Zwischen Preußens Glanz und DDR-Stiltristesse

Schloss Schönhausen in Pankow. Das ist ab sofort der Ort in Berlin, an dem sich Preußens Aufstieg und Fall wie in einer Nussschale erfahren lässt. Elisabeth Christine, die ungeliebte Gattin Friedrichs des Großen, verlebte dort, fern vom Gemahl, ihre Sommer und schrieb weitab von Sanssouci Bücher über die Einsamkeit einer christlichen Königin. Während der national-sozialistischen Diktatur wird das Schloss ein modernes Ausstellungshaus und zum Zentrallager für „entartete Kunst“. Nach dem Untergang Preußens richtet die Sowjetische Militäradministration hier 1945 eine Schule für Offizierskinder ein. 1949 wird das Schloss zum Sitz des Präsidenten der DDR, und Amtsinhaber Wilhelm Pieck hält mit einer erstmals errichteten Mauer um den inneren Gartenbereich des Schlossparks das Volk der Arbeiter und Bauern auf Distanz. Auf Piecks Schreibtisch werden die Direktiven aus der Machtzentrale des SED-Parteivorsitzenden Ulbrichts zu Gesetzen und erhalten den Anschein der Rechtlichkeit – Todesurteile inklusive.

Nach Wilhelm Piecks Tod 1960 tagt in Schönhausen vier Jahre lang der neu gegründete Staatsrat der DDR. Dann wird das Schloss zum Gästehaus der DDR-Regierung und nimmt beispielsweise solche wie den kubanischen Diktator Fidel Castro auf. Der letzte Staatsgast der kommunistischen DDR war am 7. Oktober 1989 übrigens Sowjetchef Michail Gorbatschow, der bekanntlich am Untergang der Deutschen Demokratischen Republik nicht unbeteiligt war. Den Schlusspunkt in der politischen Laufbahn des Hauses markierte der „Zentrale Runde Tisch“, der in der Präsidialkanzlei, einem Nebengebäude, tagte und an dem die neue ostdeutsche Demokratie erstmals erfolgreich erprobt werden konnte. Am selben Ort fanden dann auch die Zwei-plus-Vier-Gespräche über die Deutsche Einheit statt, aus denen der Staatsvertrag zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland sowie Frankreich, den USA, Großbritannien und der Sowjetunion hervorging und der am 12. September 1990 in Moskau unterzeichnet wurde.

Wie sich leicht denken lässt, ist der Weg vom preußischen Rokoko bis zu dem, was man in der DDR für den dernier cri, den neuesten Schrei hielt, ein weiter und folgenreicher. Mit anderen Worten: Das königliche Interieur einer Elisabeth Christine war 1990 einer Mischung aus Schleiflack und Albtraum gewichen. Schönhausen war nicht nur im Innern ein Graus, sondern substanziell marode. Dass sich damit die Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten nicht abfinden wollte, liegt auf der Hand. Seit der Wiedervereinigung Deutschlands hat die Stiftung die herrlichen Berlin-Brandenburgischen Schlösser in einer enormen Kraftanstrengung und mit viel Sachverstand und Liebe fürs Detail wieder zu dem gemacht, was sie im preußischen Mai einmal waren: eine Zauberlandschaft aus Charme und Anmut.

Im neu renovierten Schloss Schönhausen ist nun allerdings über die Attribute Anmut und Charme hinaus auch die oben beschriebene Geschichte des Hauses sichtbar gemacht worden. Wie in einem archäologischen Aufriss sind alle Epochen des Hauses entweder freigelegt und originalgetreu wieder hergestellt worden. Im Erdgeschoss dominiert das Rokoko der preußischen Königin Elisabeth Christine, im zweiten Stock, den man über eine der schönsten Treppen Berlins erreicht, wird das Büro Wilhelm Piecks präsentiert – der über seinem Schreibtisch übrigens perfiderweise ein Bildmotiv vom Barmherzigen Samariter gehängt hatte, das Ulbricht dann gegen einen Aufbauölschinken austauschte. Selbst das scheußlich lila gekachelte Staatsgästebad ist in seiner geballten Stiltristesse jetzt wieder zu bewundern.

Überdies gilt es noch einen besonderen Coup der Stiftung Preußische Stiftung Schlösser und Gärten hervorzuheben. Generaldirektor Hartmut Dorgerloh und Sammlungsdirektor Samuel Wittwer haben in Schloss Schönhausen der Sammlung Schlobitten endlich die Heimat gegeben, die ihr gebührt. Die Familie Dohna war mit dem Hause Hohenzollern aufs Engste verbunden und zählt zu den vornehmsten Adelshäusern Europas. Die ersten des Stamms saßen seit dem 15. Jahrhundert in Ostpreußen. „Der Burggraf Albrecht zu Dohna (1621–1677) leistete als kurbrandenburgischer Generalleutnant, Geheimer Rat, Gouverneur der Festung Küstrin und neumärkischer Regierungsrat seinen Dienst für Brandenburg-Preußen. Andere folgten ihm darin. Die sich daraus ergebenden verwandtschaftlichen Beziehungen der Dohnas und der brandenburgischen Hohenzollern begünstigten über Generationen die gemeinsame Orientierung in politischen, militärischen, kulturellen sowie in Glaubensfragen“, so der ausgezeichnete Katalog zur Wiedergeburt von Schloss Schönhausen.

In einem Kranz von mehr als einem halben Dutzend anderen Besitzungen in Ostpreußen war Schloss Schlobitten das größte und eine Perle des Barock. Alexander Fürst zu Dohna (1899–1997) war dort der letzte Majoratsherr. Seinem Weitblick ist es nicht nur zu danken, dass wertvolle Kunstschätze des Hause gerettet wurden (der ahnungsvolle Fürst verschickte sie schon ab 1943 weit in den Westen Deutschlands), Fürst Alexander war es auch, der am 22. Januar 1945 mit einem Treck unter seiner Leitung aufbrach und mit zuletzt 330 Menschen, 140 Pferde und 38 Wagen das sichere Weserufer erreichte. Diese Flucht konnte in dieser Form nur gelingen, „weil die seit langer Zeit bestehende Ordnung, das Verhältnis von Vorgesetzten zu Untergebenen, alles in allem unangetastet blieb. Das fest eingefahrene Gefüge hielt die Menschen zusammen, dank des Vertrauens zu mir“, wie der Herr des Hauses Dohna in einer im Schloss Schönhausen jetzt zugänglich gemachten Tondokumentation selbst erläutert.

Hier ist – und sogar im Originalton – noch einmal zu hören, was das alte Preußen einst ausgemachte. Exakt so könnte eine der Figuren Theodor Fontanes sprechen, der in seinen Novellen und Romanen, aber auch im Reisejournal „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, den guten Geist Preußens und das Beste der preußischen Männer und Frauen beschwor. Dieses Beste ist jetzt im Schloss Schönhausen ebenso zu besichtigen, wie die Folgen seines unwiederbringlichen Absturzes in den Orkus der Geschichte.

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