Zu jung, um sich an den eigenen Namen zu erinnern

Der Fernsehfilm „Suchkind 312“ erinnert an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes von Carl-h. Pierk

Es ist ein wenig beachteter Aspekt der Nachkriegszeit. Der Zweite Weltkrieg riss hunderttausende Familien auseinander: Frauen suchten nach ihren Männern, Kinder nach ihren Eltern, Geschwister nach ihren verschollenen Brüdern und Schwestern, Mütter nach ihren Söhnen und Töchtern. Jeder vierte Deutsche war in Folge des Zweiten Weltkrieges auf der Suche nach Angehörigen oder wurde selbst gesucht. Die Nachforschungen gestalteten sich schwierig, viele behalfen sich im Chaos des Kriegsendes mit an Hauswände, Litfasssäulen und Straßenschildern gehefteten Fotos und handgeschriebenen Zetteln.

Im Mai 1945 gründete das Deutsche Rote Kreuz seinen Suchdienst. Er hat bisher etwa 16 Millionen Menschen wieder miteinander in Verbindung gebracht. Auch wenn heute noch immer Angehörige kriegsbedingter Trennungen lebend zusammengeführt werden können, sind weiterhin 1,3 Millionen Verschollenen-Schicksale ungeklärt.

Eine besondere Rolle spielte in den Nachkriegsjahren der Kindersuchdienst des DRK. Etwa 500 000 Kinder wurden in den Kriegswirren von ihren Familien getrennt, vor allem auf den Flüchtlingstrecks aus dem Osten. Zurückkehrende Soldaten, Krankenschwestern oder andere Flüchtlinge kümmerten sich um die Kinder und brachten sie in Auffanglager und Heime. Etwa 33 000 sogenannte „Findelkinder“ waren noch so klein, dass sie sich nicht an ihren Namen, ihren Geburtstag oder ihren Herkunftsort erinnern konnten. Deshalb wurden alle nur denkbaren Details über diese Kinder in der gut geschützten Kindersuchkartei erfasst: Verlust- und Auffindort, Kleidungsstücke, Muttermale, Narben, Spielzeug, das die Kinder bei sich hatten.

Der Suchdienst nutzte alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel, um auf das Schicksal dieser Kinder aufmerksam zu machen – Radio- und Fernsehspots wurden gesendet, Suchanzeigen in Zeitungen gedruckt und Plakate mit den Bildern der Kinder wurden überall dort aufgehängt, wo Suchende vorbeikamen. Bis heute sind nur noch rund 400 der 500 000 registrierten Fälle offen, diese Menschen leben noch immer mit einer angenommenen Identität und wissen nichts über ihre leibliche Familie. Alle anderen Suchkinder konnten durch den DRK-Suchdienst mit ihren Angehörigen zusammengebracht werden.

Die Folgen des Zweiten Weltkriegs beschäftigen den DRK-Suchdienst noch heute. Immer noch gehen jährlich bis zu achttausend völlig neue, bisher unbekannte Anfragen nach Vermissten des Zweiten Weltkriegs beim Suchdienst ein. Aber auch in aktuellen Konflikten und Katastrophen wird der Suchdienst tätig. Jährlich treffen bis zu zehntausend Suchanfragen im Gefolge von weltweiten Konflikten ein.

In dem Fernsehfilm „Suchkind 312“, den die ARD am Freitag um 20.15 Uhr zeigt, wird die dramatische Situation im Nachkriegsdeutschland nachempfunden. Der Film erzählt auf einfühlsame und bewegende Weise das Schicksal einer Mutter, Ursula Gothe (Christine Neubauer), die auf der Flucht von ihrer kleinen Tochter Martina (Janina Fautz) getrennt wird. Jahre später erkennt sie auf einem Suchdienst-Foto in einer Zeitschrift ihre Tochter wieder. Ihr Ehemann Richard Gothe (Oliver Stritzel) weiß nichts von diesem Kind. Voller Sehnsucht macht sich Ursula Gothe schließlich auf die Suche nach Martina – und setzt damit ihre Ehe aufs Spiel. Plötzlich taucht auch noch Martinas tot geglaubter Vater wieder auf, Ursulas große Liebe Achim (Timothy Peach).

„Suchkind 312“, Freitag, den 23.7., 20.15 Uhr, ARD

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