Zwischen historischem Spektakel und modischer Revue

Händels Opern sind auf die Bühnen zurückgekehrt – Aufführungen bei den Festspielen Karlsruhe, Göttingen und Halle. Von Werner Häussner
Foto: dpa | Vorfreude auf den Start der Händel-Festspiele in Halle.
Foto: dpa | Vorfreude auf den Start der Händel-Festspiele in Halle.

Intriganten und Tyrannen, Liebende und Leidende, Herrscher und Heroen: Georg Friedrich Händels Opern bringen ein Personal auf die Bühne, das denkbar weit von unseren Alltagserfahrungen entfernt ist. Ihre großen Affekte, ihre extremen Leidenschaften wirken in einem Zeitalter, das sich leidenschaftslosem Pragmatismus verschreibt, seltsam überspannt, die Beziehungen zwischen den Personen schematisch und vorhersehbar. Händel hat 42 Opern und 14 Pasticci und Bearbeitungen hinterlassen: Nach seinem Tode wurden sie nicht mehr aufgeführt.

Spätestens seit den Feiern zu Händels 300. Geburtstag 1985 ist das anders. Sicher, Händel-Opern wurden seit Ende des 19. Jahrhunderts hin und wieder ausgegraben. Von den Zeitgenossen ehrfürchtig bewundert, öffnete sich eine vergangene Opernwelt für einen Moment und gab den Blick frei auf ein kaum erschließbares Artefakt. Sicher, es gab auch die Händel-Festspiele in Göttingen seit 1920 und Halle seit 1922. Aber sie waren der Initiative einzelner Enthusiasten entsprungen und begannen erst allmählich, auf die Theaterlandschaft auszustrahlen.

Als fester Bestandteil des Repertoires sind Händel-Opern erst seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts anzusprechen. 2014 werden – so listet es die Website www.operabase.com auf – weltweit in 38 Städten 48 Händel-Produktionen bei 201 Aufführungen gezeigt. Damit rangiert Händel zwar hinter den Musiktheater-Giganten wie Verdi, Wagner oder Puccini, steht aber nahe vor dem Anschluss an die statistische Spitzengruppe der weltweiten Opernaufführungen.

Woran liegt das? Entdeckt eine Zeit, in der postmoderne Beliebigkeit, kühle Kalkulation und pragmatische Selbstoptimierung den einsamen, leistungsorientierten Alltag bestimmen, die maßlosen Affekte der Händel’schen Opernhelden wieder? Haben wir ein Gespür für die Grenzen der menschlichen Selbstbestimmung zurückgewonnen – sichtbar etwa in der Debatte um Willensfreiheit versus genetische oder biochemische Determination? Erkennen wir in den Personen auf der Bühne, die im Netz ihrer Affekte und Passionen verstrickt ihre Freiheit einbüßen, die an den unsichtbaren Fäden eines undurchschaubaren Schicksals hängen, unsere eigene Existenz wieder: ausgeliefert an anonyme Großstrukturen, eingebunden in unbeherrschbare Systeme, kontrolliert von dunklen Netzwerken, unterworfen modernen Götzen, getrieben von Beautywahn und Bankenkrise?

Händels Ausdrucksrepertoire soll sichtbar werden

Das neue Interesse für Händel hat wohl etwas mit unserer Befindlichkeit zu tun – wie unscharf sich solche Kategorien auch fassen lassen. Die postmoderne Spaßgesellschaft ließ sich in den neunziger Jahren in München ihren Händel genießerisch und lasziv-ironisch zurichten. Das ist vorbei. Die Suche nach überzeugenden szenischen Lösungen führt über den Rückgriff auf barocke Affektdarstellung in Gestik und Bewegung über existenzielle Zuspitzung durch das Hässliche, das Fragmentarische, die Collage von Raum und Virtualität, etwa durch Video und Licht, bis zur beziehungsreichen, ironisch aufgebrochenen Revue.

Das historische Ausdrucksrepertoire für eine zeitgenössische Expressivität fruchtbar zu machen, ist ein Ziel der Opernpremiere bei den Karlsruhe Händel-Festspielen 2014: Regisseur Benjamin Lazar will die Sprache der Barockbühne ins Jetzt transferieren; strebt keine Imitation an, sondern eine Neuschöpfung mit dem Blick des 21. Jahrhunderts. Adeline Caron und Alain Blancot schaffen ihm dafür Bühne und Kostüme für „Riccardo Primo“. Händels erste Oper mit einem englischen Helden – König Richard Löwenherz – wird ab 21. Februar als deutsche Erstaufführung im Rahmen der Hallischen Händel-Ausgabe im Staatstheater Karlsruhe erklingen – in einem Raum, der wie in der Barockzeit von Hunderten von Kerzen erleuchtet wird. Michael Hofstetter leitet die Deutschen Händel-Solisten; der Countertenor Franco Fagioli übernimmt die Titelrolle, die bei der Uraufführung 1727 der legendäre Altkastrat Senesino gesungen hat.

Ab 1. März bringen die – seit 1978 bestehenden – Karlsruher Händel-Festspiele ein Gastspiel des Mailänder Marionettentheaters Carlo Colla & Figli: Händels „Rinaldo“ ist wie „Riccardo“ ein Sujet aus der Kreuzritterzeit und enthält einige der populärsten Arien, die Händel je geschrieben hat. Leider ist es den Karlsruher Festspielen nicht möglich, mit Wiederaufnahmen ein Festspiel-Repertoire aufzubauen oder gar die Opernproduktion ins Repertoire des Staatstheaters aufzunehmen. Grund sind finanzielle Kürzungen, die schon einige Jahre zurückliegen – und deren Revision dem Land Baden-Württemberg, immerhin eines der reichsten Bundesländer, – gut anstünde. Am 23. Februar, 10.30 Uhr, findet in der Evangelischen Stadtkirche am Marktplatz auch ein Ökumenischer Festgottesdienst statt.

Unter dem Thema „Herrschaftszeiten!“ widmen sich die Göttinger Händel-Festspiele 2014 dem 300-jährigen Jubiläum der Personalunion zwischen Großbritannien und „Kurhannover“: Georg Ludwig bestieg als George I. 1714 den britischen Thron. Im Zentrum der Festspiele in Göttingen steht die kaum gespielte Oper „Faramondo“ über den legendären Stammvater der Merowinger Faramund, die in Deutschland zuletzt 1976 in Halle zu sehen war. Göttingen bringt das Werk in einer Inszenierung von Paul Curran; am Pult steht der Künstlerische Leiter der Festspiele, Laurence Cummings. Der Premiere am 31. Mai folgen bis 10. Juni fünf weitere Vorstellungen. Den Reigen der Konzerte eröffnet das Oratorium „Joshua“ am 29. Mai in der Göttinger Stadthalle mit dem Festspiel Orchester Göttingen und dem Chor des NDR unter Laurence Cummings. Zum 300-jährigen Jubiläum präsentieren die Händel-Festspiele Halle und Göttingen einen gemeinsamen Zyklus von Kompositionen für die britischen Monarchen aus dem Haus Hannover.

So erklingen am 30. Mai in der Jacobikirche die Musik zur Krönung Georges I. und am 7. Juni in der Stadthalle die Coronation Anthems für George II. Am Pfingstmontag, 9. Juni, wird um 10 Uhr ein Ökumenischer Festgottesdienst in der Jacobikirche gefeiert. Für den Abend kündigen die Festspiele eine Uraufführung an: Das „Oratorium auf das Absterben des Königs von Großbritannien Georg I.“ des Händel-Zeitgenossen Johann Mattheson steht im Mittelpunkt eines Gastkonzertes des Händelfestspielorchesters Halle. Das Werk blieb zu Matthesons Lebzeiten auf Wunsch der königlichen Familie unaufgeführt. Hiermit eröffnet Halle auch am 5. Juni in der Marktkirche seine Händel-Festspiele. In Halle steht ab 6. Juni die Oper „Arminio“ – als Erstaufführung nach der Hallischen Händel-Ausgabe – auf dem Programm. Nigel Lowery inszeniert, Bernhard Forck dirigiert.

In Bad Lauchstädt, dem reizvollen Goethe-Theater vor den Toren Halles, lässt sich die Karlsruher Version von „Riccardo Primo“ mit einer Inszenierung in einem kleinen, den Opern Händels akustisch entgegenkommenden Raum vergleichen: Elmar Fulda setzt die Oper in Szene, die LauttenCompagney Berlin spielt unter Wolfgang Katschner. Auch die Oper „Almira“ wird wieder aufgenommen: Als Höhepunkt der Festspiele 2013 gedacht, die aufgrund des Hochwassers abgesagt wurden, hatte sie im Herbst ihre Premiere am Opernhaus Halle, wo sie am 11. Juni wieder erklingt.

Und ein unterhaltsames Pasticcio aus Händels Feder – eine Zusammenstellung vorhandener Musikstücke zu einem neuen Inhalt – gibt es dreimal in Bad Lauchstädt zu sehen: „Giove in Argo“ behandelt die amourösen Abenteuer des Göttervaters Jupiter. Das Barockensemble l’arte del mondo unter Leitung von Werner Ehrhardt bringt diese Rarität am 13., 14. und 15. Juni zu Gehör; die Inszenierung besorgt Kay Link.

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