„Wird das gehen, diese Schnörkel?“

An vielen Orten in Berlin: Das Bode-Museum erinnert an den Bildhauer und Architekten Andreas Schlüter, der vor 300 Jahren geboren wurde. Von Sylvia Brück
Foto: Thiede | Schlüters Kanzel der Berliner Marienkirche mit den Engelsdarstellungen.
Foto: Thiede | Schlüters Kanzel der Berliner Marienkirche mit den Engelsdarstellungen.

Andreas Schlüter? Ein Name, der in Vergessenheit geriet oder gar außerhalb des ehemaligen Preußens vielleicht sogar gänzlich unbekannt ist. Das Berliner Stadtschloss, das Humboldt-Forum, der Palast der Republik – auch diese Namen für denselben Ort lassen sich von Ferne nicht leicht zuordnen. Bekannter dagegen ist das Bernsteinzimmer, das „Achte Weltwunder“. Das Meisterwerk (1701) von Andreas Schlüter entworfene und für das Charlottenburger Schloss vorgesehene Bernsteinzimmer, welches dann doch im Berliner Stadtschloss eingebaut wurde, ist 1716 vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., an Peter dem Großen, dem Zaren von Russland, im Tausch gegen 55 Grenadiere von staatlicher Größe für die Soldatentruppe „Lange Kerls“ übergeben worden.

Anlässlich des 300. Todestages des Bildhauers, Architekten und zeitweiligen Schlossbaumeisters erinnert die Sonderausstellung „SCHLOSS BAU MEISTER. Andreas Schlüter und das barocke Berlin“ noch bis zum 13. Juli 2014 im Bode-Museum an den Ausnahmekünstler. „Wird das gehen, diese Schnörkel?“ – diese Frage mussten sich Bernd Wolfgang Lindemann, Direktor der der Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, und Hans-Ulrich Kessler, Kurator der Ausstellung, bei ihrer Sponsorensuche gefallen lassen.

Schon der Titel „Schlossbaumeister“ verrät die Doppelstrategie und entlarvt den tieferen Sinn der Ausstellung. Es geht um den schon lange kontrovers diskutierten Wiederaufbau des Berliner Schlosses beziehungsweise das Humboldt-Forum, für das die Ausstellung werben will. Die letzte Gedächtnisausstellung liegt 50 Jahre zurück und fand ebenfalls im Bode-Museum statt. Ein über drei Kilogramm schwerer Ausstellungskatalog „Andreas Schlüter und das barocke Berlin“ mit vielen Beiträgen und kompetenten Autoren, erschienen im Hirmer Verlag, eignet sich eher als Couchtablebook oder bestens zu Recherchezwecken. Wer die Spuren des Universalgenies, das zeitweise gleichzeitig als Künstler, Werkstattleiter, Baumeister und Direktor der gerade gegründeten Akademie der Künste tätig war, suchen will, muss sich auf den Weg durch die Stadt machen. Denn die Ausstellungsstücke sind in der Stadt weit verstreut. Dafür eignet sich der ebenfalls im Hirmer-Verlag erschienene Stadtführer „Schlüter in Berlin“ im Taschenbuchformat.

Die von den Machern als „Satellitenausstellung“ konzipierte Werkschau findet nicht nur auf der Museumsinsel im Bode-Museum statt. Im Zeughaus/Deutsches Historisches Museum befindet sich am Außenbau Schlüters Fassadenschmuck mit römischen Triumphhelmen, und im Innenhof haben die „Kopftrophäen“ besiegter Krieger, eines der Hauptwerke europäischer Barockskulptur, die letzten 300 Jahre fast unversehrt überdauert. Andreas Schlüters 22 auf Schilde gebundene Kopftrophäen als Schlusssteine der Rundbogenfenster im Erdgeschoss sind im Hochrelief gearbeitete Köpfe, oft in Dreiergruppen angeordnet, auf Kartuschen von oben und unten zu Voluten eingerollt. Im Antlitz der abgeschlagenen Häupter junger und alter Krieger mit langen Haaren und langen Bärten spiegeln sich Leid, Schmerz, Zorn. Die Umsetzung des aufwendigen Bauschmucks gehört zu Schlüters ersten Aufträgen für den preußischen Hof nach seiner Ankunft in Berlin 1694.

Ein Jahr später ließ Kurfürst Friedrich III. den Grundstein für den zweigeschossigen, fast quadratischen Bau und damit ersten „modernen“ Bau Berlins legen. Eindrucksvoll ist die Gruftpforte Männlich in der Nikolaikirche – Berlins ältester Kirche –, die Schlüter für seinen Freund, dem Hofgoldschmied Daniel Männlich, in den Jahren 1699/1700 schuf und damit eine sepulkrale Zeitenwende einläutete. „Insbesondere die Eigenheit des Männlich-Grabmals im Kontrast zu den übrigen Erinnerungsmonumenten lebt ganz von der Hand des Künstlers (…). Mit dem Männlich-Grabmal wurde in Berlin die Figur des Todes neu gedacht, aus der tristen Memento-mori-Doktrin befreit und positiv als Geburtsstunde der ewigen fama umgedeutet“, so Philipp Zitzlsperger in seinem Katalogbeitrag. Das Figurenensemble des Hofschmiedes und seiner Gemahlin Anna Catharina, das aus einem scharf geschnittenen Doppelprofilporträt in Ovalform besteht und in vergoldetem Stuck rekonstruiert ist, ist von zwei Genien flankiert. Etwas tiefer auf der linken Seite positioniert ist eine Todesskulptur (Allegorie des Todes), nach einem fliehenden Kleinkind greifend. Rechts davon ein geduckter älterer Knabe, der mit einer Abwehrgeste der Hände angststarr das tödliche Geschehen beobachtet. Darunter zentral die Inschriftenkartusche. Schlüter zeigt mit dem „liegenden“ Tod, der sich über die gesamte Breite der Supraporte erstreckt, eine neue Variante des „Danse macabre“ (frz. Totentanz).

Andreas Schlüter, Sohn des Bildhauers Wilhelm und geboren 1659/1660 in Danzig, begab sich nach seiner Ausbildung bei dem Danziger Bildhauer Sapovius zunächst nach Warschau. Dort war er ab 1681 als Bildhauer unter Tilman van Gameren an der Ausstattung der Sommerresidenz des polnischen Königs Johann II. Sobieski tätig. Kurfürst Friedrich III., schickte ihn ab 1695 zu Studienreisen nach Frankreich, in die Niederlande und nach Italien. Sein Auftrag war es, die mittelalterliche Doppelstadt Berlin-Coelln in eine moderne Metropole zu verwandeln.

Von 1700 bis 1712 wohnte Schlüter mit seiner Familie in der Neumannsgasse. Danach erwirbt er das von ihm ursprünglich für den Hausvogt Lonicer gebaute Gartenhaus vor dem Köpenicker Tor und bewohnt es bis zum Jahr 1713. Über den damals üblichen Ehrenhof des Palais urteilte Karl Friedrich Schinkel, es sei ein Meisterwerk „unseres nicht hoch genug zu schätzenden Schlüters, auf den das nördliche Deutschland stolzer sein kann als Italien auf den Michel Angelo“.

In der Gruft des Berliner Doms befinden sich die Prunksarkophage des ersten Königspaares der Köngin Sophie Charlotte und König Friedrich I. Der erste König von Preußen bestellte, als seine zweite Gemahlin 1705 unerwartet starb, den Sarkophag bei Andreas Schlüter, dem Meister des Hochbarocks. Die Zeit war knapp bemessen und so goss Johann Jacobi nach den Entwürfen des Baumeisters den Sarkophag binnen weniger Wochen. Im Februar 1713 starb Friedrich I. und ein entsprechendes Pendant wurde geschaffen. Beide Prunksärge ruhen auf Sockelplatten und sind hauptsächlich in Zinn gegossen, reichlich vergoldet und nur teilweise in Bronze gearbeitet. Das Besondere und auch gänzlich neue an der Schlüterschen Inszenierung: „Schlüter verschränkt die traditionelle Gebrauchsform des Sarges mit Elementen figürlicher Inszenierungen, wie sie sich im Verlauf des 17. Jahrhunderts für das Epitaph, das Grabdenkmal, bewährt hatten“, so Bernd Wolfgang Lindemann, Direktor der Gemäldegalerie und Skulpturensammlung, und fügt hinzu: „Das Stilmittel der Verschränkung zweier Formgelegenheiten (Sarg und Epitaph) zeigt sich in Schlüters künstlerischen Lösung deutlich vor allem in den allegorischen Figuren, die im Sinne eines momentan, eines transitorischen Aktes, die Bildnisse der Verstorbenen aufrecht halten und bekrönen.“

Von dem großartigen Oevre, das Schlüter während seines 20 Jahre währenden Berlinaufenthalts schuf, ist aus unterschiedlichen Gründen leider wenig erhalten geblieben. Da wäre die in ihrer Konzeption einmalige und als Architekturjuwel geltende Villa Kameke, die im Zweiten Weltkrieg 1943 schwer beschädigt und 1950 gesprengt wurde. Gesprengt wurde 1950 auch das Berliner Stadtschloss. Schlüter baute – sein letztes architektonisches Werk in Berlin – die Villa Kameke 1711/12 für den Geheimen Rat und Staatsminister Ernst Bogislav von Kameke.

Die Balustraden-Skulpturen, die zunächst den Krieg und dann die Sprengung und den damit einhergehenden Sturz überlebt hatten, begrüßen in der Kamekehalle des Bode-Museums im Erdgeschoss die Besucher. Es sind Daphne und Apoll, Neptun und Amphitrite, die sich paarweise gegenüberstehen. Schlüter schuf die Figuren nach seinem italienischen Vorbild Gian Lorenzo Bernini. Ebenfalls im Bode-Museum ist mit dem „Kopf der Medusa“ ein Original Berninis als Leihgabe aus den Kapitolischen Museen ausgestellt. Und im Obergeschoss ein Kleinod der Wunderkammer: die Bronzebüste des Landgrafen Friedrich von Hessen Homburg. Gezeigt werden in der aktuellen Ausstellung mit insgesamt 230 Objekten, verteilt auf 16 Sälen und Kabinetten auch Werke berühmter Zeitgenossen wie Francesco Mochi und Antoine Coysevox. Im Schloss Köpenick befindet sich auch das einzig original erhaltene blau-weiße Stuckdeckenfragment des Berliner Schlosses, ausgeführt vom Hofstuckator Giovanni Simonetti, unter Aufsicht und nach Entwürfen Schlüters. Vor dem Charlottenburger Schloss befindet sich heute das Reiterdenkmal des großen Kurfürsten, welches ursprünglich auf der Langen Brücke stand, im Original auf einer 1951 angefertigten Kopie des Sockels. Neben Andreas Schlüter zeichnete der Bronzegießer Johann Jacobi, der in Paris in der Werkstatt der Brüder Keller sein Handwerk erlernte und am Guss des Reiterdenkmals Ludwigs XIV. von Girardon beteiligt war, für die Umsetzung der enormen, technische Herausforderung verantwortlich. In der Kuppelhalle des Bode-Museums ist eine galvanisierte Nachbildung des Reiterdenkmals zu sehen, die noch auf dem originalen Sockel steht. Auch die Kanzel der Marienkirche mit den Engelsdarstellungen, die Schlüter 1701/1703 schuf, ist erhalten geblieben. Heerscharen von Engelsfiguren jubilieren schwebend unter dem Kanzeldach. Die Aufhängung der Kanzel ist durchaus gewagt: vier Säulen der Kanzel ersetzen den unteren Teil des Schiffspfeilers. Auch hier könnten sich Bezüge zur Cathedra in St. Peter, das Werk des römischen Bildhauers Bernini, finden lassen.

Mit dem Tod Friedrichs I. 1713 verlor Schlüter seinen Gönner und Förderer. Der neue Herrscher Friedrich Wilhelm I., der als Soldatenkönig in die Geschichte einging, entließ Schlüter aus dem Hofdienst. Aber der von Schlüters Werk beeindruckte Zar berief ihn im Juli 1713 nach Petersburg, wo Schlüter, bereits schwer erkrankt, Ende Mai 1714 starb. Der genaue Todestag ist unbekannt, eine Grabstätte nicht vorhanden. Das Pensionsgesuch seiner Witwe lehnten Friedrich Wilhelm I. wie auch der Zar und die Zarin ab.

Das Berliner Stadtschloss war das größte Werk des Baumeisters. Der 1706 teilweise eingestürzte und aus Sicherheitsgründen wieder abgetragene „Münzturm“ führte zu einem Untersuchungsausschuss, der Schlüter Konstruktionsfehler vorwarf. 1711 urteilt Paul Jacob Marperger in seiner „Historie und Leben der berühmtesten Europäischen Baumeister“: „Der ausgeführte Entwurf wäre eines von den schönsten Kunststücken der Welt geworden, aber ein ausreichendes Fundament ,an diesem bodenlosen und incorrigiblen Ort‘ hätte immense Kosten verursacht.“ Es bleibt auf das neue Schloss, oder besser Humboldt-Forum, zu warten. Was die Schnörkel anlangt und ob das gehen wird – das geht schon.

– Die Ausstellung „Andreas Schlüter und das barocke Berlin“ ist bis zum 13. Juli 2014 im Bode-Museum (nicht rollstuhlgeeignet) zu sehen. Am Kupfergraben, 10117 Berlin. Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, Do. von 10 bis 20 Uhr. Der Katalog „Andreas Schlüter und das barocke Berlin“, Hirmer Verlag, kostet 29,90 Euro, der Stadtführer „Schlüter in Berlin“, Hirmer-Verlag, 9,90 Euro

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