Zurück zur Grasnarbe

Bei der Vermarktung der DFB-Auswahl wurden Fehler gemacht; das lässt sich ändern. Von Philipp Mauch
WM 2018 - Südkorea - Deutschland
Foto: Foto: | Angespannte Lage beim DFB: Wie geht es weiter mit Jogi Löw?dpa
WM 2018 - Südkorea - Deutschland
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Wer jemals ein Fußballstadion von innen gesehen hat weiß, dass es einfach dazugehört, wie ein Rohrspatz von der Tribüne auf die Spieler zu schimpfen – bei Spielen des Lieblingsvereins und bei Spielen der nationalen Auswahl.

Deutschland verfügt bekanntlich über ungefähr 70 Millionen Sachverständige, die sich für den Trainerposten der DFB-Auswahl stets mindestens so gut qualifiziert fühlen wie der aktuelle Amtsinhaber. Frust und Freude gehen Hand in Hand. Was daher im Fall der WM in Russland neben er sportlichen Leistung wirklich Besorgnis erregen muss, sind die hämische Gleichgültigkeit und teilnahmslose Abwendung des Publikums. Es ist also nicht nur das gesamte sportliche Konzept reformbedürftig, vielmehr scheint ganz Fußballdeutschland wieder zu sich selbst finden zu müssen: Wo sind spontane Euphorie und die daraus erwachsene tiefempfundene Sympathie von 2006 geblieben?

Die Vorstellung des Kaders wurde zum Facelift

Schuldzuweisungen sind das eine, die Frage nach der Verantwortung etwas anderes. Was das angeht, führt kein Weg an dem Namen Oliver Bierhoff vorbei. Niemand steht so sehr für das professionell hochpolierte Premiumimage des deutschen Fußballs wie er. Die Nationalmannschaft wurde unter ihm zu einem von vorne bis hinten durchkommerzialisierten Marketing-event. Jede Vorstellung des Kaders ein neues Facelift. Das Re-Branding als „Die Mannschaft“ war dafür symptomatisch. Denn wirklich ärgerlich war daran nicht etwa die Stilisierung zu einem vermeintlich postnationalen, multikulturellen Fanal. Nein, Fans können es schlicht und einfach nicht ausstehen, wenn sogenannte Marketeers in den Traditionen ihrer Vereine rumpfuschen. Und so war es diese sterile Luxusallüre, die dafür gesorgt hat, dass der Weltmeister von 2014 für die Fans nach dem Scheitern in der Vorrunde zum unglaubwürdigen Wegwerfprodukt werden konnte, mit dem man nicht mehr mitfiebert und auch nicht mehr mitleidet.

Jogi Löw ist und bleibt als Typ ein guter Trainer, und die Jungs bleiben Nationalspieler mit herausragenden Verdiensten. Aber auf die in Dauerschleife laufende Imagekampagne um sie herum sollte man in Zukunft lieber verzichten. Diese Überdrehung war es im Übrigen auch, die den Kontext für den Erdogan-Skandal abgegeben hat. Özil und Gündogan müssen einem dabei eher leidtun. Ihre kulturellen Wurzeln und Vorbildlichkeit in Sachen Integration waren vor einiger Zeit noch völlig egal. Es interessierte nur, dass sie gute Fußballer waren. Nationalhymne mitsingen hin oder her – am Ende Privatsache. Aber nur um einen Verband wie den DFB, der tagein, tagaus eifrig dafür herhalten wollte, noch den dünnsten Beweis dafür abzugeben, dass die multikulturelle Gesellschaft real und „Die Mannschaft“ der lebende Beweis dafür sei, konnte so eine Hysterie ausbrechen.

Folglich haben die medial als Staatsbesuche inszenierten Stippvisiten der Kanzlerin in Trainingslager und Umkleidekabine die politische Spaltung des Landes direkt in den Sport durchschlagen lassen. Die PR des Team-Managements hat sich in der Hoffnung auf leichte Reputationsgewinne mit der Kanzlerinnenraute geschmückt und damit eine bis dato ungekannte parteipolitische Vereinnahmung des Fußballs leichtsinnig in Kauf genommen. Prompt wucherten überall hanebüchene Abgesänge auf eine Schicksalsgemeinschaft Löw/Merkel, in denen Asyl-Streit und Vorrundenaus auf bizarre Weise in eins fielen.

Letztlich wurden Spieler und Trainer in der Außendarstellung gleichsam mit Perfektion überfrachtet, zu durchgestylten Werbeträgern – entrückt und austauschbar zugleich. Mit diesen aalglatten Ikonen auf den Plakatwänden konnte sich schließlich kaum noch wer identifizieren. Zu groß war die Diskrepanz zwischen dem überirdischen Nimbus und dem tatsächlich geleisteten Buchhalterfußball im Diesseits der Grasnarbe. Man verzeiht eben nur in Herzensangelegenheiten. Dabei machen weder Löw noch seine Jungs an sich einen sonderlich abgehobenen Eindruck, wenn man sie so reden hört. Vielmehr war es diese völlig überzogene, fast schon aufgekratzt zu nennende Überinszenierung, die den tiefen Fall in der Gunst verursacht hat.

Wenn es jetzt gilt, nach vorn zu schauen, dann im Zuge einer Rückbesinnung auf die unbeschwerte Natürlichkeit von 2006. Fans und Nationalmannschaft müssen sich wieder zusammenraufen und zu einem authentischen Verhältnis zurückfinden. Dabei wäre besonders wichtig, dass sich die Fußballbegeisterten gegen die Kunststoffverpackung des Sports wehren und insistieren, dass sie Traditionen und Gepflogenheiten selbst prägen und jedenfalls keine Werbeagentur auf Geheiß des Team-Managers. Dann wird alles wieder gut!

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