Köln

Gunnar Kaiser: Korridore für geäußerte Meinung werden immer enger

In unserer Gesellschaft werden die Korridore für öffentlich geäußerte Meinung immer enger. Wer vom sogenannten Mainstream abweicht, muss mit massivem Widerstand rechnen. Bewegt man sich argumentativ auf einem Terrain, das nicht als politisch korrekt anerkannt ist, kann "falsche Meinung" die berufliche Existenz kosten und zur sozialen Ausgrenzung führen. Gegen solche ungute Entwicklung müssen Bürger sich wehren, meint der Youtuber Gunnar Kaiser.
Reden verboten
Foto: (364307675) | "Cancel Culture" und Schweigespirale bedrohen den demokratisch-politischen Diskurs, der in Form der Meinung-, Presse-, Religions- und Kunstfreiheit sogar im Grundgesetz erwähnt und damit rechtlich geschützt ist.

Was wollen Sie mit dem Appell erreichen? Wer hat bisher unterschrieben? 

Es gehören Namen dazu, die sehr prominent sind: Hamed Abdel-Samad, Asfa-Wossen Asserate, Harald Martenstein, Dieter Nuhr, Günther Wallraff   Menschen aus vielen Bereichen, auch aus der Wissenschaft, zum Beispiel Christian Illies, Philosophieprofessor. Aber auch Künstler wie Musiker und Schauspieler. Es gibt weltanschaulich von links, liberal über bürgerlich, und konservativ alles mögliche, was vertreten ist   mit einem gewissen Ausschlag. Wir beobachten: Sehr bekannte Linke haben sich dagegen geäußert, nicht unterschrieben und nicht geantwortet.

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Das finde ich schade, weil wir über Weltanschauungen hinweg einen Konsens haben sollten, dass wir zumindest in der Debatte faire Spielregeln haben wollen. Wer sich da rauszieht mit so Begründungen wie "Ihr wollt ja nur, dass ,die Rechten  bestimmte Sachen wieder sagen dürfen", der zeigt eigentlich nur, wes Geistes Kind er ist, wenn er nicht mal die Meinungsfreiheit im Voltaireschen Sinne hochhält. "Ich mag zwar verachten, was Du dazu zu sagen hast, aber ich werde mein Leben dafür geben, dass Du es sagen darfst." Wir haben einige Konservative, die sich dafür einsetzen, ohne mit der Wimper zu zucken und ein paar Linksliberale, die sagen: "Ja, ich bin zwar nicht Eurer Meinung, was weitere Fragen angeht, aber das kann ich unterschreiben". Das sind noch wenige, wenn man bedenkt, wie viele Linksliberale wir im Mainstream haben, viele, die sich ja auch mit dem Thema beschäftigen. Sascha Lobo zum Beispiel. Die lehnen teilweise ab, dass es das überhaupt gibt, die leugnen "Cancel Culture". Sie sagen: "Ach, das ist doch alles gar kein Problem" und dann aber: "Wenn es ein Problem ist, dann kommt es von rechts"   was zum Teil sogar stimmt, denn das gibt es auch von rechts. 

Sie nehmen sich gerne Texte oder Sendungen von Influencern wie Moritz Neumeier oder bekannten Personen wie den Philosophen Richard David Precht und den Allroundwissenschaftler Harald Lesch vor und analysieren sie akribisch. Macht das Spaß oder was steht dahinter? 

Im Gegenteil. Es macht keinen Spaß. Es belastet und es ärgert mich. Ich bin von manchen Beiträgen so verärgert, dass ich sage "Ich kann dazu nicht schweigen!". Mir schicken Menschen Hinweise auf Sendungen "Guck mal, da hat Precht mit Rezo gesprochen" und ich möchte mir das eigentlich nicht antun. Es ist eher "intellektuelle Notwehr". Ich merke aber anhand des Zuspruchs dass viele sagen "Endlich sagt s mal einer". Viele denken auch "Der Kaiser ist ja nackt". 

„Es wirkt wie eine Brandmauer gegen alternative Sichtweisen.“  

Der Kanal Kaiser TV besteht seit vier Jahren. Er wurde rund 12 Millionen mal aufgerufen und hat etwa 95000 Abonnenten. Was war der Anlass, diesen Kanal zu betreiben? 

Erst war es eine Art von Langeweile, eine Leerstelle. Ich hatte einen Roman abgeschlossen, bin in eine Art Loch gefallen und wusste nicht, was ich mit meiner Zeit und Energie anfangen sollte. Da habe ich mir gedacht, mache doch was, womit du deine Stimme schärfen kann, deinen Stil, und auch die Reichweite vergrößern kannst. Youtube war damals schon ein "großes Ding". Ich hatte kleine Texte, Rezensionen oder auch Essays, die auf meinem Blog erschienen und dann kaum Leserschaft erreichten. Da habe ich gedacht: Mach einen Podcast und eigentlich kannst du dann auch gleich vor der Kamera stehen und das auf Youtube stellen. 

Wie empfinden Sie die mediale Aufarbeitung von Themen? 

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Man kann sagen, wir hatten noch nie eine so diverse Medienlandschaft mit so viel Information und so schnelle Zugriffe auf so viele Meinungen und Fakten. Andererseits haben wir einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der diese Vielfalt darstellen soll, dieser Aufgabe aber nicht nachkommt. Er berichtet sträflich einseitig, das gleiche gilt für viele andere herkömmliche Medienhäuser. Es wirkt wie eine Brandmauer gegen alternative Sichtweisen. Kai Gniffke (SWR) bestätigte in einer Mail an Boris Reitschuster, dass sie natürlich keine Corona-Kritiker zu Wort kommen lassen. Sie sähen darin nicht ihre Aufgabe. 

Man wundert sich, dass das so offen erklärt wird. 

Ja, unglaublich. Wir zahlen deren Gehalt, und sie sagen "Wir werden euch nicht die ganze Wahrheit sagen." Das heißt eigentlich, wir werden euch nicht die Wahrheit sagen! 

Sie stellen sich oft gegen Mehrheits-Meinungen. Dabei wagen Sie sich an Argumentationen, die als "rechts", als "neurechts" oder als "libertär" bezeichnet werden. Beeindruckt und beeinflusst das? 

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Ich würde lügen, wenn ich sage, dass das nicht beeinflusst. Man will ja für das stehen, was man wirklich ist und auch so erkannt werden. Deswegen überlege ich sehr genau, wie formulierst du, bei aller Ehrlichkeit im Inhaltlichen? Wie formulierst du so, dass es nicht missverstanden werden kann? Mit wem sprichst du? Ich weiß: Du kannst heutzutage machen, was du willst, wenn die Leute dich falsch verstehen wollen, dann werden sie dich falsch verstehen. Dann werden sie dich in eine Ecke rücken. Man darf sich da nicht zu sehr verbiegen, den Mund verbieten lassen. Man muss das hinnehmen. Man hat mit bestem Wissen und Gewissen das gesagt, was man sagen wollte. Es wird diese Diffamierungsversuche immer geben, weil es eben am billigsten ist. 

„Unsere Kultur wird auf sehr wankenden Füßen stehen, 
wenn sie dieses Fundament verliert.“  

Was ist das Fundament Ihres Weltbildes? Woraus beziehen Sie Handlungsmaxime, was sind die Axiome Ihres Denkens? Als was würden Sie sich bezeichnen? 

Ich bin vor einigen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Ich kann inzwischen sehen, dass diese Herkunft in uns verwoben ist. Das ist nichts, was man ablegt. Ich bin nicht "christlich erzogen", aber in einem christlichen Umfeld. Ich kenne den Ritus und habe ihn lieb gewonnen als Teil meiner Identität. Das ist, was mich der Religion, gerade dem Katholizismus, sympathisierend gegenüberstehen lässt. Es macht auch unsere Kultur aus. Das zu vergessen ist sehr gefährlich. Unsere Kultur wird auf sehr wankenden Füßen stehen, wenn sie dieses Fundament verliert. Weil vom Glauben abgesehen   auch die äußeren Zeichen, wie die Musik, die Kirchenbauten, die gesamte Kultur, das Denken beeinflussen. Ich finde die Berufung auf den Einzelnen bei Jesus Christus positiv und dass dieser Einzelne vor Gott verantwortlich ist. Mit Jesus Christus wird die Gefahr einer diesseitigen Weltutopie sichtbar, wenn er sagt "Mein Reich ist nicht von dieser Welt". Oder auch "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist". Das heißt: Versuche nicht, ein utopisches Weltbild hinzukriegen, sondern das Himmelreich in Dir.


Gunnar Kaiser ist Lehrer, Journalist, Schriftsteller ("Unter die Haut"), Philosoph und Youtuber (Kanal "KaiserTV"). 
Den "Appell für freie Debattenräume" findet man im Internet: https://idw-europe.org/

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