Zerbrechlichkeit des Lebens

In „Hereafter – Das Leben danach“ widmet sich Regisseur Clint Eastwood auf zurückhaltende Art verschiedenen Erfahrungen mit dem Tod. Von José García
Foto: Warner Bros. | Auf der Londoner Buchmesse kreuzen sich die Wege der Journalistin Marie Lelay (Cécile de France) und des „Mediums“ George Lonegan (Matt Damon).
Foto: Warner Bros. | Auf der Londoner Buchmesse kreuzen sich die Wege der Journalistin Marie Lelay (Cécile de France) und des „Mediums“ George Lonegan (Matt Damon).

Das in der mittelalterlichen Kunst häufig anzutreffende Glücksrad („Rad der Fortuna“) stellt ein Sinnbild für die Vergänglichkeit des Glücks, aber auch allgemein für die Zerbrechlichkeit des irdischen Lebens dar: Wer noch heute König ist, steht schon morgen ohne Land und bloß da. Ob Clint Eastwood an solche Darstellungen explizit gedacht haben mag, als er seinen Spielfilm „Hereafter – Das Leben danach“ drehte, sei dahingestellt. In einigen Szenen darin erkennt man jedoch als Zuschauer ohne weiteres eine solche Übereinstimmung, so etwa als die noch ein paar Monate zuvor gefeierte französische Fernsehjournalistin Marie Lelay (Cécile de France) zugunsten einer Jüngeren nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern auch den „Thron“ der Werbungs-Königin räumen muss.

„Hereafter – Das Leben danach“ handelt zum größten Teil denn auch von der Fragilität des Lebens: Marie wird von der riesigen Tsunami-Welle mitgerissen, die einen Strand in Indonesien überflutet. Im Gegensatz zu den Hunderttausenden, die (zu Weihnachten 2004) am Indischen Ozean unter den Riesenwellen ums Leben kamen, war die französische Journalistin zwar nahe daran, aber sie überlebte. Das Nahtoderlebnis hat Marie aber so traumatisiert, dass sie von ihrem Arbeitgeber und Geliebten gedrängt wird, sich eine Auszeit zu nehmen. Die Journalistin sucht das Gespräch mit der Leiterin eines Alpenhospizes in der Schweiz. Mit dem von ihr zur Verfügung gestellten Material wird sie ein Buch über Nahtoderlebnisse schreiben, in das ihre persönliche Erfahrung einfließt.

Suche nach Erlösung ist das Motiv der Handlung

Im fernen San Francisco wagt George Lonegan (Matt Damon) einen Neuanfang: Vor Jahren hat er als Medium den Kontakt mit Verstorbenen hergestellt. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Billy, der Georges Begabung unternehmerisch nutzen möchte, fasst der einfache Mann mit ausgeprägter Bewunderung für Charles Dickens seine Fähigkeit jedoch nicht als Gabe, sondern als Fluch auf, der keine normale Beziehung zu anderen Menschen eingehen lässt. Deshalb entschied sich George, keine Sitzungen mit dem Jenseits mehr abzuhalten und stattdessen eine einfache Arbeiter-Stelle am Hafen anzunehmen.

Ein dritter Handlungsstrang spielt sich in einem Londoner Armenviertel ab, wo die Zwillinge Jason und Marcus (Frankie und George McLaren) als eingespieltes Team die Jugendamts-Vertreter an der Nase herumführen, damit sie nicht ihrer heroinabhängigen Mutter weggenommen und in eine Pflegefamilie gebracht werden. Als Jason auf der Flucht vor ihn drangsalierenden Jugendlichen von einem Lieferwagen erfasst wird und auf der Stelle stirbt, sucht Marcus verzweifelt nach einer Möglichkeit, mit dem 12-minütigen älteren Bruder, der ihm immer ein Vorbild war, Kontakt aufzunehmen. Dieser Erzählstrang stellt sich nicht zuletzt als besonders herzbewegend heraus, weil die 12-jährigen Zwillingsbrüder Frankie und George McLaren Marcus' Sehnsucht nach dem toten Bruder mit reduzierter Mimik und tieftraurigem Blick so wahrhaftig verkörpern, dass die Figur dem Zuschauer im Gedächtnis bleibt.

Das Drehbuch von Peter Morgan, der für seine Originaldrehbücher in „Die Queen“ (2006) und „Frost/Nixon“ (2008) jeweils für den Oscar nominiert wurde, lässt diese drei Episoden fast die ganze Filmzeit einfach parallel laufen. Trotz der konstruierten Art und Weise, mit der sie erst gegen Ende vereinigt werden, und insbesondere auch trotz des aufgesetzten „Happy Ends“ überzeugt Clint Eastwoods Inszenierungsstil. Nicht nur die klaren Bilder seines Haus-Kameramanns Tom Stern gehören dazu, sondern ebenso die Liebe zum kleinsten Detail. Ob nun eng mit dem „Memento mori“-Sujet zusammenhängende, eindringliche Aufnahmen etwa im Alpenhospiz, oder eher davon losgelöste Einstellungen wie die Körpersprache ihres einstigen Geliebten, die Marie verdeutlicht, dass sich für sie „das Rad gedreht hat“: In ihrer Orientierung am klassischen Hollywood zeugen solche Bilder von äußerster Genauigkeit und Reinheit. Unterstützt werden sie von einem von Clint Eastwood selbst komponierten, zurückhaltenden Soundtrack.

Genauso wenig wie die Filmmusik aufs Überwältigen setzt, möchten Drehbuchautor Peter Morgan und Regisseur Clint Eastwood den Zuschauer bevormunden, ihm gar eine eigene Sicht des „Lebens danach“ aufzwingen. Deshalb die eher dezenten Bilder etwa der Nahtod-Erfahrung Maries oder der Kontaktaufnahmen Georges und vor allem die Suche nach Erlösung, die sich als die wahre Triebfeder in den drei Erzählsträngen herausstellt. Für eine leise Öffnung zur Transzendenz mag die Haltung der Schweizer Wissenschaftlerin (Marthe Keller) stehen, die sich zwar als einst atheistisch betitelt, aber nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit solchen Phänomenen die Beweislage als „unwiderlegbar“ bezeichnet.

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