Zu Fuß durch das katholische Amerika

Buchautor Wolfgang Büscher durchquert die Vereinigten Staaten von Kanada nach Texas in drei Monaten. Von Katrin Krips-Schmidt
Foto: dpa | Im 19. Jahrhundert wollten Sioux-Indianer nach Jerusalem reisen, um zum Ursprung des Glaubens zu gelangen. Unser Bild zeigt heutige Sioux bei einem Treffen in Dakota.
Foto: dpa | Im 19. Jahrhundert wollten Sioux-Indianer nach Jerusalem reisen, um zum Ursprung des Glaubens zu gelangen. Unser Bild zeigt heutige Sioux bei einem Treffen in Dakota.

Gibt es ein katholisches Amerika? Wer an die Vereinigten Staaten denkt, dem fällt wohl zunächst ein ausgeprägter Patriotismus ein. Aber was haben die USA und ihre Bewohner eigentlich mit der katholischen Kirche zu tun? Sehr viel, meint Wolfgang Büscher.

Der in Berlin lebende Journalist, der unter anderem für die „WELT“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ tätig war und derzeit für „Die Zeit“ schreibt, war auf Schusters Rappen quer durch die USA unterwegs.

3 500 Kilometer in drei Monaten zu Fuß zurückzulegen – das sind im Durchschnitt rund 40 Kilometer am Tag – mag für jemanden, der nicht gerne spazierengeht, die reinste Qual und eine wahre Horrorvorstellung sein. Und nicht nur die von Büscher bewältigten Kilometer erstaunen, auch die Route ist ungewöhnlich genug. Statt, wie allgemein üblich, den nordamerikanischen Kontinent von Ost nach West per Motorrad oder Auto zu durchqueren, entschloss sich Büscher, die USA von Norden nach Süden von Nord-Dakota über Kansas und Oklahoma bis nach Süd-Texas zu durchstreifen. Auf der Nationalstraße „Route 77“ – die ist nämlich nicht als „Interstate“, als Autobahn, ausgebaut, sondern verfügt über Schotterränder, auf denen es sich gut wandern lässt. Fast sollte das Unternehmen am vehementen Einspruch befreundeter Amerikakenner schon scheitern. „Niemand“ mache so etwas per pedes. „Unmöglich“ sei das. Allen Unkenrufen zum Trotz begibt sich Büscher dennoch Anfang März 2010 auf seine Tour in das „Herzland“ Amerikas.

Was der Autor von „Hartland – Zu Fuß durch Amerika“ am vergangenen Dienstag den Gästen in der Potsdamer „Arche“ in Lesung und Vortrag darbietet, klingt fremd, manchmal extrem. Die Einreise aus Kanada, an einer recht unbedeutenden Grenzstation, wird da zum regelrechten Verhör, bei dem ein „Saint-Just in Amerika“ dem unbescholtenen Grenzgänger mit Rucksack und Ausweispapieren, an denen es nichts auszusetzen gibt – außer eben diesen dann doch verdächtig erscheinenden Einreisestempeln von China und Jordanien – auf ruppige Art Fingerabdrücke abnimmt und ihn auch sonst nicht gerade zuvorkommend behandelt. Doch dieser erste Eindruck soll sich noch gründlich ändern. Büscher kehrt amerikafreundlicher als zuvor nach Hause zurück. Er ist auf seiner Reise so vielen hilfsbereiten Menschen begegnet, so etwa auch auskunftsfreudigen Farmern, die ihn unterwegs ab und zu mit ihrem Pickup mitgenommen haben.

Beeindruckt hat ihn aber auch das Religiöse an Amerika, das wie der Nationalstolz einfach dazugehöre. In den kleinen Städten leben viele Christen, der Alltag ist von christlichen Bräuchen geprägt.

Sein Reisebericht erzählt unter anderem von zwei historischen Ereignissen, die eng mit Glauben und Märtyrertum verknüpft sind. Zunächst begegnen wir da einem Indianer, der Ende des 19. Jahrhunderts vor der Frage stand, was die Weißen im Laufe der Geschichte so stark gemacht hat: „Es wühlte in ihm. Einer wie er konnte die weiße Übermacht und Überlegenheit, das Ende der Zeit der Indianer, ihrer Ideen von Welt und Gott, nicht einfach hinnehmen. Er wollte den Untergang, den er nicht einfach aufhalten konnte, wenigstens verstehen. Er war Schamane, ein durch und durch geistlicher Mann, den Visionen heimsuchten seit seinem neunten Lebensjahr. Nicht Gewehre und Eisenbahnen schienen ihm kriegsentscheidend zu sein, der Geist war es, die Medizin, die Große Vision der Weißen – ihr Messias. Und der hatte in Jerusalem gelebt, da wollte er hin. Jerusalem war der heiligste Ort der Weißen. Wo, wenn nicht dort, würde er, Black Elk, die Chance haben zu begreifen, warum alles so gekommen war?“ Dieser Indianer vom Stamm der Sioux zog daraufhin von einer Wildwest-Show zur nächsten, um sich das nötige Geld für eine Reise nach Jerusalem zu verdienen, um an den Ursprung des christlichen Glaubens zu gelangen. Allerdings schaffte er es nur bis nach Europa, sogar in Dresden und Cottbus trat er in den 1880er Jahren auf. Wieder zurück in den USA wurde er bei dem Massaker bei Wounded Knee verletzt, konvertierte am Nikolaustag 1904 zum katholischen Glauben und war jahrelang als Katechist tätig.

Als sich Büscher in sengender Hitze auf die Spuren der ehemaligen Konquistadoren in das sagenumwobene El Dorado begibt, tritt er gleichsam in deren Fußstapfen und trifft dabei auf den ersten Märtyrer Nordamerikas. Fast 500 Jahre ist es her, seit die Spanier auf ihrer Suche nach Reichtum den Verheißungen eines Franziskanermönchs bis hierher, ins „dritte Goldland“, gefolgt waren. Von „Sieben Goldstädten“ hatte der berichtet, und so schickten die Spanier eine Expedition mit 1 000 Soldaten los. Wie sich herausstellte, handelte es sich um einen Schwindel. Das Gold existierte nicht. Was die Spanier dort fanden, waren Indianer – die Plains-Indianer, die unter härtesten Bedingungen dort in der Wüstenei überlebten, sich nur von dem ernährten, was die Büffel ihnen gaben: getrocknetes Fleisch.

Von den zurückkehrenden Konquistadoren brach einer – ein Franziskaner aus Andalusien – begleitet von zwei Ordensbrüdern, ein zweites Mal ins „El Dorado“ auf. Juan de Padilla war nicht von Goldgier getrieben, sondern vom Entschluss, die Indianer zu missionieren. Beim Versuch, weitere Stämme zu evangelisieren – Feinde der Indianer, die ihn bereits aufgenommen hatten, wurde er getötet, kniend, im Gebet, wie es heißt. Man warf ihn in eine Grube und bedeckte seine Leiche mit Steinen – so die Legende.

Warum reist Büscher immer alleine? Weil er sich sonst zu sehr auf seine Begleitung konzentrieren müsste, und nicht all die Eindrücke aufnehmen könnte, die ihm auf seiner Reise begegneten. Und er hätte dann auch nicht all die freundlichen Amerikaner kennengelernt, die ihm halfen, seine „Grenzerfahrung“ bei der Einreise in die Vereinigten Staaten zu revidieren.

Bislang war der drahtige Schriftsteller in vielen unterschiedlichen Regionen der Welt auf Wanderschaft, von denen mehrere fesselnde Reiseberichte lebendige Schilderungen seiner subjektiven Wahrnehmungen sind und sich fernab üblicher Reiseführer dazu eignen, das jeweilige Land dem Betrachter näherzubringen: „Berlin–Moskau“, „Deutschland – eine Reise“ und „Asiatische Absencen“.

Wolfgang Büscher: Hartland – Zu Fuß durch Amerika. Rowohlt Verlag 2011, 304 Seiten, EUR 19,95

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