schriften wirbt er unermüdlich für die Teilnahme am Heiligen Jahr. Er sieht in der Jubiläumsfeier „eine Gnade für das Heil meiner Seele“. Petrarca ist ein zutiefst gläubiger Mensch – seine christliche Überzeugung gibt er auf unaufdringliche, aber nachdringliche Weise weiter, so an einen weiteren großen Dichter Italiens. Auf seiner Pilgerfahrt nach Rom traf er erstmals mit Giovanni Boccaccio (1313–1375) zusammen. In einem Brief an Ivo Martino da Signa wird ihn Boccaccio später als den Mann erwähnen, der auf ihn großen Einfluss ausgeübt habe, „meinen berühmten Lehrer Francesco Petrarca, dessen gute Lehren mich oft veranlasst haben, der Freude an irdischen Dingen zu entsagen und mich ewigen Dingen zuzuwenden.“

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