Zerrieben

Peter Müller resigniert als Ministerpräsident des Saarlandes. Er ist der letzte der CDU-Politiker, die in den fünfziger Jahren geboren sind, denen aber der letzte, große politische Durchbruch nicht gelang. Tragisch. Von Johannes Seibel
Foto: dpa | Peter Müller zieht sich aus der aktiven Politik zurück – dabei käme er jetzt ins beste Alter, um die letzte Stufte der Karriereleiter zu erklimmen.
Foto: dpa | Peter Müller zieht sich aus der aktiven Politik zurück – dabei käme er jetzt ins beste Alter, um die letzte Stufte der Karriereleiter zu erklimmen.

Peter Müller hört auf. Er will vom Sessel des Ministerpräsidenten im Saarland auf den Sessel eines Bundesrichters wechseln. Damit hat eine komplette Generation an CDU-Politikern resigniert, die ihr bestes politisches Alter bei weitem nicht erreicht haben – für die aber die politische Karriereleiter nicht mehr weiterzuführen scheint.

Peter Müller ist 1955 geboren. Jürgen Rüttgers 1951, Günther Oettinger 1953, Roland Koch 1958, Ole von Beust 1955 – das sind allein die christdemokratischen Landeschefs, die in jüngster Zeit, manche auch unfreiwillig, sich von der CDU und der Politik aus der ersten, ambitionierten Reihe zurückgezogen haben. Der einzige, der aus dieser Generation durchgekommen ist, heißt Christian Wulff – er ist heute Bundespräsident.

Auch andere CDU-Politiker, die bundespolitisch die Partei mitführten, ihnen Ideen geben sollten, sind heute politische Privatiers: Friedrich Merz ist der bekannteste davon. Der frühere Vorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion ist 1955 geboren, oder Christoph Böhr, der einmal die Grundwertekommission der Christdemokraten leitete, der 1954 zur Welt kam.

Alle diese christdemokratischen Politiker aus den ersten bundesrepublikanischen Nachkriegsgenerationen weisen einen ähnlichen politischen Werdegang auf – dieser verlief von Jugend an über eine parteipolitische Sozialisierung, also über die Schüler Union und Junge Union. Perspektive war die Karriere als Berufspolitiker. Landesverbände der Jungen Union führten Peter Müller an der Saar zwischen 1983 und 1997, Ole von Beust in Hamburg zwischen 1977 und 1983, Jürgen Rüttgers im Rheinland sechs Jahre bis 1986, Günter Oettinger in Baden-Württemberg von 1983 bis 1989, Christian Wulff in Niedersachsen von 1983 bis 1985, nachdem er schon bis 1980 Bundesvorsitzender der Schüler Union gewesen war. Christoph Böhr leitete gar die Junge Union als Bundesvorsitzender zwischen 1983 und 1989. Roland Koch war der jüngste Vorsitzende eines CDU-Kreisverbandes bundesweit gewesen.

Alle diese Karrieren sind also parteipolitische Funktionärskarrieren. Das Wort ist hier nicht abwertend gemeint. Denn es sagt wesentlich mehr über die Zeit, die die Personen prägt, als über die Personen selbst. Und dass eine repräsentative Demokratie funktionierende parteipolitische Rekrutierungswege braucht und nutzt, die mit Ämtern und machtpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten Anreize setzt, ist ebensowenig ehrenrührig. Der verächtliche Blick auf Funktionäre ist allzu wohlfeil und billig.

Also, was sagt die Resignation einer gesamten politischen Generation in der CDU über die Zeit und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland aus? Zunächst – diese Generation, wenn sie sich für das bürgerliche Lager der Politik entschied, musste sich schon immer auf anderes ausrichten. Sie musste mentalitätsgeschichtlich auf die Achtundsechziger reagieren. Die Generation der Müllers und Kochs war die erste Generation gewesen, die den originären Achtundsechziger folgten. Sie mussten also, um ihre eigene Identität auszubilden, sich ideologisch von ihren Lehrern an Schulen und Hochschulen wieder abgrenzen. Sie reagierten.

Die in den fünfziger Jahren geborenen Christdemokraten erlebten ihre entscheidenden jüngeren politischen Jahre in der Ära des Parteivorsitzes und der Kanzlerschaft Helmut Kohls, die erst 1998 endete. Er war der Übervater. Auf ihn hin musste sich diese Generation ausrichten. Die Generation der Kohls, Geißlers und Blüms oder von Weizsäckers aber waren unter anderen Umständen politisch groß geworden. Ihre politische Vorgängergeneration war als die damals Erwachsenen entweder durch den Nationalsozialismus diskreditiert oder schlicht im Zweiten Weltkrieg zu Tode gekommen. So konnten die CDU-Granden, die die achtziger und neunziger Jahre politisch dominierten, zuvor in den sechziger und siebziger Jahren relativ jung und schnell in höhere verantwortliche Positionen aufsteigen, weil sie nur wenige altangestammte Platzhirsche verdrängen mussten – zumal ja die CDU eine Parteineugründung gewesen war. Diese Generation, die zwar den Nationalsozialismus noch miterlebt hatte, aber für eine langjährige Verstrickungsgeschichte in dessen Verbrechen zu jung gewesen war, konnte nach dem Krieg als junge Erwachsene das Gefühl verinnerlichen, ihre eigenen politischen Vorstellungen und Ideen ohne Zwang der Legitimierung und des Wohlverhaltens gegenüber den vorhergehenden Geburtenkohorten formulieren und politisch durchsetzen zu können. Diese Generation regierte, ihre Nachfolger der in den fünfziger Jahren geborenen CDU-Politiker mussten warten und reagieren, weil die übliche Generationenfolge wiederhergestellt war. Die Müllers & Co. hatten weder die Gnade der frühen, noch der späten Geburt.

Und just zu dem Zeitpunkt, als die Granden der Christdemokraten von Geißler bis Kohl erlahmten, unter ihnen ausgesprochene Diadochenkämpfe ausbrachen – wofür der Bremer Parteitag 1989 mit der Niederschlagung des Putsches gegen Kohl steht –, die gleichwohl auf kürzere Sicht hätten ein Machtvakuum zur Folge haben können, in das hinein dann einer der in den fünfziger Jahre Geborenen nur hätte beherzt stoßen und die Macht in der CDU an sich reißen müssen, da kam die Wende und die Wiedervereinigung 1989/90. Dieses Ereignis verhagelte den Müllers, Kochs, von Beusts die gleichsam natürliche Karriereplanung. Plötzlich strömten Politiker mit einer anderen Sozialisierung und Karrieremustern in einer völlig veränderten weltpolitischen Konstellation auf die politische Bühne der Bundesrepublik – was dann bei der CDU in der Übernahme des Parteivorsitzes und der Kanzlerschaft durch Angela Merkel kulminierte.

Einer kam durch – dass Christian Wulff Bundespräsident geworden ist und er dennoch nicht als gleichsam geborener Bundespräsident wahrgenommen wird, ist ein Sinnbild für die Tragik einer Politikergeneration. Dass sich in der CDU mit Peter Müller & Co. ein großer Teil des Führungspersonals zurückzieht oder sich zurückziehen muss, das niemals den letzten, großen Schritt gehen konnte, erscheint in dieser historischen Perspektive gesehen beinahe folgerichtig bis zwangsläufig – wenngleich die Frage nach der politischen Pflicht und der politischen Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwesen, die sie mit ihrem Rückzug verletzen oder nicht, damit nicht suspendiert ist. Aber dies ist eine andere Frage. Und eine andere Frage ist auch, ob das neue Politikerbild, wie es Verteidigungsminister zu Guttenberg verkörpert, nämlich der gefühlte Antifunktionär, Erfolg haben wird. Die erfolgreiche politische Sozialisation der Zukunft – das Experiment ist eröffnet.

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