Zum ersten Mal Freundschaft erleben

Zwei sehr verschiedene filmische Frauenbiografien: Der chilenische „La Nana – Die Perle“ und der Hollywood-Film „Amelia”

Bereits der deutsche Filmtitel „La Nana – Die Perle“ verdeutlicht die Schwierigkeit, die Funktion der Hauptperson in Sebastian Silvas chilenischem Spielfilm angemessen zu übertragen, scheint diese Stellung in Europa doch seit Generationen ausgestorben zu sein.

Die Bezeichnungen Hausmädchen, Hausangestellte, Haushaltshilfe umschreiben das, was etwa in Chile eine „Nana“ (nicht mit der amerikanischen „Nanny“ zu verwechseln!) meint, nicht angemessen. „Sie gehört mehr oder weniger zur Familie“, so der Kommentar des Regisseurs. Raquel (Catalina Saavedra) lebt seit 23 Jahren bei einer Familie der Oberschicht in Santiago de Chile. Der Film beginnt mit ihrem 41. Geburtstag, als das Ehepaar Pilar (Claudia Celedon) und Mundo Váldez (Alejandro Goic) und deren Sohn Lucas (Agustin Silva) Raquel richtig bedrängen müssen, damit sie aus der Küche herauskommt und mit der Familie an ihrem Tisch ein wenig feiert. Die beinahe an einen Loriot-Sketch erinnernde peinliche Stimmung veranschaulicht die ambivalente Stellung Raquels: Obwohl sie länger als alle vier Valdez-Kinder im Haushalt lebt, gehört sie nicht dazu, wird auch nie richtig zur Familie gehören. Dies macht ihr insbesondere die rebellierende älteste Tochter Camila (Andrea García-Huidobro) unmissverständlich klar. Der Psychokrieg zwischen Camila und Raquel hinterlässt Spuren. Die „Nana“ ist so genervt, dass sie bald krank wird. Zu ihrer Entlastung wird eine zweite Haushaltshilfe eingestellt – was Raquel als eine Art Kriegserklärung auffasst. Ihr gelingt es, diese und noch weitere Hilfen aus dem Haus zu jagen. Erst Lucys (Mariana Loyola) fröhliche, aber auch bestimmte Art schafft eine Atmosphäre des Vertrauens. Raquel erfährt auf diese Weise wohl zum ersten Mal Freundschaft unter Gleichen.

Trotz einiger Schwächen, etwa die nachlässige, eher fernsehmäßige Kameraführung oder auch die schon krankhaft-zwanghaft zu nennenden Bemühungen, die verschiedenen Hausmädchen zu entblößen, zeigt der mit dem Jurypreis beim Sundance-Filmfestival ausgezeichnete Film ein fein austariertes Psychogramm der Hauptfigur. Darüber hin-aus unterstreicht „La Nana – Die Perle“ die Kraft der Freundschaft und der Liebe, die den härtesten Panzer aufzubrechen vermag. Zum großen Teil lebt dieser „kleine“, große Film indes von der glaubwürdigen Darstellung Raquels durch Catalina Saavedra, die für diese Rolle völlig zu Recht zahlreiche internationale Preise erhielt.

Eine besondere Frau steht ebenfalls im Mittelpunkt des amerikanischen Spielfilms „Amelia“, bei dem die seit ihrem 19. Lebensjahr in den Vereinigten Staaten lebende, indische Regisseurin Mira Nair Regie führt. Amelia Earhart (1897–1937) war eine Flugpionierin, eine der ersten Frauen weltweit, die eine Fluglizenz erwarben. Sie verschwand am 2. Juli 1937 bei dem Versuch, als erste Frau die Welt zu umfliegen, mit ihrer zweimotorigen Lockheed Electra spurlos über dem Pazifik.

Das auf zwei Earhart-Biografien basierende Drehbuch von Ron Bass und Anna Hamilton Phelan beginnt wie so manche Filmbiografie mit dem Ende, mit Amelias (Hilary Swank) letztem Flug, um dann ihr Leben in Rückblenden zu erzählen. Weil der Ausgang ohnehin bekannt ist, versucht die Regisseurin mit einigem Hin und Her in der Chronologie Spannung zu erzeugen. Die etwas zu kompliziert, zu verschachtelte Erzählform ermüdet allerdings den Zuschauer eher. Zumal Nairs Film lediglich Amelia Earharts erfolgreiche Seite zeigt, etwa wie sie den Publizisten und ihren späteren Ehemann George Putnam (Richard Gere) kennenlernt, als er sie anheuert, um als erste Frau über den Atlantik zu fliegen. Nacheinander werden weitere Höhepunkte ihres Lebens bebildert, so ihre Geschäftsbeziehung und Liebesaffäre mit dem Piloten Gene Vidal (Ewan McGregor) oder ihr Engagement bei der Gründung eines Berufsverbands für weibliche Flieger sowie ihre Tätigkeit als Werbeträger etwa für Koffer.

Die Bilder sind wunderschön, wobei den Filmemachern insbesondere der Übergang von dokumentarischen Schwarzweiß- zu bunten Spielfilm-Bildern gelingt. Die epische Anmutung des Filmes wird darüberhinaus von einer Filmmusik unterstrichen, die an „Jenseits von Afrika“ stark erinnert.

Mira Nair erzählt eine mit der offensichtlich sehr amerikanischen Lebenseinstellung „Ich muss es mir selbst beweisen“ übereinstimmende Erfolgsgeschichte, die allerdings die Schattenseiten Amelia Earharts, aber auch ihrer Zeit ausspart. So widmet sie der schweren Wirtschaftsdepression kaum zwei Bilder, die paradoxerweise zu den berührendsten des Filmes gehören.

Denn das von Mira Nair gezeichnete Leben Amelia Earharts vermag den Zuschauer deshalb kaum zu bewegen, weil sie lediglich als strahlende Heldin dargestellt wird. Im Gegensatz zu „La Nana“ bietet „Amelia“ alles andere als eine nuancierte psychologische Studie.

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