Zeitlose Schönheit russischer Andachtsbilder

Eine altehrwürdige Tradition der religiösen Malerei – Der Palazzo Braschi in Rom zeigt Ausstellung „Gebet und Barmherzigkeit“ mit 36 Ikonen. Von Natalie Nordio
Foto: Museum | Russische Ikone aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Die Russische Botschaft am Heiligen Stuhl und der Souveräne Malteserorden haben sich gemeinsam für das Vorhaben stark gemacht und die Schirmherrschaft für die Ausstellung übernommen. Das nicht ohne Grund, denn mit der Ausstellung wollen Botschaft und Orden ein sichtbares Zeichen der erfolgreichen diplomatischen Beziehungen Russlands zu den Maltesern setzen, die nun mehr seit fünfundzwanzig Jahren bestehen.

Unter dem Titel „Preghiera e Misericordia“, „Gebet und Barmherzigkeit“, zeigen Teile des Palazzo Braschi seit dem 10. Oktober 36 Ikonen. In das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert datierbar, zeigen die Werke einen Ausschnitt aus der Geschichte dieser traditionsreichen und altehrwürdigen Kunst der religiösen Malerei, der vor allem in der orthodoxen Kirche eine ganz besondere Rolle zukommt. Denn Ikonen sind nicht einfache Dekoration, sondern vielmehr wichtiger Bestandteil der orthodoxen Spiritualität.

Doch schon der Ausstellungsort, unmittelbar an der Piazza Navona, ist voll an Geschichte und bereits einen Besuch wert. Denn der Palazzo Braschi ist einer der letzten von einem Papst und seiner Familie erbauten Paläste in Rom. Auf Wunsch Pius VI., Giovanni Angelico Braschi, wurde im ausgehenden achtzehnten Jahrhundert mit dem Abriss des Vorgängerbaus, des Palazzo Orsini, begonnen. Unter Leitung des Neffen von Pius VI., Luigi Braschi Onestis, entstand mit finanzieller Unterstützung des Papstes der neue Familiensitz. Während der französischen Besatzung von den Truppen Napoleons seiner Kunstwerke beraubt, verkauften die Erben den Palast 1871 an den italienischen Staat und er diente kurzzeitig als Innenministerium. Auch während des Faschismus beherbergte das Gebäude unterschiedliche Einrichtungen, bis es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schließlich ab 1952 zum städtischen Museum wurde. Nach langen Restaurierungsarbeiten ist der Palazzo Braschi seit 2010 wieder für das Publikum geöffnet.

Mit dem Moskauer Andrei-Rublev Museum für frühe russische Kunst und dem von Mikhail Abramov gegründeten Museum der russischen Ikonen in Moskau, konnten die Verantwortlichen zwei der wichtigsten und berühmtesten musealen Einrichtungen für Ikonen-Malerei für das Projekt gewinnen. Unter der Leitung von Lilija Evseeva, Fachfrau für Ikonenmalerei und Leiterin der Forschungsabteilung des Andrei-Rublev Museum, ist es dem Expertenteam gelungen, eine ganz besondere Ausstellung auf die Beine zu stellen. So kommen die Besucher in den Genuss eines bisher noch nie der Öffentlichkeit präsentierten Werks des russischen Künstlers Wladimir Jewgrafowitsch Tatlin.

Der 1953 in Moskau verstorbene Tatlin gehörte der russischen Avantgarde an und zählt mit seinen zum Teil dreidimensionalen Arbeiten zum Konstruktivismus im Russland des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Die gezeigte Arbeit „Komposition mit transparenten Oberflächen“ entstand 1916 und entstammt einer Privatsammlung. Das Werk mit goldenem Grund und übereinandergelegten geometrischen Farbflächen fällt in die Phase der sogenannten Bild- und Konterreliefs im künstlerischen Schaffen Tatlins. Ein anderer künstlerischer Leckerbissen für Liebhaber der modernen Kunst ist die Skulptur des 1960 in Moskau geborenen Dmitri Gennadjewitsch Gutow aus dem Jahr 2012. Die gesamte Skulptur ist als eine Art Mobile aus Metall gestaltet und von einem Rahmen eingefasst. In den Rahmen eingeschrieben ist Maria, die ihre Arme zum Gebet nach oben ausgebreitet hat. Wie in der klassischen Ikonenmalerei typisch, ist auch in Gutows moderner Ikone die Gottesmutter frontal von vorne gemeinsam mit dem Jesuskind zu sehen.

Das Herzstück der knapp vierzig Ausstellungstücke sind jedoch die Jesus- und Marien-Ikonen. Mit der Gottesmutterikone von Tichwin aus dem späten siebzehnten Jahrhundert und der Madonna Hodegetria von Šuja zeigt die Ausstellung zwei klassische, aber besonderes schöne Beispiele von Maria mit dem Gottessohn. Das siebzig auf sechzig Zentimeter große Bildwerk der Madonna Hodegetria von Šuja zeigt die Jungfrau in inniger Umarmung mit dem Jesuskind. Zu beiden Seiten des Paars erscheinen drei Heilige, die Mutter und Sohn betend Ehre erweisen. Daneben zeigt die Ausstellung Ikonen, die das Leben Jesu illustrieren, ebenso wie Bildwerke von russischen Heiligen oder die Darstellung von Wundern, wie sie dem Erzengel Michael oder dem heiligen Georg, dem Drachentöter, zugeschrieben werden. Es ist aber vor allem diese zeitlose und unvergängliche Schönheit, die den ganz besonderen Reiz dieser Bildwerke ausmacht. Denn die Ikonen haben es gar nicht nötig, irgendeinem Trend oder Schönheitsideal nachzueifern, wie es in der westlichen Kunst in gewisser Weise von Epoche zu Epoche zu beobachten ist, sondern bleiben ihrem Stil treu. So hat sich die Malweise der Ikonen in den letzten Jahrhunderten so gut wie nicht verändert. Noch heute laden sie den Betrachter dazu ein, einen Augenblick still im Gebet vor ihnen zu verweilen. Wenn ihr Anblick den einen oder anderen Besucher noch ein wenig barmherzig stimmt, hat die Ausstellung ihr Ziel mehr als erreicht.

Noch bis 3. Dezember können Besucher im Palazzo Braschi in diese stille, kontemplative und ganz intime Welt der russischen Ikonen abtauchen.

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