Wo im Sommer Schnee vom Himmel fällt

Am 5. August begeht die Päpstliche Basilika Santa Maria Maggiore mit einem ungewöhnlichen Brauch ihr Kirchweihfest. Von Ulrich Nersinger
Foto: KNA | Mathias Grünewald: „Heilige Maria im Schnee“ (1517/19), Gründung von Santa Maria Maggiore in Rom. Papst Liberius fand im Jahre 352 nach einer Augustnacht Schnee auf einem Hügel in Rom.
Foto: KNA | Mathias Grünewald: „Heilige Maria im Schnee“ (1517/19), Gründung von Santa Maria Maggiore in Rom. Papst Liberius fand im Jahre 352 nach einer Augustnacht Schnee auf einem Hügel in Rom.

Die Entstehungsgeschichte der berühmtesten Marienbasilika Roms ist legendenumwoben. Der Überlieferung nach erschien in der Nacht vom 4. auf den 5. August des Jahres 352 die Gottesmutter Papst Liberius (352–366) im Traum. Die Mutter des Herrn bat um eine Basilika an dem Ort, an dem in der Nacht Schnee fallen werde. Auch der reiche römische Senator Johannes hatte diesen Traum. Papst und Senator begaben sich am Morgen des 5. August zu der Stelle, wo es tatsächlich auf wunderbare Weise geschneit hatte. Liberius zeichnete den Grundriss für das künftige Gotteshaus in den frisch gefallenen Schnee, und der kinderlose Senator stiftete sein Vermögen für den Bau der Kirche.

So soll „Sancta Maria ad nives“, die Kirche der „heiligen Maria beim Schnee“, entstanden sein, aus der später die Erzbasilika Santa Maria Maggiore – Groß Sankt Marien – wurde. Bei dem festlichen Pontifikalamt und der Zweiten Vesper des Kirchweihfestes am 5. August wird den Gläubigen das Schneewunder alljährlich in Erinnerung gerufen. Vor den Augen staunender Zuschauer fallen dann weiße Jasminblüten und Rosenblätter von der vergoldeten Kassettendecke des Gotteshauses auf den Altar der Basilika herab. Das Gold der prachtvollen Decke von Santa Maria Maggiore soll das erste gewesen sein, das aus der Neuen Welt – Amerika – in die Alte Welt kam.

In der Marienbasilika berührt noch eine weitere Legende die Gläubigen. Hier wird die Krippe des Jesuskindes aufbewahrt, die im 4. Jahrhundert aus Betlehem den Weg in die Ewige Stadt gefunden haben soll. In früheren Tagen zog der Papst am Weihnachtsfest nach Santa Maria Maggiore, um dort das Messopfer darzubringen. Während des Gottesdienstes entnahm er mit eigener Hand der hochverehrten Reliquie winzige Holzsplitter. Diese ließ er in die „fasce benedette“ einnähen. Die „fasce benedette“ waren „geweihte Windeln“, die das Oberhaupt der Kirche bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Erstgeborenen katholischer Herrscherhäuser übersenden ließ – sie sollten diese unter den Schutz Gottes stellen und für die Verteidigung und Verbreitung des katholischen Gaubens einnehmen.

Ein Kunstführer durch das Gotteshaus merkt an: „In der Kirche Santa Maria Maggiore gehen Wirklichkeit und Legende Hand in Hand, und zwar nicht, um die Geschichte über Gebühr zu strapazieren, sondern um der tiefen Zuneigung Ausdruck zu verleihen, die der Muttergottes zu allen Zeiten entgegengebracht worden ist.“ So erfreut sich auch ein kostbares Marienbildnis der Basilika, die Ikone „Salus Populi Romani – Heil des Römischen Volkes“, großer Verehrung. Es gehört zu den sogenannten Lukasbildern, von denen man glaubte, sie seien durch den Apostel als Porträts der Muttergottes zu deren Lebzeiten gemalt worden. Befanden sich Rom und die Christenheit in großer Bedrängnis, trugen ihm die Päpste ihr Anliegen vor. Herrschten Pest oder Cholera, ließen sie das Bild durch die Straßen der Stadt tragen; 1571 betete Papst Pius V. (Michele Ghislieri, 1566–1572) vor der Ikone für den Sieg in der Schlacht von Lepanto.

Papst Franziskus ist ein eifriger Verehrer des „Heils des Römischen Volkes“. Schon wenige Stunden nach seiner Wahl suchte er Santa Maria Maggiore mit einem Blumenstrauß auf; kein wichtiges Unternehmen, keine größere Reise unternimmt er, ohne vorher vor der Ikone der Muttergottes niederzuknien. Kann er nach seiner Rückkehr von einer Auslandsreise der Marienbasilika keinen persönlichen Besuch abstatten, lässt er dem „Salus Populi Romani“ von der päpstlichen Gendarmerie einen Blumenstrauß überbringen, zumeist in den Farben des Vatikanstaates, Gelb und Weiß.

Im Mai des Jahres 2013 hatte sich der Papst mit vielen Gläubigen zum Rosenkranzgebet in Santa Maria Maggiore eingefunden: „Hier sind wir vor Maria. Wir haben unter ihrer mütterlichen Obhut gebetet, damit sie uns dazu führe, immer mehr mit ihrem Sohn Jesus vereint zu sein; wir haben ihr unsere Leiden, unsere Hoffnungen und unsere Schwierigkeiten gebracht; wir haben sie mit dem schönen Titel ,Salus Populi Romani‘ angerufen und für uns alle, für Rom, für die Welt um die Gabe des Wohlergehens gebetet. Maria ist Mutter, und eine Mutter sorgt sich vor allem um das Wohlergehen ihrer Kinder, sie weiß sie immer mit großer und zärtlicher Liebe zu pflegen.“

Wer in der Ewigen Stadt zu Besuch ist und mehr über das Gotteshaus und seine Geschichte erfahren möchte, sollte das am 8. Dezember 2001 vom heiligen Johannes Paul II. eingeweihte und der Basilika angegliederte Museum aufsuchen. Es verfügt über eine reiche Sammlung von liturgischen Büchern, Geräten für den Gottesdienst, kunsthistorisch bedeutsamen Paramenten und kostbaren Reliquiaren. Das „Museo Liberiano“ informiert über die Geschichte der Marienbasilika (so unter anderem über die spanischen Könige, die seit 1603 Protokanoniker der Basilika waren) und zeigt Exponate zur Krippe des Jesuskindes, dem „Salus Populi Romani“ und der Heiligen Pforte von Santa Maria Maggiore (Hammer, Kellen und Ziegel).

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