Berlin

„Ein Mittel gegen die Ohnmacht“

Auf dem YouTube-Kanal „Corona Diaries – Junge Filme gegen den Untergang“ schildern junge Erwachsene ihren Alltag in der Corona-Krise.
„Corona Diaries“
Foto: Medienprojekt Wuppertal | Jugendliche berichten in Kurzvideos darüber, wie sie die Corona-Zeit erleben, was sie beschäftigt und worauf sie sich freuen.

Jugendliche seien vom Corona-Virus weniger betroffen als Ältere, heißt es. Die Auswirkungen der Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus treffen sie jedoch mindestens genauso wie Erwachsene. Davon zeugen die „Corona-Tagebücher“, die von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in einen YouTube-Kanal mit dem Namen „Corona-Diaries“ eingestellt werden. Dazu rief das „Medienprojekt Wuppertal“ auf, das seit 1992 „Modellprojekte aktiver Jugendvideoarbeit“ konzipiert.

Junge Menschen aus Wuppertal und Umgebung halten mit der Kamera oder mit dem Handy die Ereignisse in ihrem eigenen Leben, in ihrer Familie und in ihrem Umfeld während der Veränderungen aufgrund der Corona-Krise in Kurzfilmen als Tagebuch fest. Sie sollen dadurch ihre Gefühle und Gedanken reflektieren. Die Aufnahmen, die „ohne großen Kontakt zu anderen Menschen“ entstehen sollen, zeigen zudem, wie sie mit Informationen und mit Ängsten umgehen, welche Hoffnungen sie haben, was sie vermissen, worauf sie sich freuen.

So erzählt beispielsweise die 16-jährige Clara, sie freue sich während der „Corona-Ferien“ darüber, mit ihrem Vater kochen zu können. Bei vielen herrscht jedoch Ratlosigkeit: „Alles ist neu“, sagt etwa Remus. „So etwas kannte ich noch nicht.“ Oder der 17-jährige Emre: „Es ist seltsam. Es kommt so plötzlich und unaufhaltbar. Es bringt Menschen um.“ Und Caro: „Es passt nicht in meinen Kopf.“ Regelrecht frustriert zeigt sich etwa Helene: „Ich hatte extremen Frust auf Corona, weil ich mir dachte: Ein Virus kann nicht mein komplettes Leben stehen lassen.“

Zwischen Langeweile und Selbstfindung

Für die meisten Projektteilnehmer bringt die „Corona-Zeit“ vor allem eins: Langeweile. „Es ist für viele in meinem Alter gerade sehr langweilig“, sagt Remus. „Wir haben kaum etwas zu tun als die Aufgaben, die uns von unseren Lehrern gestellt werden.“ Unumwunden gibt es Fabian zu, der zurzeit in Kanada (offenbar bei einem Schüleraustausch) lebt: Das große Problem sei die Langeweile, „weil ich nichts zu tun habe.“ Kein Wunder, dass sie sich auf einen „geregelten Tag“ freuen, so etwa die 16-jährige Sophie. Etlichen jungen Menschen fehlen nun insbesondere die sozialen Kontakte. Gerade in einer größeren Solidarität sehen einige aber positive Seiten. Dazu der 22-jährige Akram: „Seit langer Zeit laufen Sachen, die uns trennen. Wir waren weit weg voneinander. Und das Schöne ist jetzt, dass wir alle – egal ob Christen, Moslems oder Atheisten – zusammenarbeiten, damit wir das Corona-Virus besiegen.“ Das hebt ebenfalls Solveig hervor, die eine Solidarität als etwas Positives bei der Corona-Krise ausgemacht hat: „Es wird auf die ältere Generation geachtet, dass sie versorgt werden.“

Außerdem sehen einige in der Corona-Zeit eine Chance zur „Selbstfindung“. Die junge Frikia, die sich übrigens etwas Besonderes ausgedacht hat – sie hat ihre Gedanken bereits aufgenommen und spielt sie dann einfach ab, als sie das Video aufnimmt –: „Das versteht man plötzlich, dass man lernen muss, auch die kleinsten Dinge zu schätzen.“

Das Videoprojekt soll laut dem Medienprojekt Wuppertal „ein Mittel gegen die Ohnmacht sein, eine positive künstlerische Selbstbeschäftigung, um jungen Menschen in ihrer Verschiedenheit eine Stimme zu geben, damit wir alle Oberwasser behalten in schwierigen Zeiten“. Die Kurzvideos werden nach und nach auf YouTube und Instagram veröffentlicht. Eine größere Dokumentation soll sie darüber hinaus später zusammenfassen – als Dokument, wie junge Menschen die Corona-Ereignisse reflektieren.

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