Wo Traum und Wirklichkeit verschmelzen

Auf der Leipziger Buchmesse präsentiert Serbien seine Literatur mit einer Fülle neuer Übersetzungen. Von Matthias Jacob
Foto: IN | Unter den serbischen Schriftstellern ist selbst der Nobelpreisträger von 1961 nur wenigen bekannt: Ivo Andriæ.
Foto: IN | Unter den serbischen Schriftstellern ist selbst der Nobelpreisträger von 1961 nur wenigen bekannt: Ivo Andriæ.

Serbien hat man noch vor kurzer Zeit vor allem mit Diktatur, Krieg und Gräueltaten gleichgesetzt. Seit diesem März ist die serbische Literatur für drei Tage Schwerpunktthema der Leipziger Buchmesse. Das Land nutzt die Chance, sich von seiner besten Seite zu präsentieren und trumpft mit einem Rekord auf: Nie zuvor gab es mehr Übersetzungsprojekte zu einem Länderschwerpunkt. Fast dreißig serbische Bücher sind erstmals in deutscher Sprache erschienen und vermitteln einen Einblick in Themen und Tendenzen der Gegenwartsliteratur dieses südosteuropäischen Landes, dessen Schriftsteller in Deutschland – abgesehen von wenigen Ausnahmen wie dem Nobelpreisträger Ivo Andriæ – kaum bekannt sind. Dabei gäbe es auch für deutschsprachige Leser viel Neues zu entdecken. Denn Serbien hat eine lange literarische Tradition, deren Anfänge auf das altserbische Reich im zwölften Jahrhundert zurückgehen.

Schreiben im Vielvölkerstaat und Nationalismus

Damals entstanden unter byzantinischem Einfluss Hagiographien und Herrscherbiographien. Nach der osmanischen Eroberung Serbiens von 1389 bis 1521 war das Land von der weiteren süd- und mitteleuropäischen Entwicklung isoliert. Nur in der mündlich überlieferten Volksdichtung konnte sich eine serbischsprachige Poesie entfalten, die zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts – wie in ganz Europa – die Literatur der Romantik prägte und das nationale Bewusstsein der Serben in ihrem Kampf um die Befreiung von der Osmanenherrschaft (1830–1878) stärkte. Zu den großen Bewunderern serbischer Heldenepik und Liebeslieder gehörte Jakob Grimm. Johann Wolfgang von Goethe lobte die serbische Volkspoesie als „geistreich, scherzhaft, anmutig“ und übertrug mit Hilfe einer französischen Übersetzung den südslawischen Klagegesang von der edlen Frauen des Asan Aga ins Deutsche. Folkloristische Elemente prägten noch die Gesellschaftsromane und Dorfnovellen des serbischen Realismus, der sich unter russischem Einfluss entwickelte. Aber mit der Wende zum 20. Jahrhundert öffnete sich die Literatur Serbiens dem französischen Symbolismus und den anderen modernistischen Strömungen Westeuropas und Amerikas. Nur vorübergehend orientierte sich die serbische Literatur nach dem zweiten Weltkrieg an den starren Regeln des sozialistischen Realismus. Schon bald nach dem Bruch Titos mit Stalin (1948) wandten sich zahlreiche Schriftsteller Serbiens experimentierfreudigeren Ausdrucksformen zu. Nach dem Tod Titos (1980) setzte mit den Unabhängigkeitsbestrebungen der jugoslawischen Teilrepubliken eine Politisierung der serbischen Gesellschaft ein. Viele nationalistische Autoren patriotischer Literatur folgten nun traditionellen realistischen Erzählweisen, während oppositionelle Schriftsteller die postmodernen Verfahren der Desillusionierung und Verfremdung bevorzugten.

Unterschiedliche Stilrichtungen prägen auch die aktuelle serbische Gegenwartsliteratur. Ebenso vielfältig ist die Palette der Themen: Sie reicht von der Aufarbeitung traumatischer Erfahrungen (Jugoslawienkriege, Zusammenbruch des kommunistischen Gesellschaftssystems) über das Aufzeigen der Gefahren, die Nationalismus und ideologische Verblendung bergen, bis zu postmodernen phantastischen Erzählungen, in denen erfundene und erlebte Wirklichkeit kaum zu trennen sind.

Die Absurdität der Geschichte ist das Thema des Prosabands „Im Ministerium für Mamas Angelegenheiten. Geschichten über alle möglichen Gewerbe“ (Aus dem Serbischen von Katharina Wolf-Grießhaber, Folio Verlag) von der 1932 geborenen Bora Æosiæ, der Komik und tiefe Melancholie vereint und einen bitter-ironischen Blick auf „Kriege, Revolutionen und andere allgemeinmenschliche Ereignisse“ in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wirft.

Als wehmütiger Abgesang auf den Vielvölkerstaat Jugoslawien liest sich der Roman „Mein lieber Petroviæ“ (Aus dem Serbokroatischen von Jelena Dabiæ und Mascha Dabiæ) von Milovan Danojliæ (geb. 1938). Das Buch handelt von der Erfahrung des Exils. Der Protagonist mit dem sprechenden Namen Mihailo Putnik („Reisender“) schreibt zehn Briefe an seinen „lieben Freund“ Petroviæ, der wie er selbst Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen hatte und nach Amerika ausgewandert war. Im fortgeschrittenen Alter kehrte Putnik nach Serbien zurück und musste feststellen, dass ihm seine einstige Heimat fremd geworden ist. Was ihm früher lieb und teuer war, wirkt nun provinziell und verstaubt. Mit erstaunlich lyrischer Sprache berichtet Vladimir Pištalo (geb. 1960) in dem Roman „Millenium in Belgrad“ (Aus dem Serbischen von Brigitte Döbert. Edition Balkan, Dittrich), wie es zu dem Krieg zwischen den ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken kam. Die Handlung beginnt 1980. Während im Fernsehen die Übertragung der nationalen Trauerfeier für Präsident Tito läuft, betrinken sich einige befreundete Jugendliche beim Anblick der ergriffenen Menge und kommentieren die Szenen mit Spott und derben Zoten. Der einstige „Volksheld“ interessiert sie nicht mehr, sie hoffen auf bessere Zeiten. Aber schon bald wird auch ihre Freundschaft und Liebe von der allgegenwärtigen Feindseligkeit auf die Probe gestellt.

Sicher hatte Sreten Ugrièiæ (geb. 1961) mit seiner Anti-Utopie „An den Unbekannten Helden“ (Roman. Aus dem Serbischen von Maša Dabiæ, Edition Balkan, Dittrich Verlag), in der er das Schreckensbild eines totalitären Staates entwirft, auch das Miloševiæ-System im Blick. Aber diese Allegorie auf Serbien lässt sich auf alle Gesellschaften übertragen, die vom Virus des Nationalismus infiziert sind. Ugrièiæ entlarvt die Menschenverachtung repressiver Ideologien, die selbst die Kultur und Literatur zur Sklaven ihrer Interessen macht.

Vom Identitätskonflikt der Menschen im Spannungsfeld verschiedener Religionen und Kulturen handelt der historische Roman „Hamam Balkanija“ (Aus dem Serbischen von Angela Richter, Edition Balkan, Dittrich; Frühjahr 2011) von Vladislav Bajac (geb. 1964). Das Thema spiegelt sich im komplizierten Wechsel der Erzählperspektiven, die zwei historische Zeitebenen miteinander verknüpfen: das Osmanische Reich des 16. Jahrhunderts und die unmittelbare Gegenwart.

Als besonderer multikultureller Raum rückte die Vojvodina neuerdings durch das preisgekrönte Buch „Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadja Abonji in das Interesse deutschsprachiger Leser. Einer der großen Autoren dieser Region ist – neben Danilo Kiš und Aleksandar Tišmar – László Végel (geb. 1941), der als Angehöriger der ungarischen Minderheit in Novi Sad lebt. In seinem Essayband „Novi Sad. Eine Stadt am Rande Europas – Essay“ (Aus dem Ungarischen von Laszlo Kornitzer, Suhrkamp) hat er der Stadt an der Grenze zwischen Mitteleuropa und dem Balkan ein Denkmal gesetzt.

Um die eigene Kindheit in der Vojvodina kreisen die 65 Kurzgeschichten, die Dragan Aleksiæ (geb. 1958) in seinem Buch „Vorvorgestern. Geschichten, die vom Glück handeln“ (Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann, Mattes&Seitz) versammelt. Aleksiæ erzählt in knappen, skizzenhaften Texten, bildhaft und präzis vermeintlich unwesentliche Episoden aus Erlebnissen eines Kindes beim Einkaufen, Spazierengehen, bei Kutschfahrten oder bei Streifzügen durch die Nachbarschaft. Seine Erinnerungen an das Geräusch des Holzhobels seines Vaters oder den Duft des Fliederstrauchs nach einem Regenguss entführen den Leser in eine Zeit, als in Jugoslawien verschiedene Völker noch scheinbar problemlos nebeneinander lebten.

In dem Roman „Die Villa am Rande der Zeit“ von Goran Petroviæ (Aus dem Serbischen von Susanne Böhm-Milosavljeviæ, Deutscher Taschenbuchverlag) sind Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit untrennbar miteinander verschmolzen: Der Roman spielt in Belgrad zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und beschreibt, wie ein Leser bei der Lektüre eines Romans plötzlich selbst zu einer Figur dieses Romans wird und dort auch anderen Lesern „begegnet“. Goran Petroviæ (geb. 1961) entwirft in seiner phantastischen Erzählung eine imaginierte Parallelwelt, die realer erscheint als die empirische „Wirklichkeit“. In postmoderner Manier spielt er mit den unterschiedlichen Ebenen des Faktischen, Fiktionalen und Imaginierten und thematisiert die Macht der Phantasie, die den Leser zum Mitschöpfer beziehungsweise Co-Autor des Buches macht.

Lyrik zwischen Gegenwart und kulturellem Gedächtnis

„Der unmögliche Roman“ (Aus dem Serbokroatischen von Margit Jugo und Astrid Philippsen, DuMont Buchverlag) von Zoran Živkoviæ (geb. 1948) besteht aus Geschichten, in denen literarische Figuren mysteriösen Besuch bekommen und das Angebot, eine Reise in die Zukunft zu unternehmen. Andere können in die Vergangenheit reisen, um frühere Entscheidungen zu revidieren und ihrem Leben eine andere Wendung zu geben. Mit äußerster Raffinesse und elegantem Stil versteht es Živkoviæ, die Spannung seiner Erzählung aufrechtzuerhalten und seine Leser immer weiter in eine ganz eigene phantastische Welt zu entführen.

Serbische Lyriker sind in Deutschland – abgesehen von wenigen Dichtern wie Vasko Popa – nahezu unbekannt. In zwei neuen Anthologien kann man nun Gedichte aus Serbien kennenlernen: Der Hamburger Slawist Robert Hodel hat den zweisprachigen Band „Hundert Gramm Seele. Serbische Poesie aus einem halben Jahrhundert“ (Leipziger Literaturverlag) herausgegeben, der Texte von Dichterinnen und Dichtern enthält, die zwischen 1940 und 1960 geborenen sind. Einen Einblick in neueste Tendenzen der Gegenwartslyrik Serbiens bietet Dragoslav Dedoviæ mit dem Gedichtband „Ulaznica/ Eintrittskarte. Panorama der neueren serbischen Poesie“ (Drava), der so unterschiedliche Autoren versammelt wie die 1974 geborene Milena Markoviæ und Maja Solar (1980) mit essayistisch-narrativen Gedichten, die aktuelle Themen aufgreifen, und den 1975 geborenen Alen Besiæ mit assoziativ-vieldeutigen Gedichten, die einer Poetik des kulturellen Gedächtnisses verpflichtet sind.

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