Wissen allein genügt nicht

Der Philosoph Reinhard Brandt fragt nach dem Sinn der Universität. Von Alexander Riebel
Foto: dpa | Auch künftig muss Forschung möglich sein: Die Universität Genf rettete tausende Bücher nach Schäden durch Feuer und Wasser.
Foto: dpa | Auch künftig muss Forschung möglich sein: Die Universität Genf rettete tausende Bücher nach Schäden durch Feuer und Wasser.

Die Universität muss als Stätte freier Forschung immer wieder verteidigt werden – gegen vermeintlich nötige Neuordnungen und den Gebrauch durch die Massen, Eliten oder Titeljäger. Das Ziel der Universität ist nicht die Anhäufung von Wissen, sondern das Erkennen. Hierdurch erhält sie ihre Legitimation. Dieser Anspruch droht durch die Bologna-Reform völlig verloren zu gehen, wie der Marburger Professor für Philosophie, Reinhard Brandt, in seinem Band „Wozu noch Universitäten?“ eindrucksvoll gezeigt hat.

„Viel Denken, nicht viel Wissen soll man pflegen, heißt es schon in den Fragmenten des Demokrit. Schon die Vorsokratiker kannten den Sinn universitären Forschung. Und anders als das Wissen dringt die Erkenntnis auf die Begründung einer Behauptung, sie wehrt sich nach Brandt mit einem „weil“ und „denn“ gegen mögliche Widerlegungen. Damit stelle sich der Erkennende unter die sittliche Norm, zur Rechenschaft verpflichtet zu sein gegenüber anderen Personen, die eine Begründung verlangen. Wissen dagegen kann durch geschicktes Wissensmanagement vermittelt werden, durch bildgebende Verfahren an der Leinwand des Hörsaals, es kann passiv absorbiert werden und ist keine Tätigkeit wie das Erkennen. Ganz so wie im Bachelor-Studium, wie Brandt meint: „Unter dem Vorwand einer Europäisierung der deutschen Universitäten zerstörte die Bürokratie nach den Bologna-Beschlüssen in Wirklichkeit weitere Grundlagen der universitären Bidung. Europa sollte der abgesteckte Hochschulrahmen sein – aber warum in aller Welt Europa?“ Wissenschaftliche Erkenntnis sei doch planetar, und die neuen Abschlüsse Bachelor und Masterstudium sind von den Vereinigten Staaten entlehnt. Aber dem bachelor-Studium fehlt die allgemeinbildende Durchführung mit football und Weltkenntnis oder den europäischen „artes liberaes“. Brandt nennt das ein „fake-Studium“, eine Fälschung und ein Schwindel, der heute stattfindet für eine Gesellschaft, in der doch niemand so krank werde, dass er „transkulturelle Gesundheitswissenschaft“ (Frankfurt/Oder) studieren müsste. Stattdessen heißt die Devise: „Tu so, als ob du Proust studierst, aber nur mit 6 angestrichenen Seiten und einer Investition von 38 Minuten. Eine Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. Lies, was in einer Textsammlung über sie steht; die Novelle selbst brauchst du nicht mehr, die kritische Urteilsbildung am ursprünglichen Werk ist Zeitverschwendung. Ja und? fragen die Bürokraten.“ Was bei dem heutigen Studium, das nur auf addierte Wissensbestände hin-ausläuft und in „Modulhandbüchern“ mundgerecht zubereitet ist, herauskommt, interessiert die beamteten Pädagogen nicht. Brandt sieht in der Bürokratie den Urheber für die Liquidierung kritischer Erkenntnis, für die spätere Arbeit im Beruf übernimmt sie keine Haftung. Es ist allenfalls die Bildungsidee des 18. Jahrhunderts, auf die sich die Universität zuweilen noch beruft, aber auch das hält Brandt für einen Irrtum. Denn diese Bildungsidee hat beansprucht, dass nur einige Wenige mit Titeln dekoriert werden und Bildung dadurch ein besonderes Merkmal sei. Über diese Arroganz aus dem 18. Jahrhundert heißt es: „Warum soll eine Lehre in einem Handwerk nicht eine gleich gute Menschen-Bildung vermitteln wie das Mathematik- oder Chemiestudium oder die Assyriologie und Gräzistik?“ Die Mischung, wäre hinzuzufügen, in der Ideologie der Wissensanhäufung verbunden mit Titeln führt zum heutigen Symptom der Plagiate, die zur Plage an den Fakultäten werden.

Brandt fragt in seinem Essay aber nicht nur nach strukturellen Problemen des heutigen Studierens, sondern er beschreibt auch detailliert die Geschichte der Universität. Auch hier entwickelt er den Gegensatz zwischen Wissen und Erkennen weiter. Aus den Fragmenten der frühen Griechen zitiert er: „Demokrit sagte, er wolle lieber eine einzige ursächliche Erklärung finden, als dass ihm das Perserreich zu eigen werde.“ Demokrit stellte die freie Erkenntnis gegen die Despotie des Perserreichs. Eine Erkenntnis mit ihrer unveräußerlichen Würde, die jedem Söldner unbekannt war. „Der despotische Mensch“, schreibt Brandt, „hält den Philosophen Demokrit dagegen für einen ausgemachten Narren – wie kann man, wenn man bei Sinnen ist, eine einzige ursächliche Erkenntnis aller Lust, allem Reichtum, aller Macht des Perserkönigs vorziehen? Hier stehen sich in einem Diktum zwei Welten gegenüber.“ Auch Demokrit wollte kein aufgetürmtes Wissen, wie später der Sophist, der gegen Barbezahlung seine oberflächlichen Kenntnisse verkaufte – „wie gern hätte er im Bachelor-Studium in Deutschland unterrichtet!“ Man erfährt im Folgenden viel über die Gründung und Entwicklung der Universität im Mittelalter bis zu den Veränderungen in der Neuzeit, über den Streit der Fakultäten und über die Epoche der Geistes- und Kulturwissenschaften. Doch das vorläufige Ergebnis dieser abendländischen Geistesgeschichte ist „Bologna“. In der ursprünglichen Bologna-Erklärung vom 19. Juni 1999 ist von der „Autonomie der Universitäten“ die Rede. Aber Brandt vermisst den Hinweis darauf, was damit gemeint ist; wieweit die Autonomie etwa in der Bio-Forschung gehen kann, sagt er nicht.

Die Bologna-Idee zerfällt in die Beschlüsse und die Ausführungsbestimmungen der einzelnen Bundesländer. Diese länderspezifischen Bestimmungen sind weder austauschbar mit den gleichnamigen Abschlüssen in den Vereinigten Staaten, noch werden die Abschlüsse europaweit anerkannt. Die Freiheit der alten Prüfungsordnung wird durch die „Modularisierung“ des Unterrichtsstoffs abgeschafft, die Vergabe von Punkten und Noten führt zum erhöhten Prüfungswahn, während in Schulen diskutiert werde, Noten abzuschaffen. Zudem erzeugt der Notenzwang die Illusion, eine Vergleichbarkeit von „Oslo bis Cosenza“ zu haben. So fresse sich die „Notenlüge“ in die akademische Lehre wie der raumsparende Verpackungszwang in die Agrikultur. Auch das Unwesen der Akkreditierung, der Genehmigung von Bachelor- und Masterstudiengängen, durch die Akkreditierungsagenturen bis zu 15 000 Euro verdienen, wird zum Thema.

Exzellenz-Zentren, Elite-Universitäten – für Brandt geht es zu sehr um die Identitätsfrage der Universität; letztlich stecke hinter dem Bürokratiewahn die Idee David Humes, alle Bücher ins Feuer zu werfen, die nicht experimentelle Erörterungen enthielten. So wie sich auch Miss Marple auf akribische Untersuchungen habe freuen können, wenn endlich ein Mord geschehen sei. So wird auch immer die „Einzelkrähe“, die harte Nüsse geschickt unter Autos wirft, vom Superorganismus der Insekten verlacht mit deren Wissen in Clustern unter „Verzicht individueller Erkenntnisse“. Wegen dieser Abstraktheit würde auch eine Welt-Universität nichts taugen, die ihr Programm global über das Fernsehen ausstrahlte, weil Professoren auch die mimischen Reaktionen der Studenten brauchen. Brandt ist ein höchst informatives Buch zur Lage der Universität gelungen, in dem auch die Bedürfnisse der Zivilgesellschaft berücksichtigt werden.

Reinhard Brandt: Wozu noch Universitäten? Felix Meiner Verlag, Hamburg 2011, 250 Seiten, EUR 18,90

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer