Wo Roms Kaiser zu Hause waren

Frisch restauriert und wieder zu betrachten: Auf dem Palatin wohnte in der Antike die regierende Klasse. Das hat besonders in der Wandmalerei bis heute prachtvolle Spuren hinterlassen. Von Natalie Nordio
Foto: Nordio | Zwischen diesen Wänden hat Kaiser Augustus wohl studiert: Das „Cubicula“ der „Casa di Augusto“ auf dem Palatin.
Foto: Nordio | Zwischen diesen Wänden hat Kaiser Augustus wohl studiert: Das „Cubicula“ der „Casa di Augusto“ auf dem Palatin.

Weit in der Vergangenheit liegen die Wurzeln des Palatin, des ersten und wichtigsten der sieben Hügel Roms. Rund dreißig Meter hoch erhebt er sich zwischen dem Tal des Forum Romanum im Norden und der Senke des Circus Maximus im Süden. An allen Ecken und Enden wurde in den letzten Jahren an diesem geschichtsträchtigen Ort fleißig gearbeitet. Weite Teile waren und sind noch durch Bauzäune abgesperrt oder von Planen und Brettern abgeschirmt. Doch die jüngste Ausgrabungs- und Restaurierungsphase trägt erste Früchte.

Die Geschichte des Palatins beginnt mit der Geschichte Roms. Hier oben soll laut dem berühmten Gründungsmythos der junge Romulus, nachdem er seinen Zwillingsbruder Remus bei einer Vogelschau besiegt hatte, im Jahre 753 vor Christus Rom gegründet und die Stadt als erster König regiert haben. Spuren erster Siedlungen reichen jedoch sogar in die Zeit vor Romulus bis in das zehnte vorchristliche Jahrhundert zurück. Das eigene Museum auf dem Hügel, das „Antiquario del Palatino“, zeigt anhand ausgewählter Exponate und Fundstücke einen Querschnitt durch alle Zeiten hindurch: von der Eisenzeit bis zu den römischen Kaisern. Nach einer mehr als dringend benötigten Generalüberholung und längeren Schließung ist das Museum seit dem 20. September wieder geöffnet.

Ab dem dritten Jahrhundert vor Christus wurde auf dem Hügel mit dem Bau einiger Tempel begonnen, von denen heute jedoch kaum etwas erhalten ist. Vor allem seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert avancierte der Palatin für die römische Aristokratie zu einer Art Fifth Avenue der Antike, einem Luxusviertel mit prächtigen Villen und kostbar ausgestatteten Palästen. Es ist also kaum verwunderlich, dass das deutsche „Palast“ ebenso wie das italienische „palazzo“, das englische „palace“ oder das französische „palais“ ihren Ursprung im Wort Palatin haben. Neben dem berühmten Redner und Philosoph Cicero oder dem für seinen unermesslichen Reichtum bekannten Crassus besaß ein jeder, der etwas auf sich hielt, hier ein Anwesen. Man wollte schlichtweg an jenem Ort wohnen, an dem die Stadt gegründet worden war. Archäologen haben während Ausgrabungen im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert an der Südwestseite des Palatins Reste einer archaischen Hütte entdeckt, die bereits in der Antike von den Römern als Behausung des Romulus angesehen und als solche einem Heiligtum gleich verehrt worden war.

In die Reihe der illustren Hügel-Bewohner reiht sich kein geringerer als Gaius Octavius, der als Kaiser Augustus in die Geschichte eingehen wird. Als erster Regent bewohnte Augustus den Palatin und begründet damit die Tradition des Hügels als kaiserlicher Wohnstätte.

Noch bevor er als Alleinherrscher die Geschicke des Weltreiches lenken würde, hatte Octavius hier ein Grundstück erworben. Der heute als „Casa di Augusto“, das Haus des Augustus, bezeichnete Gebäudekomplex gliedert sich in mehre Teile. Mittig in den Besitzungen erhob sich zwischen dem Wohngebäude, der Bibliothek, einem großzügigen Säulengang und diversen Versammlungsräumen der Tempel des Apolls. Die „area Apollinis“, der heilige Bezirk vor dem Tempel, nahm allein eine Fläche von dreißig auf siebzig Meter ein. Augustus hatte eine Vorliebe für den Sonnengott und verehrte diesen mit besonders großer Hingabe, die der 28 vor Christus geweihte Tempel widerspiegelt. Einer Legende zufolge soll ein Blitzeinschlag Augustus die richtige Stelle für den Bau gewiesen haben.

Der Tempel wurde 363 durch einen Brand zerstört. In einer Zeit, als das Christentum in Rom bereits auf dem Vormarsch war und antike Bauten kaum mehr wieder aufgebaut wurden.

Nach seiner Wahl zum Pontifex Maximus, in der Antike der Titel des obersten Priesters, ließ Augustus einen Teil seines Wohnhauses zu einem repräsentativen und öffentlichen Gebäude umbauen. So konnte er seinen Aufgaben von seiner Wohnstätte aus nachgehen und brauchte diese nicht zu verlassen, wie es für das Amt ursprünglich einmal vorgesehen war. Die als „Palatina“ bezeichnete und von Augustus errichtete Bibliothek beherbergte die größte Büchersammlung Roms und stand ihrer großen Schwester in Alexandrien inhaltlich wohl in nichts nach. Heute können Besucher zwar keine Bücher mehr bewundern; aber etwas von der einstigen Pracht rund um die „Casa di Augusto“ ist erhalten geblieben, dank langjähriger Restaurierungsphasen. Immer wieder konnten Besucher in der Vergangenheit für kurze Zeit Teile der Wohnstätten besichtigen.

Am 18. September war es wieder einmal so weit und die „Casa di Augusto“ öffnete ihre Tore. Bisher der Öffentlichkeit noch nie gezeigte Räume können seither bewundert werden. Neben den für sich sprechenden Dimensionen der Räume sind es vor allem die Wandmalereien, die Besucher sofort in ihren Bann ziehen. Die Fresken werden von der Forschung dem zweiten Pompejanischen Stil zugeschrieben.

Girlanden und Pflanzenornamente

Der Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 hatte die Städte Pompeji und Herculaneum unter einer dicken Asche- und Geröllschicht begraben, die dortigen Malereien waren dadurch jedoch konserviert worden und haben sich so sehr gut erhalten. Sie bilden heute den Ausgangspunkt für die Erforschung der römischen Wandmalereien. Der zweite Stil, zwischen 100 und 20 vor Christus im Römischen Reich verbreitet, zeichnet sich vor allem durch die Verwendung perspektivisch gemalter Architekturelemente aus, die zu einer illusionistischen Vergrößerung des Raums führen. Anregungen bekam der Stil auch von Theater und Bühne. In den Fresken zeigt sich das in Form von Masken und Fratzen, aber auch Girlanden und Pflanzenornamenten.

Frisch restauriert und zum ersten Mal zu bewundern strahlen die Malereien des „cubicula“, vom lateinischen „cubiculum“ für Schlafraum, in voller Pracht. Die Wände des verhältnismäßig kleinen Raums, der als privates Studierzimmer des Augustus angesehen wird, zeigen einfache geometrische Formen in gelb, orange und beige. Ein ganz besonderer Augenschmaus ist jedoch die „Stanza delle maschere“ unweit des ursprünglichen Bibliothekstrakts. In einer Scheinkulisse öffnet sich die Wand zur Bühne und gibt den Blick auf ein Heiligtum oder eine Landschaft frei, während links und rechts zu Fratzen verzerrte Masken dargestellt sind. Ruhiger wird es im ebenso zum ersten Mal gezeigten und mehr als gut erhaltenen Pinienzimmer. Zwischen einem in gelb und orange gehaltenen Säulengang, der dem Betrachter durch gemalte Architekturelemente den Blick nach Draußen vorgaukelt, sind Girlanden mit Pinienzapfen befestigt.

Ein ganz besonderer Teil des augusteischen Anwesens ist jedoch zweifellos die „Casa di Livia“. Livia war die dritte Ehefrau des Augustus, mit der er bis zu seinem Tod 14 nach Christus verheiratet war. Ihr Sohn Tiberius, aus einer früheren Ehe, wird seinem Adoptivvater als zweiter Kaiser folgen. Die Räumlichkeiten liegen unmittelbar neben der „Casa di Augusto“. Seit dem Fund eines Bleirohrs, auf dem der Name Iulia Augusta steht – Livia erhält nach dem Tod ihres Mannes diesen Ehrentitel –, ist man sich sicher, dass Augustus seiner Gemahlin hier einen privaten Rückzugsort geschaffen hatte. Die Malereien im Haus der Livia markieren die Schnittstelle zwischen dem zweiten und dritten Malstil. Von einem großzügigen Atrium öffnen sich das Triclinium, das römische Speisezimmer, und weitere reich dekorierte Räume. Detaillierter und üppiger als im Haus des Augustus zeigen die Fresken Pflanzen- und Blumenornamente. Nicht mehr illusionistische Architekturkulissen überwiegen, sondern große Flächen in leuchtenden Farben, die immer wieder von figürlichen Szenen unterbrochen werden, wie die Darstellung des Zyklopen Polyphem oder die ägyptisch anmutenden Figuren. In beiden Wohnbereichen können zusammen mehr als zehn verschiedene Räume und Säle besichtigt werden. Auf einem Rundgang wird man entdecken, dass kein Zimmer dem anderen in seinem Farb- und Dekorationssystem gleicht. Die Römer bemalten die Wände aller ihrer Häuser, ob privates Wohnhaus oder öffentliches Gebäude. So entstand eine Vielfalt an Form und Farbe wie sie danach ihresgleichen sucht.

Die meisten der antiken Fresken in römischen Häusern sind im Laufe der Zeit zerstört worden. Die beiden Häuser des Augustus und der Livia gelten so zu Recht als die schönsten und am besten erhaltenen Wandmalereien der römischen Antike am Übergang von der Republik ins Kaiserreich. Während dem Museum auf dem Palatin wohl keine erneute Schließung droht, können die Säle und Räumlichkeiten der „Casa di Livia“ und der „Casa di Augusto“ nur noch bis Februar bewundert werden. Wie es künftig mit den Öffnungszeiten der Wohnstätten des ersten Kaiserpaars weitergeht, steht leider noch in den römischen Sternen.

Themen & Autoren

Kirche