Zwischen Licht und Schatten

Ein amtsmüde wirkender Präsident, ein Geheimdienst, der das Handy der Bundeskanzlerin ins Visier nahm – es gibt viele Gründe, gegenüber Amerika auf Distanz zu gehen. Doch immer noch gibt es auch viele gute Gründe, die USA und besonders die Menschen dort zu mögen. Eine persönliche Verteidigung. Von Klaus Kelle
Foto: dpa | Die Freiheitsstatue symbolisiert am besten Amerikas Werte wie Freiheit, Frieden und Menschenrechte, doch so manche US-Invasion und der NSA-Skandal verdunkeln diese Werte.
Foto: dpa | Die Freiheitsstatue symbolisiert am besten Amerikas Werte wie Freiheit, Frieden und Menschenrechte, doch so manche US-Invasion und der NSA-Skandal verdunkeln diese Werte.

Wirtschaftlich am Ende, die schwarze Bevölkerung diskriminiert, Arme ohne Krankenversicherung, kriegslüstern und jederzeit abhörbereit. So erleben wir die USA regelmäßig in den deutschen Medien. Und tatsächlich: Die Erkenntnis, dass Amerikas Geheimdienste in der Lage sind, jede Art von Kommunikation der Deutschen bis hinauf zum Mobiltelefon der Bundeskanzlerin zu lesen und zu belauschen, war ein berechtigter Schock.

Doch für viele Menschen hierzulande brachte er nur das vielgerühmte Fass zum Überlaufen. Ein amerikanisches Fass, das bereits lange voll war. Durch den völkerrechtswidrigen Einmarsch in den Irak unter Bezug auf Massenvernichtungswaffen, die es offenbar nicht gab, durch die Bilder amerikanischer Kriegsverbrechen von My Lai bis Abu Ghreib, durch das Unverständnis über ein reiches Land, dass einem Viertel seiner Bürger die Krankenversicherung vorenthält – all das hatte die Deutschen bereits vor dem NSA-Skandal verstört. Vor allem jene, die unser Land mit seinen bedingungslosen Friedensfreunden, Klima-Rettern via Windradbetrieb und Frauenquoten-Verstehern gern zum Maß aller Dinge erklären. Für die Anderen und für sehr viele Menschen in aller Welt bleiben die Vereinigten Staaten weiter das Land der Sehnsucht, ja etwas pathetisch gesagt, der irdischen Verheißungen. Denn – wo viel Schatten ist, kann man doch immer noch auch Licht finden. Ein Beispiel? Nachdem die Welt endlich Notiz davon zu nehmen bereit war, dass die islamistische Terrororganisation IS in großen Regionen Syriens und des Iraks systematisch jeden tötet, der sich ihnen entgegenstellt oder nicht bereit ist, Muslim zu werden, gab und gibt es wieder nur ein Land, das bereit war, sich dem Bösen auch militärisch schnell entgegenzustellen und die geschundenen Christen und Jesiden zu schützen. Nämlich: die USA. Während unsere famose Bundesregierung weiterhin darüber nachdenkt, ob man besser Zelte oder lieber Decken gegen den Kugelhagel der Terroristen bereitstellen soll, sind die Amerikaner bereits da. Dank dürfen sie dafür wie üblich nicht erwarten, denn – so die landläufig zu hörende Meinung – ohne den amerikanischen Einmarsch im März 2003 wäre das alles ja nicht passiert. Gerade so, als sei das Reich Saddam Husseins mit seinen Folterkellern und Giftgaseinsätzen gegen die kurdische Bevölkerung eine Art Paradies gewesen, das diese arroganten Amis gestört haben.

Man kann fast den Eindruck gewinnen: inzwischen ist es egal, was die USA tun. Es ist auf jeden Fall immer falsch. Niemand demonstriert hier gegen die nordkoreanischen Vernichtungslager, niemand hat sich am monatelangen Christenmord im Nahen Osten und vorher in Nigeria gestört, nirgendwo gibt es Lichterketten gegen das völkerrechtswidrige Annektieren von Teilen der Ukraine durch Russland – aber sobald ein US-Soldat am Horizont auftaucht, erwacht hierzulande schnell der Volkszorn. Und gleichzeitig auch eine Selbstüberschätzung, die atemlos macht.

Die USA sind völlig überschuldet, nörgelt mancher Europäer, während die EU Hunderte von Milliarden Euros in marode Volkswirtschaften und Banken auf dem alten Kontinent pumpt. Die Volkswirtschaft der USA hat abgewirtschaftet, sagen andere, während Microsoft, apple, Facebook, Twitter, skype, eBay, Google, Amazon und andere Konzerne die virtuellen Welten des Internets global beherrschen und dabei unfassbare Milliardensummen umsetzen. Tendenz steigend. Das hochgelobte China erzielt seine Wachstumsraten damit, dass dort die Dinge billig zusammengeschraubt werden, die man in den Vereinigten Staaten (und Europa) entwickelt. Und was hat Russland außer Bodenschätzen und Kalaschnikows zu bieten? Nein, die Vereinigten Staaten werden auf lange Sicht die Wirtschaftsnation Nummer 1 auf dieser Welt bleiben, mit der zunehmenden Unabhängigkeit der Energieversorgung erst recht. Und militärisch sowieso.

Was steckt also wirklich hinter der US-Unlust der Deutschen? Manchmal, so kann man den Eindruck haben, wirkt die latente USA-Kritik wie der Ausdruck eines Minderwertigkeitskomplexes. Deutschland ist ein starkes und bedeutendes Land, aber dennoch sehen die Menschen auch hierzulande lieber Filme aus Hollywood als deutsche Sozialdramen. Niemand hierzulande mag angeblich dieses pappige und ungesunde Fastfood, aber bei den Restaurant-Ketten McDonalds, Burger King und KFC ist immer was los. Und im Radio dudeln meistens Justin Bieber, Justin Timberlake und Madonna, obwohl es Helene Fischer gibt. Man muss das wirklich nicht mögen, aber man sollte es zur Kenntnis nehmen. Wenn es einen starken kulturellen Einfluss Amerikas auf Deutschland gibt, dann nicht, weil uns dieser aufgezwungen wird, sondern weil es uns gefällt. Und gleichzeitig zerbröckelt damit auch die deutsche Überheblichkeit, mit der viele die US-Kultur betrachten. Keinen Goethe, Schiller oder Heine, ja nicht einmal einen Hermann Löns haben diese Barbaren auf der anderen Seite des Atlantiks hervorgebracht. Was dabei gern vergessen wird (neben der Tatsache, dass leider auch viele junge Deutsche mit diesen Namen nichts mehr anfangen können), ist, dass Mark Twain, Arthur Miller, Edgar Allen Poe, Tennessee Williams, Ernest Hemingway, Jack London, Norman Mailer und viele andere, sagen wir, auch ein wenig schreiben konnten, und die Weltliteratur mindestens ebenso, wahrscheinlich stärker, beeinflusst haben. Die vielen US-Nobelpreisträger sind natürlich eigentlich alles deutschstämmige, und obwohl alle Amerikaner ungesund leben und starkes Übergewicht haben, dominieren sie auch die meisten internationalen Sportwettbewerbe. Den Fußball allerdings nicht, wie wir gerade zufrieden erlebt haben.

Dabei sollte es beim deutschen Blick auf Amerika nicht um derartige Muskelspiele gehen, sondern um einen realistischen Blick. Und dazu gehört auch: Die Vereinigten Staaten sind kein monolithischer Block, sondern ein in vieler Hinsicht zersplittertes Land. Wer in Minnesota, Utah oder Arkansas lebt, hat mit dem Amerika der glitzernden Metropolen, mit New York, Miami oder Los Angeles kaum etwas gemeinsam. Außer der Flagge und den Glauben an das eigene große Land und seinen Führungsauftrag „from God“ (von Gott). Selbst die Mittellosen, die in heruntergekommenen Trailer-Parks oder U-Bahnschächten ein bedauernswertes Dasein fristen, sind in der Regel stolz darauf, Amerikaner zu sein. Eine solch positive Haltung gegenüber dem eigenen Land ist den Deutschen und den meisten Europäern fremd.

Wenn der Besucher einmal zufällig am 4. Juli irgendwo in den Staaten in einen Park gerät, wo der „Independence Day“ (Unabhängigkeitstag) gefeiert wird – und der wird in jedem Park gefeiert – entwickelt er vielleicht ein wenig Gespür dafür, was dieses 300-Millionen-Land zusammenhält. Wenn alte und junge, reiche und arme, schwarze und weiße Frauen, Männer und Kinder auf Decken und Campingstühlen zum Barbecue zusammenkommen, Budweiser trinken, dem Gesang des örtlichen Highschool-Chores vor wehenden Sternenbannern lauschen, und sich dann vor dem großen Abschlussfeuerwerk von ihren Plätzen erheben, um gemeinsam, die Hand auf dem Herzen, Lee Greenwoods großartige Ballade „God bless the USA“ (Gott segne Amerika) in den Abendhimmel zu schmettern, spürt jeder, was dieses Land zusammenhält: „Von den Seen in Minnesota bis zu den Bergen von Tennessee/ Über die texanischen Ebenen, von Küste zu Küste./Von Detroit runter nach Huston, von N.Y. nach L.A./ Da ist Stolz in jedem amerikanischen Herzen/ Und es ist Zeit dazu zustehen und zu sagen/ Und ich bin stolz, Amerikaner zu sein, wo ich zumindest weiß, dass ich frei bin.“

Ein ähnliches Lied, öffentlich auf einem deutschen Platz am 3. Oktober gesungen, und der Verfassungsschutz würde vermutlich mit seinen Ermittlungen zu den daran gesanglich Beteiligten beginnen. In Amerika dagegen ist man stolz auf die eigene, auch nicht immer ganz reine Geschichte und leistet sich einen unverfälschten, unverkrampften Patriotismus. „If I can make it there, I’ll make it anywhere“, besang einst Frank Sinatra die faszinierende Metropole New York. Wenn es mir hier gelingt, gelingt es mir überall. Der Tellerwäscher, der es in Amerika bis ganz nach oben schaffen kann, als Ideal. Solche Geschichten sind natürlich im Zeitalter der Globalisierung und des Postkapitalismus selten geworden, aber es gibt sie bis heute. Den Namen Jan Koum kennt hierzulande kaum einer. 1976 in einem kleinen Dorf in der Ukraine geboren, emigrierte er 1992 mit seiner Mutter nach Kalifornien. Sie arbeitete dort als Babysitterin, er ging neben dem Schulunterricht putzen, um überleben zu können. Koum war ein schlechter Schüler, der seine Lehrer nervte. Auch als er beim Internetunternehmen Yahoo eine Ausbildung machte, fiel er nicht durch Arbeitseifer auf. Nachdem er 2009 sein erstes Smartphone kaufte, entwickelte der mittellose junge Mann aber die Idee für einen mobilfunkbasierten Austauschdienst für Wort-, Bild- und Filmdateien. Gemeinsam mit einem Freund gründete er das Unternehmen WhatsApp Inc., obwohl es nicht einmal eine funktionierende Software gab. Heute wird WhatsApp weltweit von 450 Millionen Menschen benutzt. Im Februar 2014 verkaufte der heute 38-Jährige die Firma an Facebook. Vor fünf Jahren noch als „Nichtsnutz“ angesehen, wird sein Vermögen nun auf ungefähr 6, 8 Milliarden Dollar geschätzt. Das sind die Geschichten, die Amerikaner mehr als alles andere lieben. Wegen dieser Geschichten sind sie sicher: „We are number one!“ (Wir sind die Nummer 1) Und unsere Bundesregierung? Der wäre bei einer solchen Geschichte wohl als erstes die Frage in den Sinn gekommen, ob man Reiche nicht höher besteuern muss. Nicht zu Unrecht sagen manche Spötter, in Deutschland hätte Bill Gates, Microsoft-Gründer und einer der reichsten Menschen der Welt, nie eine Chance bekommen, denn das Gewerbeamt hätte zweifellos seine Garage, in der er die ersten Computer zusammenschraubte, wegen fehlender Toiletten und Fenster geschlossen. Was hinter diesem Bonmot steckt, ist jedoch mehr. Amerikaner haben eine Aversion gegen jeden staatlichen Eingriff. Die Frage etwa, ob die Polizei Geschwindigkeitsmessungen an US-Highways durchführen darf, hat das Oberste Verfassungsgericht der Vereinigten Staaten beschäftigt. Staatlich verordnete Mülltrennung in fünf Tonnen, Zwangsgebühren für Fernsehsender, die man gar nicht sehen will, oder staatliche Grillverbote im eigenen Garten – das ist dort nicht denkbar, geschweige denn durchsetzbar. Behörden, die entscheiden, wie lange jemand sein Geschäft öffnen, wann Kinder auf Spielplätzen toben und ob man auf dem eigenen Grundstück einen Baum fällen darf? Es gäbe wohl einen amerikanischen Volksaufstand, und nicht nur in Texas, wo die Fäuste und Colts bekanntlich ein bisschen lockerer sitzen.

Was ist der Maßstab dafür, ein Land zu beurteilen? Wie kann man die Vereinigten Staaten objektiv einstufen? Die wichtigste Erkenntnis: Die Amis denken anders als wir, sie besitzen eine andere kulturelle Prägung, und wer besser oder schlechter ist, lässt sich eigentlich auf Grundlage dieses interkulturellen Vergleichs nicht entscheiden. Wobei man als religiös fundierter Mensch anerkennen muss, wie selbstverständlich und identitätsstiftend der Glaube in Amerika auch im öffentlichen Leben gelebt und praktiziert wird. Zweite Erkenntnis: Man sollte die Politik eines Landes niemals mit den Menschen gleichsetzen, die dort leben. Und das gilt keineswegs nur für die USA, sondern für jedes Land. Und drittens und letztens: Gerade wir Deutschen haben Grund, gegenüber Amerika dankbar zu sein – für Care-Pakete und Marshallplan nach dem Krieg, als eine andere Großmacht im Osten unseres Landes alles abbaute und abtransportierte, was nicht niet- und nagelfest war. Für eine Luftbrücke, die Berlin und seinen Einwohnern das Überleben sicherte, als diese andere Großmacht alle Zufahrtswege für Nahrung und Heizstoffe blockierte. Für den militärischen Schutz in Zeiten, in denen das fragile Ost-West-Verhältnis zu kippen drohte.

Es stimmt: die USA sind nicht perfekt. Sie haben in der Außenpolitik schlimme Fehler gemacht und oftmals Despoten aus dem Amt getrieben, um anschließend schlimmere Despoten an die Macht zu bringen. Die Exzesse in Abu Ghreib sind eines zivilisierten Landes so unwürdig, wie das nach wie vor existierende Gefangenenlager in Guantanamo, das nach dem amtsmüde und überfordert wirkenden Barack Obama hoffentlich ein besserer Präsident endlich schließen wird. Und doch ist es gut, dass ein Land, in dem die Freiheit ganz oben auf der Agenda der Bürger steht, in dem mehr als die Hälfte seiner Bewohner jede Woche einen Gottesdienst besucht, und das bereit ist, auch dann international Verantwortung zu übernehmen, wenn es den Gralshütern der politischen Korrektheit hierzulande nicht gefällt, die letzte verbliebene Großmacht ist.

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20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski