Zur Barmherzigkeit verpflichtet

Seit 1569 gibt es das Kollegium der Beichtväter von St. Peter. Von Ulrich Nersinger
Foto: U.N. | Pater Bernhard Johannes Schulte.
Foto: U.N. | Pater Bernhard Johannes Schulte.

Wenn Pater Bernhard Johannes Schulte O.F.M.Conv. zur Dachterrasse seiner Klostergemeinschaft hinaufsteigt, wird er mit einer unvergleichlichen Aussicht belohnt. Sein Blick fällt auf die gepflegten Gartenanlagen der Vatikanstadt, vor ihm erhebt sich die gewaltige Kulisse der Basilika des Apostelfürsten Petrus, und nur wenige Schritte entfernt liegt das Gästehospiz Santa Marta mit der Wohnung des Heiligen Vaters. Pater Bernhard Johannes gehört zum Kollegium der Pönitentiare (Beichtväter) von St. Peter. Untergebracht ist das Kollegium, das von Ordensleuten – Franziskanerkonventualen (Minoriten) – gestellt wird, im Justizpalast des Kirchenstaates, einem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erbauten Gebäudekomplex. Den Palazzo della Giustizia teilen sich die Patres mit dem Kommando der päpstlichen Gendarmerie und den vatikanischen Gerichtshöfen. „Schuld und Sühne kompakt“ hat der Romkorrespondent einer großen italienischen Tageszeitung einmal über die „Gemeinschaftsunterkunft“ der drei Institutionen geschrieben.

Die Pönitentiarie ist ein kurialer „Gnadenhof“

Im Jahre 1569 waren durch den heiligen Pius V. (1566–1572) bei den drei innerstädtischen päpstlichen Erzbasiliken Beichtväterkollegien errichtet worden. Als Spender des Sakramentes der Versöhnung beauftragte der Papst für St. Peter Mitglieder des Jesuitenordens, in S. Maria Maggiore übertrug er diese Aufgabe den Söhnen des heiligen Dominikus, in der Lateranbasilika ließ er Franziskanerminoriten in den Beichtstühlen Platz nehmen. 1933 setzte Papst Pius XI. (1922–1939) dann auch für die Erzbasilika St. Paul vor den Mauern ein Kollegium von Beichtvätern ein, das er mit Mönchen der dortigen Benediktinerabtei besetzte. Alle vier Kollegien wurden der Apostolischen Pönitentiarie unterstellt. Die Pönitentiarie ist einer der obersten Gerichtshöfe der katholischen Kirche. Sie ist jedoch weniger ein Tribunal als ein kurialer „Gnadenhof“ für den sakramentalen wie nichtsakramentalen Gewissensbereich. Sie gewährt unter anderem Gnadenerweise, Absolutionen, Dispensen und den Nachlass von Strafen; des Weiteren ist sie für das Ablasswesen zuständig.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert geriet die Gesellschaft Jesu in schwere Bedrängnis. Dunkle Wolken zogen über dem Orden auf. In Europa wurde der Ruf nach seiner Auflösung laut. 1773 entzog Papst Klemens XVI. (1769–1774), ein Franziskanerminorit, den Jesuitenpatres das Recht, die Beichtväter von St. Peter zu stellen und übertrug diese Aufgabe Mitgliedern seiner eigenen Ordensgemeinschaft. Am 10. August 1774 wurde diese Entscheidung durch die päpstliche Bulle „Miserator Dominus“ offiziell bestätigt. Das Schreiben des Papstes stellte fest, „dass hiermit den Brüdern des Ordens der Minderbrüder-Konventualen das Kollegium der Pönitentiare an der Basilika des höchsten Apostels auf ewig zugeteilt wird“.

Pater Bernhard Johannes Schulte gehört seit 2012 dem Konvent der vatikanischen Pönitentiare an. Der Ordensmann, Jahrgang 1952, versieht seitdem die Beichtbereitschaft für die deutsche Sprache im Petersdom. Zuvor hatte er noch als weitere Sprache Italienisch zu erlernen. Dann stand eine spezielle Prüfung bei der Apostolischen Pönitentiarie an, in der er darauf examiniert wurde, wie pastoral einfühlsam und kirchenrechtlich korrekt er es verstand, mit den Sünden und Anliegen der Beichtenden umzugehen. Wie lange er und seine Mitbrüder Tag für Tag im Beichtstuhl zu sitzen haben, ist genauestens festgelegt: täglich dürfen sie nur eine bestimmte Zeit die Beichte hören, davon zusammenhängend höchstens drei Stunden, danach ist eine längere Pause einzulegen. Ein Statut der Apostolischen Pönitentiarie schreibt vor, dass die Beichtväter nicht durch Nebentätigkeiten oder durch größere Verpflichtungen in ihrem Orden von ihrer Aufgabe in St. Peter abgehalten werden dürfen. Mit der Vollendung des 75. Lebensjahres haben die Pönitentiare von ihrem Amt zurückzutreten.

Der privilegierte Sitz des Kollegiums in der Vatikanstadt ist nicht ganz so idyllisch, wie ihn ein Besucher des Konvents zunächst etwas voreilig einschätzt – und zwar in mancherlei Hinsicht. Wenn sich Pater Bernhard Johannes frühmorgens auf den Weg von seiner Wohnung zu seiner Arbeitsstätte macht, muss er mittlerweile auf einen recht beachtlichen Autoverkehr Rücksicht nehmen. Denn der bei dem Gästehospiz Santa Marta gelegene Eingang zur Vatikanstadt, die Porta del Perugino, wird heute von immer mehr Fahrzeugen frequentiert und verbindet sich vor der Apsis von Sankt Peter mit dem Verkehr, der von der Zufahrt beim Palast der Glaubenskongregation in den Kirchenstaat hineinströmt. Aber auch der Konvent selber ist in jüngerer Zeit in bewegte und bewegende Momente hineingenommen worden. Im Vatikan oder in vatikanischen Diensten straffällig gewordene Geistliche verbringen ihre Untersuchungshaft und ihren durch die päpstliche Justiz verhängten Strafvollzug oft nicht mehr in den wenigen Gefängniszellen der Gendarmerie, sondern als Hausarrest im Konvent der Pönitentiare – auch das ein Akt der Seelsorge und Barmherzigkeit seitens der Beichtväter.

Papst Franziskus wird nicht müde zu wiederholen, „dass die Beichtväter ein wahres Zeichen der göttlichen Barmherzigkeit sein sollen“. In seinem Schreiben „Misericordiae Vultus“, der Verkündigungsbulle des Heiligen Jahrs der Barmherzigkeit, schärft er ihnen ein: „Vergessen wir nie, dass Beichtvater zu sein bedeutet, an der Sendung Jesu teilzuhaben und ein greifbares Zeichen der bleibenden göttlichen Liebe zu sein, die verzeiht und rettet. Wir haben die Gabe des Heiligen Geistes empfangen, um Sünden zu vergeben. Dafür sind wir verantwortlich. Wir sind nicht Herren dieses Sakramentes, sondern treue Verwalter der Vergebung Gottes. Jeder Beichtvater soll die Gläubigen aufnehmen, wie der Vater im Gleichnis den verlorenen Sohn: Es ist ein Vater, der dem Sohn entgegen kommt, obwohl dieser ja seine Güter verschwendet hat. Die Beichtväter sollen den reumütigen Sohn, der nach Hause zurückkehrt, umarmen und ihre Freude darüber zum Ausdruck bringen, dass sie ihn wiedergefunden haben.“

Die Päpste haben sich den Beichtvätern von St. Peter immer sehr verbunden gefühlt. Sie haben sie durch die Jahrhunderte hindurch mit einer Fülle von Privilegien ausgestattet und ihnen ihre besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen. Benedikt XVI. hat den Konvent in seinem Pontifikat aufgesucht. Sein Nachfolger bräuchte nur wenige Schritte für eine Visite bei den Patres – wenn ihn die Bullen, Bilder und Büsten Papst Klemens? XVI., die die Räumlichkeiten der Ordensgemeinschaft schmücken, nicht abschrecken, Andenken an eben jenen Papst, der seine Ordensbrüder als Beichtväter nach St. Peter holte, aber auch 1773 die Gesellschaft Jesu durch das Apostolische Breve „Dominus ac Redemptor“ aufhob.

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