Zu schwach, um zu handeln

Michel Houellebecqs Roman „Serotonin“: Sinnsuche zwischen „Sexkiste“ und den Zeichen der Zeit. Von Alexander Riebel
Michel Houellebecq: So schick sah man ihn selten
Foto: Philippe Matsas/Opale/Leemage/laif– | So schick sah man ihn selten: Michel Houellebecq muss wohl glücklicher sein als die Hauptfiguren seiner Romane, seitdem er am 22. September 2018 Lysis Titi geheiratet hat.

Frauen sind der Schlüssel zu allem. Jedenfalls für die Hauptfigur Florent-Claude Labrouste aus dem neuen Roman von Michel Houellebecq, „Serotonin“. Der Protagonist erzählt die Geschichte seiner gescheiterten Liebe, die Versuche der Flucht und die Depression, die aus dieser Lage folgten. Er ist 46 Jahre alt, aber er empfindet sich als Greis, geschwächt und ohne wirkliche Hoffnung auf ein neues Glück.

Der Leser ist die große Depression von Houellebecq seit dem ersten Roman Die „Ausweitung der Kampfzone“ (1999) schon gewohnt. Es sind die zermürbenden Alltäglichkeiten, aber auch die zeitgeschichtlichen Umstände, die auf eine heikle Gefühlslage treffen, in denen der Protagonist nicht Herr seiner selbst ist. In seinem letzten großen Roman, „Unterwerfung“ (2015), hat sich bei der Islamisierung Frankreichs ein Huysmans-Forscher unterworfen und ist aus Gleichgültigkeit zum Mitläufer des Zeitgeistes geworden. Aber diese Möglichkeit, sich das Leben irgendwie noch bequem einzurichten, hat Florent-Claude Labrouste nicht mehr. Die Revolte der Milchbauern in Frankreich geht zwar an dem mit Jahresverträgen beim Landwirtschaftsministerium arbeitenden Labrouste vorbei, ohne dass er existenziell betroffen wäre. Aber er hat ganz andere Sorgen, auch wenn ihm an der besseren Vermarktung von Käse und Calvados aus der Normandie gelegen ist: „Es ist eine kleine weiße, ovale, teilbare Tablette“, wie es im ersten Satz des Buches heißt: Captorix „wirkt über eine höhere Serotoninausschüttung“; das Glückshormon bewirkt eine Linderung, jedoch nicht völlige Beseitigung der Depression bezüglich seines gescheiterten Lebens, führt aber gleichzeitig zu Impotenz. In diesem Zwiespalt findet sich nun der 46-Jährige, der seine Geschichte seit dem Verlust seiner geliebten Freundin Camille und den darauffolgenden sexuellen Abenteuern erzählt, in die er sich seitdem gestürzt hat. Durch diese Abenteuer muss sich der Leser die ersten gut 100 Seiten des Buches durchwühlen, bevor sich der Erzähler etwas beruhigt und sich anderen Themen ausführlicher widmet. Aber Frauen sind bis zum Schluss des Buches präsent; daneben bleiben ihm nur Tabletten und der Alkohol. Sexualität, in „Serotonin“ ist auch häufig von Pornografie die Rede, kommt auch in den meisten früheren Romanen Houellebecqs vor.

Labrouste hat sein Unglück selbst verschuldet, wenn man seiner psychischen Konstitution Schuld anrechnen will. Nach dem großen Glück und zweimonatigem Zusammenleben mit Camille war es die schwarze Tam aus Jamaika, mit der er sich einließ und dann zufällig Camille begegnete, als er morgens Hand in Hand mit Tam aus einem Pariser Hotel kam. Er brachte es später in der gemeinsamen Wohnung selbst nicht mehr dazu, zu sagen, „Wir werden doch wegen so einer Sexkiste nicht alles kaputtmachen“. Camille zog aus und Florent-Claude zerbrach sich noch weitere zwei, drei Jahre den Kopf darüber, was er angemessen hätte sagen sollen. In den entscheidenden Augenblicken ist er zu schwach zum Handeln, darin ist er der abgründigen Gleichgültigkeit der Hauptfigur aus dem Roman „Unterwerfung“, François, verwandt; von Florent-Claude heißt es, „meine damalige Gleichgültigkeit den Aprikosenerzeugern aus dem Roussillon gegenüber erscheint mir heute als Vorbote jener Gleichgültigkeit, die ich im entscheidenden Augenblick gegenüber den Milcherzeugern von Calvados und dem Ärmelkanal an den Tag gelegt habe, und zugleich jener tiefgreifenden Gleichgültigkeit, die ich schließlich in Bezug auf mein eigenes Schicksal entwickeln sollte und die mich gegenwärtig begierig die Gesellschaft der Rentner suchen ließ, was paradoxerweise gar nicht so einfach war, enttarnten sie mich doch rasch als falschen Senior…“. Nur einmal, kurz vor dem Ende, bäumt sich der Lebenswille von Florent-Claude auf. Aber er hätte wissen können, dass er scheitern würde; denn zuvor hatte er mit einer Waffe, die er sich von einem Freund geliehen hatte, auf einen Vogel am Strand schießen wollen. Er konnte es nicht, weil er nicht töten konnte. Als er dann später Camille heimlich in einem einsamen Landhaus ausfindig machte, herausfand dass sie einen vierjährigen Sohn hatte, aber sonst allein lebte, wollte er das Kind töten, um sie wieder für sich allein zu haben. Doch auch nachdem er den Sohn minutenlang im Visier hatte, konnte er nicht abdrücken – es war der Schlusspunkt in der Kette des Scheiterns auf dem vermeintlichen Weg zum Glück.

Der Leser ist geneigt, den Erzählstil des Romans für den bisher besten Houellebecqs zu halten. Der Erzählstrom des Erinnerns fließt unaufhörlich und kann thematische Sprünge leicht aushalten. Der Autor versteht es, immer wieder kleine Höhepunkte einzubauen, so dass keine Seite langweilig wird. Wie gewohnt nimmt Houellebecq keine Rücksichten auf den Zeitgeist oder die political correctness; Holländer bezeichnet er als Schlampen, er mag keine „Homos“, bezeichnet sich selbst wegen seiner Liebe zu Meeresfrüchten als Décadent im Unterschied zu „griechischen Schwuchteln“. Ein Deutscher muss als Pädophiler herhalten, der sich von einem kleinen Mädchen regelmäßig besuchen lässt und Filmaufnahmen dreht. Und die EU, „die alte Schlampe“, ist der grundsätzliche Feind des Protagonisten, die nicht nur für ein Rauchverbot in dem von ihm schon länger bewohnten Hotel verantwortlich ist, wodurch er sich eine Wohnung suchen muss, sondern sie steckt auch hinter der Misere der Bauern – „die wahre Macht ist in Brüssel oder zumindest in den Hauptverwaltungen, welche in enger Beziehung zu Brüssel standen“. Den Gesellschaftsdebatten wollte Florent-Claude überhaupt nicht mehr folgen: „Der extreme Konformismus der Redner, die niederschmetternde Gleichförmigkeit ihrer Empörung und Begeisterung war so groß geworden, dass ich ihre Redebeiträge inzwischen nicht nur in groben Zügen, sondern selbst bis in Einzelheiten hinein, tatsächlich wortgetreu voraussagen konnte, die Leitartikler und die wichtigen Zeitzeugen marschierten auf wie nutzlose europäische Marionetten, Idioten folgten auf Idioten, beglückwünschten sich zur Richtigkeit und Moralität ihrer Ansichten, ich hätte ihnen ihre Dialoge schreiben können, und schließlich schaltete ich den Fernseher ganz aus, all das hätte mich nur noch trauriger gemacht, hätte ich die Kraft gehabt, weiterzuschauen.“ Analysen, die dennoch Ohnmacht des Einzelnen gegenüber dem großen Treiben widerspiegeln, zuweilen aber auch bis zur Selbstrechtfertigung etwa der eigenen sexuellen Perspektive reichen. So sieht Florent-Claude die beiden großen Schriftsteller zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Thomas Mann und Marcel Proust, in ihre sexuellen Phantasien verstrickt, woraus deren Werk entstanden sei; „diese beiden Schriftsteller, die Glanzlichter ihrer jeweiligen Literaturen, waren, anders ausgedrückt, keine ehrenwerte Männer, man muss um einiges weiter zurückgehen, wahrscheinlich bis ins frühe 19. Jahrhundert, in die Zeit der aufkeimenden Romantik, um gesündere und reinere Luft zu atmen“. Diese reinere Luft suchte er auch in den zurückliegenden Jahren, aber er konnte sie nicht finden. Letztlich wird man daraus lesen dürfen, dass der Einzelne gegenüber der Gesellschaft machtlos ist, auch gerade in seinen Entscheidungen und doch nur als Einzelner losgelöst von der Gesellschaft leben kann.

Doch scheint dieses Problem eher den einzelnen Intellektuellen zu treffen, zu denen Florent-Claude mit seiner detaillierten Kenntnis von Literatur und Film ohne Zweifel gehört. Die Milchbauern, für die er eigentlich arbeiten sollte, sind dagegen zum entschlossenen Handeln fähig. Breiten Raum nimmt die Erzählung ihrer Revolte gegen die Regierung ein – die Blockade der Einfallstraßen nach Paris und der bewaffnete Widerstand mit Raketenwerfern und Benzintanks hat bereits französische Journalisten zu ihrer Sicht der Vorwegnahme der „Gelbwesten“ durch Houellebecq geführt. Doch der Aufstand wird mit Waffengewalt beendet, unter den Toten ist auch ein enger Freund Florent-Claudes.

Auch das Christentum ist keine bewegende Kraft mehr für Florent-Claude, dem Priester bei der Beerdigung seiner Eltern, die sich gemeinsam getötet haben, hätte er am liebsten den Mund verboten angesichts dieses „Falls von wahrer Liebe“. Auch denkt er einmal, das Ende der Zeiten sei gekommen – „für das bislang als jüdisch-christlich bezeichnete Abendland war es vielleicht das entscheidende Jahrtausend zuviel, so wie man bei Boxern von einem Kampf zuviel spricht...“ Nur am Ende erkennt er, dass sich Gott um uns kümmert, dass wir aber nicht seine Zeichen erkennen. Und er deutet seinen Selbstmord an, als Selbstopferung in der Nachfolge Christi.

Ein düster resignativer Roman, in dem die heterosexuelle Erotik und das aufbegehrende Volk als die letzten vitalen Kräfte gezeigt werden, die Europa geblieben sind. Die Last der Geschichte, personifiziert durch Camille, Florent-Claudes große bedrückende Liebe, raubt den Zukunftsatem. Künstliche Kraftzufuhr und Betäubung sind kein Ausweg. Eine realistische Bestandsaufnahme und kein Märchen. Dem das Leben und die Liebe bejahenden „Ja“ Molly Blooms am Ende des „Ulysses“ von James Joyce steht nun hundert Jahre später ein sich selbst aufgebendes letztes „Ja“ von Florent-Claude gegenüber.

Michel Houellebecq: Serotonin. Roman. DuMont Buchverlag, Köln 2019, 336 Seiten, EUR 24,–

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