Film & Kino

Das Transzendente zulassen

Origineller religiöser Thriller, der auch Platz lässt für eine geistliche Sichtweise: "Die Erscheinung". Von José García
Filmszene aus "Die Erscheinung"
Foto: Filmperlen

Kommen Sie bitte in den Vatikan. Wir möchten dringend mit Ihnen sprechen!“ Wenn diese Bitte auch noch von einem geheimnisvollen Anrufer ausgesprochen wird, könnte man sofort an einen „religiösen Thriller“ a la Dan Brown denken. Der Spielfilm „Die Erscheinung“ („L'apparition“) von Xavier Giannoli und seinen Mit-Drehbuchautoren Jacques Fieschi und Marcia Romano hat jedoch in Ton und Inszenierung nichts gemeinsam mit den reißerischen „Enthüllungskrimis“, deren erklärtes Ziel darin besteht, „die Grundfeste der Kirche zu erschüttern“.

Der originelle Spielfilm „Die Erscheinung“ bevorzugt nicht nur leise Töne. Er geht außerdem mit seinem Gegenstand, angeblichen Marienerscheinungen, äußerst behutsam um. Die Filmemacher übernehmen den Standpunkt eines investigativen Journalisten: Jacques Mayano (Vincent Lindon) bezeichnet sich selbst als Agnostiker, der zwar getauft wurde, mit Religion und Kirche aber sonst nicht allzu viel zu schaffen hat. Als er den völlig unerwarteten Anruf aus dem Vatikan erhält, steckt Jacques Mayano in einer Lebenskrise. Denn bei einem Einsatz als Kriegsreporter starb in Mossul sein Kollege, der Bildreporter Christophe.

Im Vatikan wird der Journalist darum gebeten, zusammen mit anderen Fachleuten angebliche Marienerscheinungen zu untersuchen, die sich in einem Dorf im Südosten Frankreichs zugetragen haben sollen. Dort will die 18-jährige Anna (Galatéa Bellugi) der Mutter Gottes begegnet sein. Gerade weil Jacques ein waschechter Pragmatiker ist, der nur den Fakten Glauben schenkt, ist sein analytisches Denken für die vatikanische Glaubenskongregation von besonderer Bedeutung.

Zu seiner Überraschung lernt Jacques die anderen Mitglieder des Ausschusses – darunter etwa auch die Psychiaterin Docteur de Villeneuve (Elina Löwensohn) – keineswegs als Entrückte oder abgehobene Theologen, sondern als äußerst realitätsnahe Menschen kennen, die eher darauf aus sind, Hochstapler zu entlarven. Zu den Filmvorbereitungen führt Regisseur Xavier Giannoli aus: „Ich traf Leute, die an kanonischen Untersuchungen teilnahmen. Meine erste Überraschung war es, Männer und Frauen zu treffen, die nichts Erleuchtetes an sich hatten und bereit waren, alles Mögliche zu glauben. Im Gegenteil, sie spüren die Hochstapler und Fälscher auf, beziehen Ärzte und Historiker in ihre Nachforschungen ein.“

Weil bereits Menschenmassen zum Ort der angeblichen Erscheinungen strömen, möchte der Vatikan eine schnelle kanonische Untersuchung durchführen. Wohl deshalb besitzt der erste Teil des Filmes einen halbdokumentarischen Charakter. Der Ortspfarrer Pere Borrodine (Patrick d'Assumçao) hält seine schützende Hand über Anna insbesondere gegenüber der kirchlichen Hierarchie, die solchen Phänomenen eher skeptisch gegenübersteht. Pere Borrodine ist von Anfang an gegen eine solche Untersuchung. Darüber hinaus trifft man am Ort der Erscheinungen auf den deutschen Priester Anton Meyer (Anatole Taubman), „einen gefährlichen, weil aufrichtigen Erleuchteten, den man oft an den Orten der Erscheinungen trifft“, so Regisseur Giannoli. Meyer plant bereits eine weltweite Vermarktung der Erscheinungen mit dem Verkauf von Devotionalien und Exklusiv-Fernsehinterviews.

Dieser erste Teil, in dem eine zwar vorwiegende soziologische Sicht vorherrscht, aber der auch Platz für die geistlich-religiöse Dimension bietet, entwickelt sich bald in Richtung Thriller, weil der Journalist beginnt, in Annas Vergangenheit zu recherchieren, und auf einige Ungereimtheiten stößt. Zuletzt kommt es zu einem überraschenden Ende. Aber nicht nur deshalb ist „Die Erscheinung“ ein origineller Film. Über die thrillermäßigen Elemente hinaus konzentriert sich der Film auf die Entwicklung, die Jacques durchmacht. Bereits beim ersten Kennenlernen fühlt er, dass Anna etwas Besonderes ist, vor allem weil ihr der ganze Wirbel einfach peinlich zu sein scheint. Denn eigentlich ist sie eine ganz normale und sympathische junge Frau.

Zum überzeugenden Eindruck trägt sowohl das Zusammenspiel zwischen dem erfahrenen Vincent Lindon und der jungen Gallatéa Bellugi bei, die ihrer Figur eine gewisse geheimnisvolle Präsenz verleiht, als auch die anregende Musik von Arvo Part, über die der Regisseur sagt, sie sei „wie ein spiritueller Gegenpol zu diesem Realismus, der in keiner Weise vorsieht, die Möglichkeit des Übernatürlichen zu akzeptieren. Seine Musik lässt Raum für Stille, Zweifel, die tiefe Menschlichkeit und die Poesie des Zweifels“.

Irgendwann einmal muss Mayano auch eine Antwort auf die Frage finden, ob er – der pragmatische Agnostiker, der nur glaubt, was er sieht – sich auf eine spirituelle Dimension einlässt. Dafür findet Regisseur Xavier Giannoli einen interessanten, subtil eingesetzten Kunstgriff: Er fokussiert immer wieder auf Augen, womit er auf das Spannungsverhältnis zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren anspielt. Jacques Mayano fühlt sich immer mehr gedrängt, auch die Existenz des Unsichtbaren und damit das Transzendente anzuerkennen: „Durch Anna habe ich eine Welt entdeckt, von der in keine Ahnung hatte. Heute weiß ich, dass die Seelen ihre Welt haben“, fasst er einmal seine eigene Entwicklung zusammen. Darin, dass der Film nicht alle Fragen bis ins Einzelne beantwortet, liegt auch eine seiner Stärken.

Trailer "Die Erscheinung" 

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