Zuviel Nebel über dem Deutschen Herbst

Der Spielfilm „Der Baader Meinhof Komplex“ bietet viele Fakten, erklärt aber nicht die Hintergründe des Terrorismus der RAF

Selten wurde in den Feuilletons soviel über einen Spielfilm bereits vor Kinostart diskutiert wie bei Uli Edels „Der Baader Meinhof Komplex“. Angespornt von der Meldung, eine vom Verband „German Films“ eingesetzte Fachjury habe den Film ins Rennen um den Oscar als „Bester nichtenglischsprachiger Film“ geschickt, konnten die meisten Medien offensichtlich den Ablauf der Sperrfrist am 17. September kaum abwarten, um über den von Bernd Eichinger produzierten Spielfilm zu berichten.

„Der Baader Meinhof Komplex“ basiert auf dem gleichnamigen Buch von Stefan Aust, dem ehemaligen Chefredakteur des Magazins „Der Spiegel“, das als Standardwerk über die RAF gilt. Aust lernte Ulrike Meinhof kennen, als die beiden für das Magazin „Konkret“ arbeiteten, lange bevor Meinhof Mitglied der RAF wurde. So ist der junge Stefan Aust (dargestellt von Volker Bruch) selbst eine der vielen Figuren in diesem ausufernden Tatsachen-Film über zehn Jahre RAF, von der Anti-Schah-Demonstration 1967 bis zum „Deutschen Herbst“ 1977.

Nach einem Vorspiel auf Sylt, wo Starkolumnistin Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) wegen ihres offenen Briefs an die Kaiserin von Persien Farah Diba gefeiert wird, setzt der Film im Jahre 1967 beim Protest gegen Besuch des Schahs von Persien und der Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg (Martin Glade) durch einen Polizisten an.

Als sich Ulrike Meinhof von ihrem untreuen Mann trennt und nach Berlin zieht, setzt sie sich für die Studentenbewegung ein. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke (Sebastian Blomberg), nimmt sie am gewalttätigen Protest gegen den Springer-Verlag teil. Meinhof interviewt die Studentin Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek), die gemeinsam mit ihrem Freund Andreas Baader (Moritz Bleibtreu) als Protest gegen den Vietnamkrieg einen Brandanschlag auf ein Kaufhaus verübt hat. Die Journalistin zeigt sich von der fanatischen Konsequenz der Pfarrerstochter so fasziniert, dass sie sich bereiterklärt, an Baaders Befreiung aktiv mitzuwirken.

Die Szene, in der Ulrike Meinhof einige Sekunden lang zögert, um anschließend aus dem Fenster des Zentralinstituts für Soziale Fragen in Berlin zu springen, gehört zu den wenigen Momenten, in denen Uli Edels Film innehält. Dieser Sprung symbolisiert die Entscheidung, mit ihrem bisherigen Leben zu brechen, um von nun an im bewaffneten Untergrund zu leben.

Was folgt, ist eine immer schnellere Aneinanderreihung von Fakten, als würde Regisseur Uli Edel eine Art „Checkliste“ abarbeiten: Gründung der „Roten Armee Fraktion“, Militärausbildung in einem palästinensischen Trainingslager, Banküberfälle und immer blutigere Anschläge. Nachdem Bundeskriminalamt-Chef Horst Herold (Bruno Ganz) einen ausgeklügelten Fahndungsapparat aufgebaut hat, gelingt es ihm 1972, Baader, Ensslin, Meinhof und weitere Mitglieder der sogenannten „ersten Generation“ der RAF festzunehmen. Während sich der Prozess gegen die führenden RAF-Köpfe in der Stuttgarter Haftanstalt Stammheim über Jahre hinzieht, versucht sie die „zweite Generation“ der RAF mit immer brutaleren Anschlägen, etwa mit der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm im April 1975, freizupressen.

Nachdem sich innerhalb der Gruppe die Auseinandersetzungen zuspitzen, erhängt sich Ulrike Meinhof im Mai 1976 in ihrer Zelle. Im „Deutschen Herbst“ 1977 erreicht die Spirale der Gewalt mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer und der Kaperung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ ihren Höhepunkt. Nach der Befreiung der Maschine durch eine GSG9-Einheit werden Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe (Niels Bruno Schmidt) in ihren Zellen tot aufgefunden. Hanns Martin Schleyer wird von RAF-Mitgliedern regelrecht hingerichtet.

Erklärt sich Stefan Aust mit der filmischen Umsetzung seines Buchs zufrieden, weil die Fakten die Dramaturgie lieferten, so ist es dennoch zu fragen, ob „Der Baader Meinhof Komplex“ als Spielfilm gelungen ist. Die zweifellos handwerklich hervorragende Umsetzung ist nur die eine Seite. Die Aufarbeitung hinlänglich bekannter Tatsachen für die große Leinwand lässt jedoch einen Mehrwert an Reflexion erwarten, den der Film nur in Ausnahmen einlöst. Im Gegensatz zum früheren Großprojekt Bernd Eichingers „Der Untergang“ (DT vom 14.09.2004), der durch eine fast kammerspielartige Inszenierung die Möglichkeit bot, die Menschen im „Führerbunker“ und im zerbombten Berlin genau zu beobachten, setzt „Der Baader Meinhof Komplex“ auf die nackte Rekonstruktion der äußeren Fakten.

Dies ist durchaus legitim. Dafür eignen sich indes andere Formate, etwa das sogenannte Dokudrama, das Originalmaterial mit nachgestellten Szenen mischt. In einem Kinofilm wirkt die bloße Abfolge von Ereignissen jedoch unbefriedigend. Wer eigentlich diese Menschen waren, warum sie die blutigen Taten begangen, das erfährt der Zuschauer letztlich nicht.

Ob die amerikanische „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“ eine andere Meinung vertritt, wird sich Anfang des nächsten Jahres zeigen: Am 22. Januar 2009 nominiert sie unter den nationalen Bewerbern die fünf Filme für den Oscar in der Kategorie „Bester nichtenglischsprachiger Film“.

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