Zusammenleben in verschiedenen Welten

„Daily Soup – Eine dunkle Familienkomödie“ als deutsche Erstaufführung im Berliner Theater im Palais. Von Patrick Wagner
Foto: Theater im Palais | Verschiedene Welten: Großmutter und Enkelin plaudern auf dem Küchentisch.
Foto: Theater im Palais | Verschiedene Welten: Großmutter und Enkelin plaudern auf dem Küchentisch.

Der Berliner Theaterfreund hat das Glück, mit einem breiten Angebot gesegnet zu sein, das neben den großen Stadttheatern auch kleinere Bühnen vielerlei Couleur umfasst. Am zentralen Ort im Palais am Festungsgraben, unweit Unter den Linden, befindet sich die vielleicht reizvollste von ihnen. Kurz nach der Wiedervereinigung gegründet, bietet das Theater im Palais nun seit über 20 Jahren ein Programm aus Dramenproduktionen und literarischen Abenden in gediegenem Ambiente. Auf samtenen Stühlen sitzend blickt man im familiären 99-Plätze-Zuschauerraum auf eine Kammertheaterbühne und erlebt Theater zum Anfassen. Alles lädt zum Wohlfühlen ein – das heißt aber nicht, dass man anspruchslosen Berieselungsstücken ausgesetzt wäre, ganz im Gegenteil.

Auch die jüngste Produktion „Daily Soup“ weiß den Zuschauer zu fordern, dies jedoch mit einem gehörigen Schuss Humor und bemerkenswert kurzweilig. Das Drama selbst ist bereits ein Coup, wird hier doch in 80 Minuten eine vierköpfige Familie, die drei Generationen umspannt, höchst differenziert in ihren Eigenheiten und vielfältigen Beziehungen durchleuchtet. Der Zuschauer wird wiederholt Zeuge eines allabendlichen Rituals: Ein Ehepaar in mittleren Jahren isst gemeinsam mit seiner erwachsenen Tochter und der Großmutter zu Abend. Was auf den ersten Blick nach Familienidyll aussieht, führt bei näherem Hinsehen in Abgründe: Die Mutter fühlt sich eingeengt von all den Aufgaben, die in ihrer haushälterischen Verantwortung liegen, und flüchtet sich jeden Abend in die Parallelwelt einer Fernsehschnulze. Von ihrem Mann, den außer seiner Arbeit in der Apotheke und Hau-drauf-Filmen wenig beschäftigt, hat sie sich längst entfremdet. Ihm gelingt es seinerseits immer schlechter, nicht aus den Ritualen des gemeinsamen Lebens auszubrechen. Die Großmutter leistet ihrer Tochter bei der täglichen Flucht in heile Fernsehwelten nur zu gern Gesellschaft, hat sie doch mit den Gebrechen des Alters zu kämpfen, zu denen auch die fortschreitende Vergesslichkeit gehört. Ihre Enkelin arbeitet als Ärztin und lebt allein in einer Wohnung im Haus gegenüber – in ständiger Sichtweite der Eltern. Ihr Ausbruch aus dem Familienleben in Form einer Fastenkur, zu der sie gegen den Willen der anderen aufbricht, führt die Krise herbei, die sich zeigt, wenn alle Familienmitglieder endlich damit beginnen, sich über Jahrzehnte Verdrängtem zu stellen.

„Daily Soup“ ist ein ebenso behutsamer wie schonungsloser Blick in die gesellschaftliche Keimzelle Familie. Es zeigt dem Publikum seine Welt im Privaten und kreist dabei immer wieder um das Thema des Alleinseins. Die Großmutter leidet darunter ebenso wie ihre Enkelin und die Eltern. Sie leben auf engstem Raum zusammen – und doch ist jeder in einer anderen Welt gefangen. Sie hängen aneinander – und stoßen sich doch voneinander ab. Sie scheinen sich zu verstehen – und reden doch aneinander vorbei. In diesem Sinne ist das Drama auch ein Lehrstück über misslingende Kommunikation. Insbesondere in einer Szene zwischen Großmutter und Enkelin wird das sichtbar: Auf dem Küchentisch sitzend plaudern sie miteinander – oberflächlich betrachtet –, dabei ist Erstere geistig vollkommen der Vergangenheit verhaftet, während Letztere über ihre gegenwärtige Situation spricht. De facto hört man kein Gespräch, sondern zwei Monologe mit Unterbrechungen.

Vor allem setzt das Drama aber die innerfamiliären Konflikte immer wieder in scharfen Kontrast zu den artifiziellen Konflikten, die in der Fernsehserie ausgebreitet werden, die sich Mutter und Großmutter allabendlich ansehen. Gegen die überdrehte Konfliktkonstruktion der Unterhaltungsmedien, die auf Flucht aus der Realität angelegt ist, werden in „Daily Soup“ authentische Konflikte gesetzt, die auf Konfrontation mit der Realität abzielen. Wer sich darauf einlässt, stellt sich am Ende unwillkürlich die Frage, wie eine Gesellschaft mit derartigen Familienstrukturen überlebensfähig sein soll. Die Antwort, die das Drama darauf gibt, zeigt sich in der Enkelin, die mit ihren 30 Jahren ledig und kinderlos ist und unter der Bürde der Familientragödie leidet. Selten ist die Vereinzelung in europäischen Gesellschaften psychologisch so konsequent auf Ursachen zurückgeführt worden, die in der eigenen Familie liegen. In diesem Sinne behauptet das Drama innerfamiliäre Konflikte als die eigentlichen Triebkräfte gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen. Das Stück zeigt, wo der Mangel im Alltag liegt und fordert auf, ihn zu verbessern. Ein Patentrezept kann das Theater allerdings nicht bieten. Der Blick auf die Familie ist eine liebevoller – der Vorwurf richtet sich auf die Verhältnisse in der Gesellschaft.

Überraschenderweise kommt „Daily Soup“ dabei in der ersten Hälfte fast schon federleicht daher, mit kurzen Szenen, witzigen Wortwechseln und sehr pointiert. Beinahe könnte man sich in einem Boulevardtheaterstück wähnen. Sobald dann aber die Figuren aus ihren Rollen auszubrechen beginnen, verändert sich auch der Ton hin zum ernsten Drama. Das gelingt in einer ebenso sanften wie unausweichlichen Art und Weise, die deutlich macht, wie nahe Komik und Tragik beieinanderliegen. Es ist kein Wunder, dass dieses feinnervige Familienporträt seit seiner Uraufführung im Warschauer Nationaltheater im Jahr 2007 dort bis heute gespielt wird. Geschrieben wurde es von den Schwestern Monika und Gabriela Muskala, die es unter dem Pseudonym Amanita Muskaria veröffentlichten. Für die deutsche Erstaufführung im Theater im Palais hat sich Regisseurin Renate-Louise Frost dankenswerterweise für den psychologisch-realistischen Inszenierungsstil entschieden. Man hätte das Drama durchaus mit einem stärker skurrilen Einschlag auf die Bühne bringen können; das hätte der Identifizierung des Zuschauers mit den Figuren jedoch im Wege gestanden.

Das Ensemble wird angeführt von Monika Lennartz als Großmutter, die ihre Figur eigensinnig-verhuscht durch das Geschehen führt. Mal beharrt sie störrisch auf ihren Interessen, dann sitzt sie wieder mit mädchenhafter Verträumtheit vor dem Fernseher. Die Lennartz, nach 44 Jahren im Ensemble des Maxim-Gorki-Theaters dem Berliner Publikum wohlbekannt, liefert wie gewohnt Schauspielkunst in Präzision: Es stimmen jeder Tonfall, jede Bewegung, jeder Blick. Ihrer Figur sind zudem viele Lacher vergönnt, ohne dass man je vergisst, hier einer Frau an der Grenze zur Demenz zuzuschauen. Dass sie diese Grenze auch überzeugend bis ins Pathologische überschreiten kann, zeigte Monika Lennartz vor zwei Jahren im Theater im Palais in der Produktion „Die Reise nach Buenos Aires“, dem Monolog einer Alzheimerkranken, der ebenfalls aus der Feder von Amanita Muskaria stammt.

Mit „Daily Soup“ wird dem Publikum ein Leckerbissen des polnischen Gegenwartstheaters präsentiert, ebenso tiefgründig wie von gesellschaftlicher Relevanz. Die Produktion hätte ohne Weiteres das Zeug dazu, auch auf größeren Bühnen zu bestehen. Aber um den Zuschauer unmittelbarer zu erreichen und damit ihre Wirkung umso voller zu entfalten, ist sie im Theater im Palais, diesem charmanten Berliner Salontheater, genau richtig.

Nächste Vorstellung morgen (20.00 Uhr), Theater im Palais, Am Festungsgraben 1, 10117 Berlin, Telefon: 030/ 20 45 34 50.

Themen & Autoren

Kirche