Zwei Brüder, die gegensätzlicher nicht sein können

Der Dokumentarspiel „Der gute Göring“ setzt Albert Göring, der gegen den eigenen Bruder Dutzenden Menschen das Leben rettete, ein filmisches Denkmal. Von José García
Foto: NDR | In Carinhall macht Hermann Göring seinen Bruder Albert (Barnaby Metschurat) mit der Schauspielerin Henny Porten (Natalia Wörner) bekannt.
Foto: NDR | In Carinhall macht Hermann Göring seinen Bruder Albert (Barnaby Metschurat) mit der Schauspielerin Henny Porten (Natalia Wörner) bekannt.

Der Titel des Dokumentarspiels „Der gute Göring“, das die ARD am Sonntagabend ausstrahlt, bezieht sich selbstverständlich nicht auf den „Reichsmarschall“ von Hitlers Gnaden, sondern auf dessen bis heute eher unbekannten Bruder Albert Göring. Weitestgehend unbekannt ist Albert Göring heute noch, obwohl ihm Gerhard Spörl im März 2013 im „Spiegel“ einen ausführlichen Artikel widmete. Dem Spörl-Artikel war bereits im April 2012 im selben Blatt eine ebenfalls lange Besprechung der 2012 auf Deutsch erschienenen Biografie „Hermanns Bruder – Wer war Albert Göring?“ von William Hastings Burke vorausgegangen. Diese basierte teilweise auf der BBC-Dokumentation „The Real Albert Göring“ aus dem Jahr 1998, die in Deutschland am 15.6.2012 von N24 ausgestrahlt wurde. Laut Sandra Maischberger als Produzentin der Firma Vincent TV, die das Dokumentarspiel „Der gute Göring“ produziert hat, stellt Gerhard Spörls „Spiegel“-Beitrag den Auslöser für das Dokumentarspiel dar.

Das Drehbuch von Jörg Brückner und Gerhard Spörl verknüpft Spielszenen mit Interviews und dokumentarischem Material, wobei die Spielfilmhandlung etwa zwei Drittel der Filmzeit ausmacht. Regisseur Kai Christiansen konnte eine Riege bekannter Schauspieler verpflichten: Die Hauptrolle spielt Barnaby Metschurat, der etwa seit „Solino“ (2003) und „KKD – Kriminaldauerdienst“ (ab 2006) in zahlreichen Kino- und TV-Filmen auftritt. Francis Fulton-Smith, der für seine Darstellung von Franz-Josef Strauß in „Die Spiegel Affäre“ mehrfach ausgezeichnet wurde, spielt dessen Bruder Hermann Göring. Eher gegen den Strich wurden die weiblichen Rollen besetzt: Emmy Sonnemann (1893–1973), die zweite Frau Hermann Görings seit 1935, wird von Anna Schudt verkörpert, die als Kommissarin im Dortmund-„Tatort“ bekannt ist. Schauspielerin Henny Porten (1890–1960) stellt die besonders aus TV-Thrillern (zurzeit „Die Diplomatin“) bekannte Natalia Wörner dar.

Die Spielhandlung besteht aus fünf Sequenzen, die allesamt historisch belegt sind. Die chronologisch erste Szene spielt sich 1923 in München bei der Beerdigung der Mutter ab. In der letzten werden die zwei Brüder zur gleichen Zeit von der US-Armee 1945 in einem Augsburger Gefängnis festgehalten. Als besonders aufschlussreich erachten offensichtlich die Filmemacher eine Szene, die sich im Jahre 1935 abspielt. Denn sie wird in Auszügen an den Anfang gesetzt, und dann an der chronologisch richtigen Stelle vollständig abgebildet: Nach dem Tod seiner ersten Frau Carin (Agnes Lindström Bolmgren) heiratet Hermann Göring die eher mittelmäßige Schauspielerin Emmy Sonnemann. Zu ihnen nach „Carinhall“ lädt Hermann seinen Bruder Albert ein. Er möchte ihn um einen Gefallen bitten: Seine Frau Emmy ist eng befreundet mit einem der größten Filmstars des Weimarer Kinos, Henny Porten, deren Stern allerdings Mitte der 1930er Jahre schon im Sinken begriffen ist. Dazu kommt, dass sie mit einem „Nicht-Arier“ verheiratet ist, weswegen Porten aus der Reichsfilmkammer ausgeschlossen wurde. Mit der Begründung „Wer Jude ist, bestimme ich“ bittet der inzwischen zum zweiten Mann im Naziapparat aufgestiegene Hermann seinen Bruder Albert darum, Henny Porten bei der Filmproduktionsfirma Pilzer in Wien, bei der Albert als Geschäftsführer arbeitet, eine Anstellung zu besorgen.

Diese Szene verdeutlicht das ambivalente Verhältnis zwischen den Brüdern. Auf der einen Seite stand die ganz unterschiedliche Gesinnung: Hermann Göring häufte im Nazi-Deutschland Ämter, vom Reichstagspräsidenten über das Amt des Ministerpräsidenten Preußens bis zum Reichsminister der Luftfahrt. Er veranlasste die Gründung der Gestapo und beauftragte Reinhard Heydrich mit der „Endlösung“, dem Vernichtungsplan der europäischen Juden. Albert Göring hingegen rettete zahlreiche Menschen vor dem Tod, zunächst seinen ehemaligen Chef Oscar Pilzer und dessen Familie, und dann wohl viele weitere Juden und Nicht-Juden. Später, als er in amerikanischer Gefangenschaft saß – er hatte sich freiwillig gestellt –, listete Albert 34 Namen auf. „Görings Liste“ trug den Titel: „Menschen, denen ich bei eigener Gefahr (dreimal Gestapo-Haftbefehle!) Leben oder Existenz rettete“. Selbst nach einem heftigen Streit im Augsburger Gefängnis bat Hermann jedoch seinen jüngeren Bruder, sich nach seinem Tod um Emmy und Tochter Edda zu kümmern.

Die Interviews, etwa mit dem inzwischen hochbetagten George Pilzer, dem Sohn Oscar Pilzers, oder auch mit Christine Schöffel, Tochter von Ernst Neubach, dem Arbeitskollegen Alberts, der sich für dessen Freilassung einsetzte, untermauern die Aussage des Films: Albert nutzte seine Stellung als Bruder Hermann Görings, um Dutzenden, womöglich sogar Hunderten Menschen das Leben zu retten. In Yad Vashem wird zurzeit der Antrag geprüft, ihn als „Gerechter unter den Völkern“ anzuerkennen. Ob dies gelingt, ist jedoch offen. Denn, so Irena Steinfeldt, Abteilungsleiterin in der Gedenkstätte Yad Vashem: „Ein Gerechter ist jemand, der bereit ist, einen sehr hohen Preis zu zahlen.“ Die Yad Vashem-Kommission sucht deshalb nach einem Beweis, dass Albert Göring sein Leben riskierte. Ob dies nun gelingt oder nicht: Das Dokumentarspiel trägt dazu bei, einen Menschen dem Vergessen zu entreißen, der das teuflische Spiel der Nazis und namentlich auch seines eigenen Bruders zu hintertreiben suchte, wo er nur konnte.

„Der gute Göring“. Dokumentarspiel. Drehbuch: Jörg Brückner, Gerhard Spörl. Regie: Kai Christiansen. Sonntag, 10. Januar, 21.45 Uhr, ARD, 90 Minuten

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