Worin besteht die Natur des Menschen?

Ein philosophischer Arbeitskreis hat nach den universalen Kriterien des Menschlichen gefragt

„Natur“ – was bedeutet dieser Begriff? Das Umgebende, die Umwelt, die biologische Ausstattung oder das Wesen von etwas oder jemandem? Eine philosophische Begriffsklärung, eine Selbstverständigung tut hier Not. Die Positionen in dieser Debatte sind sehr weitreichend: vom naturalistischen Materialismus, der beispielsweise Personen auf Zellhaufen reduzieren will, auf der einen Seite bis zu einer metaphysisch-essenzialistischen Sichtweise, die den Menschen als vernunftbegabtes Lebewesen sieht, auf der anderen Seite. Maßgabe des Natürlichen ist dabei das Vernünftige. Wie dringlich eine theologische, aber auch eine philosophische Analyse des Naturbegriffs ist, zeigen auf der politischen Ebene die immer weiter reichenden Entscheidungen bezüglich der erlaubten Forschung in der humanen Zellbiologie in den letzten Jahren. Einen vorläufigen Höhepunkt markiert die Freigabe der Herstellung von Mensch-Tier-Chimären zu therapeutischen Zwecken durch das britische Unterhaus.

Naturrecht gründet in Vernunft

Über die zentrale Frage „Universale Kriterien des Menschlichen? Natur und Naturrecht“ diskutierten kürzlich dreizehn namhafte Philosophen in der Thomas-Morus-Akademie in Bensberg bei Köln. Neben den bioethischen Debatten war es vor allem das Gespräch zwischen dem damaligen Kurienkardinal Ratzinger und Jürgen Habermas in der Katholischen Akademie in Bayern im Januar 2004, das der Konferenz zu ihrem Thema verhalf: Joseph Kardinal Ratzinger hatte damals für das Naturrecht plädiert, aber „unter Verzicht, vielleicht unter einstweiligem Verzicht auf den Begriff Natur“, da dieser Begriff „stumpf“ geworden sei und seine objektivierende Kraft verloren habe. Robert Spaemann hatte sich seinerzeit direkt gegen diese Auffassung gewandt: Mit dem Verzicht auf den Naturbegriff verliere man in der Diskussion den jeweils spezifizierenden Begriff in Bezug auf unterschiedliche Seinsformen oder Lebewesen. Die Diskussion werde dann konturlos: Ohne Unterschied steht Materie neben Person auf gleicher Stufe. In theologischen Kreisen ist diese Problematik seither häufig thematisiert worden. Mit der Studienkonferenz „Universale Kriterien des Menschlichen? Natur und Naturrecht“ haben sich nun erstmals auch Philosophen in die Debatte eingeschaltet.

Die Bensberger Veranstaltung war zugleich das zweite Treffen eines philosophischen Arbeitskreises, der sich im vergangenen Jahr unter der Leitung von Hanns-Gregor Nissing, Referent der Thomas-Morus-Akademie, konstituiert hat, um öffentlich Themen zu diskutieren, die im Bereich von Vernunft und Glaube angesiedelt sind. Eine Besonderheit dieses Kreises liegt darin, dass mit Vertretern unterschiedlicher Richtungen der philosophischen Tradition (Antike, Mittelalter, Neuzeit und Gegenwart) zugleich verschiedene Generationen von Wissenschaftlern und verschiedene Stile des Philosophierens (sprachanalytische, hermeneutische, scholastische, transzendentalphilosophische und literaturwissenschaftliche Richtungen) zusammenkommen, um über die Grenzen der eigenen „Schule“ hinweg zu philosophieren. Die Ergebnisse des ersten Treffens liegen mittlerweile im Band „Vernunft und Glaube. Perspektiven gegenwärtiger Philosophie“ (München 2008) vor.

Im Hinblick auf das Thema Natur und Naturrecht ist es, so Nissing, gerade die Philosophie, der eine vermittelnde Schlüsselrolle zufällt. Entsprechend lauteten die beiden Leitfragen der Tagung: Erstens: In welchen Bereichen spielt der Naturbegriff in der Gegenwart eine Rolle? Zweitens: Wie ist der Naturbegriff definitorisch zu bestimmen?

Der Paderborner Philosophieprofessor und Herausgeber der Josef-Pieper-Werkausgabe, Berthold Wald, unterschied im einleitenden Vortrag zwischen dem Wesen des Menschen, das durch die Vernunftbegabung gekennzeichnet ist und alle Menschen in gleicher Weise auszeichnet, und seiner Verfassung, die wandelbar ist. „Natur“ muss daher stets analog gebraucht werden – die Natur des Menschen ist eine andere als die des Tieres – nicht univok, in gleicher Weise für alle Lebewesen. Ausgehend von Aristoteles und weitergeführt bei Thomas von Aquin ergibt sich folglich eine Verknüpfung des Natürlichen mit dem Vernünftigen. Hier setzt das Naturrecht an. In der Natur finden sich Strukturen wieder, die durch die menschliche Vernunft erkennbar sind und Maßgaben für das jeweilige Handeln liefern. Dieses Handeln steht dann nicht im Widerspruch zum menschlichen Wesen. Zwar wird hier durchaus aus Sein ein Sollen abgeleitet, doch der bei Hume kritisierte „naturalistische Fehlschluss“, aus Sein ein Sollen abzuleiten, wird vermieden: Dies geschieht dadurch, dass nicht ein beliebiger Ist-Zustand willkürlich gerechtfertigt wird, sondern die menschliche Natur, das Wesen des Menschen, Grundlage von handlungsleitenden normativen Systemen wird. Dieser Grundgedanke des Naturrechts wird aus der Tradition europäischen Denkens in der Neuzeit wieder aufgenommen, so Berthold Wald.

Norbert Fischer von der Katholischen Universität Eichstätt ging in seinem Beitrag „Natur, Freiheit und Gnade“ auf die Freiheitsproblematik ein. Trotz der Vorgaben der Gnade muss, Augustinus zufolge, sich der Mensch im Leben in freiem Handeln bewähren. In unserer Freiheit sind wir immer auf Gnade verwiesen, aber der Mensch braucht den freien Willen, um gut leben zu können (De civitate Dei, V, 10). Für Immanuel Kant, den Fischer systematisch eng mit Augustinus verknüpft sah, ist die menschliche Freiheit die Bedingung der Möglichkeit des sittlichen und guten Handelns. Nur der freie Wille kann ein guter sein, wie Kant in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ (1785) deutlich macht. Doch warum scheitert der Mensch so oft in seiner Absicht, gut zu handeln? Warum variieren wir unser Handeln so oft, bis wir bald selbst nicht mehr wissen, was wir tun oder lassen sollen?

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Religionsphilosophin an der TU Dresden, ging in ihrem Vortrag „Fließende Identität?“ auf die Schwierigkeiten ein, die sich einer Bestimmung der menschlichen Natur vor dem Hintergrund von Somatismus und Gender-Philosophie stellen. Ersterer stellt in radikaler Weise den Körper, nicht die Person, in den Mittelpunkt, beispielsweise in der modernen Kunst: Der Körper wird selbst Kunstgegenstand und entsprechend „gebraucht“, bis hin zur Qual. Der Mensch wird in seinem Körper zur Software, die immer neu überspielt werden kann. Ziel der Gender-Philosophie ist es dagegen, den Geschlechtsunterschied einzuebnen. Während letztere, vertreten durch Judith Butler, zu einer Atomisierung der Gesellschaft und zu einer Überindividualisierung neigt, hat ersterer die Konsequenz, das jeweils Eigene der weiblichen Welt hervorzuheben und dafür kulturell und politisch Raum zu schaffen. Frauen und Männer, so etwa die Lacan-Schülerin Luce Irigaray, können sich letztlich nicht verstehen; sie leben, reden und denken aneinander vorbei. Ganz das Natürliche und damit das Vernünftige vernachlässigend, werden hier Normen gesetzt oder umgestürzt, ohne das Wesen des Menschen als Mann und Frau zu achten. Somatismus und Genderismus verfehlen also beide bei weitem die Natur des Menschen, wobei zugestanden werden muss, dass das jeweilige Geschlecht nicht zum Wesen des Menschen, sondern eher zur menschlichen Naturausstattung gehört.

Ganz durch das aristotelisches Denken fundiert arbeitete Horst Seidl (Lateran-Universität, Rom) den Zusammenhang zwischen Evolution, Naturfinalität und Schöpfung heraus. Durch die Erstursache, den unbewegten Beweger, den Aristoteles im XII. Buch seiner Metaphysik „Gott“ nennt, entwickeln sich Lebewesen ihrem Wesen nach in zielgerichteter Art und Weise. Die Möglichkeit, die in einem Wesen angelegt ist (dynamis), entwickelt sich zu ihrem Ziel und gelangt dadurch ontologisch zu ihrer wesensgemäßen, also vernunftbestimmten, Verwirklichung (energeia). Christliches Denken erweitert diesen aristotelischen Ansatz um den liebenden und vorausschauenden personalen Schöpfergott, der die Entfaltung von der Möglichkeit zur Verwirklichung durch sein Schaffen ins Werk setzt. Naturwissenschaftliche Forschung bleibt, so Seidl, im Fragen nach der Erstursache stehen. So wird nur der Prozess der Evolution gesehen, der nach Maßgabe des Zufalls vor sich geht, ohne die Annahme der Naturteleologie. Das Materielle bleibt hier ohne innere, zielgerichtete Struktur. Die Philosophie fragt hier weiter und kann der Naturwissenschaft ergänzend zu Hilfe kommen.

Auf die kontroverse Debatte um das Naturrecht in der Zeit der Aufklärung und des Idealismus bei Kant, Schelling und Hegel machte Holger Zaborowski von der Catholic University of America in Washington D.C. aufmerksam. Obwohl doch Einigkeit über die Vernünftigkeit der Natur bestehen müsste, zerfalle die Naturrechtsdebatte mehr und mehr, da auch der Naturbegriff in der Neuzeit offensichtlich kontrovers bleibt.

Die Person steht im Mittelpunkt

Das bleibende Erbe der Naturrechtstradition in der Philosophie des 20. Jahrhunderts erkannte Zaborowski unter anderem in der Philosophie von Hans Jonas. Jedoch spricht Jonas nicht von „Naturrecht“, sondern von „Verantwortung“. Das Individuum findet in seiner Natur offensichtlich objektive Gründe für seine Pflichten: Der Mensch erkennt, was er aus Freiheit tun soll. Der jüdische Denker Jonas gelangt so zu einer Philosophie des Lebendigen und der Verantwortung, die maßgeblich für das menschliche Zusammenleben, aber auch für den Umgang mit der Umwelt ist. Robert Spaemann charakterisiert in ähnlicher Weise die Natur als „erinnerte Freiheit“: also das zu werden, was man wesensgemäß immer schon ist.

Den Schlusspunkt der Tagung setzte Eduard Zwierlein von der Universität Koblenz-Landau mit seinem Vortrag über „Objekt ohne Maß“. Angesichts des maßlosen Fortschreitens in der Forschung mit embryonalen Stammzellen sprach sich Zwierlein für eine Epoché, eine Enthaltung, aus. Ohne das Wesen des Menschen voreilig zu bestimmen, soll damit ein neuer Überblick über die wissenschaftliche Entwicklung der letzten Jahre gewonnen werden. Der Mensch sei, so Zwierlein, eine große Frage, eine magna quaestio in Anlehnung an Augustinus, die der Mensch aus sich her-aus nicht beantworten kann, da dies seinen eigenen Bezugsrahmen bei weitem übersteigt. Mit Rücksicht auf diese Unbegreiflichkeit des Menschlichen soll der Mensch sich der immer weiter fortschreitenden Forschung enthalten, um sich und seine Existenz letztlich nicht selbst zu gefährden. Doch werden von naturalistischem Menschbild und utilitaristischem Denken geprägte Naturwissenschaftler diesen Rückschritt wagen? Skepsis ist hier angebracht.

Will man universale Kriterien des Menschlichen finden, um das Naturrecht zu stützen und den Menschen vor unumschränkter Forschung zu schützen, ist eine Rückbesinnung auf das Wesen des Menschen als vernünftiges und freies Wesen, das Person ist, unumgänglich. Aus dieser vernunftgegründeten Natur des Menschen leiten sich Maßgaben des rechten Handelns ab, die weder gegen die Vernunft noch gegen die Natur des Menschen und anderer Lebewesen stehen. Eine philosophische Selbstverständigung über den Naturbegriff ist in heutiger Zeit dringlicher denn je, um durch Fortschritt nicht mehr zu verlieren als zu gewinnen.

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