„Wir stehen erst am Anfang“

Seit in Fernsehsendungen aggressive Szenen offen gezeigt werden, seit die Killervideospiele boomen, bekommen Kinderpsychotherapeuten auch in der von ihnen in der Praxis gehandhabten freien Spielwahl der Kinder immer mehr nachahmende Spiele von solchen Szenen zu sehen. Das wäre an sich noch nichts Bedenkliches; denn auch ohne Fernsehen und auch bei streng pazifistischen Erziehungsformen entdecken die Jungen im Grundschulalter spontan das Kriegsspielen und das Gegeneinanderkämpfen. Eine alte Erfahrung bekommt damit lediglich eine täglich neue Bestätigung: dass es eine vorgegebene Bereitschaft zu aggressiven Auseinandersetzungen gibt, die auf der lebenserhaltenden Notwendigkeit, sich zu verteidigen, beruht.

Unser Selbstbehauptungstrieb braucht – das lässt sich an der Beobachtung von Kindern beweisen – eine spielerische Entlastung, wenn er sich nicht zu gefährlicher Mächtigkeit stauen soll. Aggressive Szenen in angemessen verdeckter Form im Fernsehen können bei gesunden Menschen durchaus eine Art Teilentlastung, eine Aggressionshygiene durch Identifikation hervorrufen. Brutale und gewalttätige Szenen wirken auf den Gesunden außerdem abstoßend und wecken das Bedürfnis nach Vermeidung solcher Erlebnisse, da im Menschen normalerweise eine Tötungshemmung vorhanden ist, die Mordszenen abschreckend wirken lässt.

„Wir können dem Fernsehen, der neuen Technik oder unzureichenden Bildungsmöglichkeiten nicht die alleinige Schuld für die Zunahme der Gewaltverbrechen anlasten“

Bedenklich wird die Frage nach der Wirkung von brutalen Szenen erst durch die heute immer häufiger vorhandene Gegebenheit, dass viele Menschen durch unangemessene Erziehungsweisen unerkannt eine aufgestaute, überschießende Aggressionsbereitschaft mit sich herumtragen. Für sie ist das Anschauen brutaler Szenen wie ein rotes Tuch, das heißt also wie ein überoptimaler Anreiz, der das Bedürfnis nach eigener Abreaktion weckt und zu gemeinschaftsfeindlichen Taten führen kann. Eine Stauung der Aggressionen entsteht zum Beispiel durch Prügelerziehung, aber auch durch Vernachlässigung, eben immer dann, wenn lebensnotwendige biologische Antriebe nicht angemessen befriedigt wurden.

Eine solche Fehlentwicklung der normalen Selbstbehauptung konnte zum Beispiel bei fünf in der Praxis für das Jugendgericht untersuchten Jugendlichen festgestellt werden, die durch Gewalttaten auffällig geworden waren. Zum Beispiel waren zwei der Jungen durch ihre Kindheit hindurch von ihren Eltern fast täglich wegen irgendwelcher kleinen Vergehen geschlagen worden. Zwei andere hatten Mütter, die unmittelbar nach der Geburt wieder zu arbeiten begonnen hatten. Sie waren von wechselnden Tagesmüttern betreut worden. Ein anderer hatte seine ersten vier Lebensjahre in einem Heim zugebracht.

Alle diese Jugendlichen hatten bereits vom sechsten Lebensjahr an immer wieder gestohlen und waren in der Schule Einzelgänger gewesen, weil sie schon als Grundschulkinder aggressiver waren als ihre Mitschüler. Alle hatten in der Schule versagt. Keiner hatte eine Lehre abgeschlossen. Alle fünf hatten seit früher Kindheit eine Fülle von sogenannten neurotischen Symptomen, Kennzeichen, die uns wissen lassen, dass diese Menschen unter einer starken seelischen Spannung stehen: So kauten alle an den Fingernägeln, drei von ihnen waren bis zum 12. Lebensjahr Bettnässer gewesen, alle schaukelten seit ihrer Säuglingszeit beim Einschlafen, sie litten an einer sogenannten Jactatio.

Nein, wir können dem Fernsehen, der neuen Technik oder unzureichenden Bildungsmöglichkeiten nicht die alleinige Schuld für die Zunahme der Gewaltverbrechen anlasten. Allerdings: Die technisierten Freizeitbeschäftigungen sind die großen Vormacher. Sie liefern die Muster, die diese kranken, meist sehr phantasiearmen Jugendlichen zum Nachahmen veranlassen. Die technischen Apparaturen und dazu oft auch Rauschgift oder Alkoholmissbrauch, bilden die Auslöser, sind nicht die Ursache dieser so bedenklichen Entwicklung.

Bedenklich wird der Reiz zur Nachahmung aggressiver Szenen eben erst, wenn sie auf Menschen treffen, die unerkannt, ja ihnen selbst meist unbewusst, ein aufgestautes, überschießend mächtiges Aggressionspotenzial mit sich herumtragen. Für diese Jugendlichen ist das Anschauen brutaler Szenen kein Anlass, sich abgestoßen abzuwenden, sondern im Gegenteil: Sie wirken wie eine Art Entkorkung, das heißt also als ein überoptimaler Anreiz unter Ausschaltung der Kontrollfunktion des Gewissens. Sie mindern die Hemmschwelle für gemeinschaftsfeindlichen Taten – angefangen von der spontan aufbrandenden Streitsucht in der Familie bis zum wie magischen Angezogensein vom Krawall der Straße, ja im übelsten Fall bis zum Planen krimineller Delikte.

„Die Unsicherheit auf unseren Straßen wird von Jahr zu Jahr zunehmen. Lieblose Kälte und gewalttätige Härte in der Erziehung

bewirken das“

Eine solche Stauung der Aggressionen entsteht zum Beispiel durch sadistische Prügelerziehung, heute häufiger aber durch Vernachlässigung – eben immer dann, wenn lebensnotwendige biologische Antriebe in den ersten Lebensjahren, in denen sich das Gehirn konstituiert, nicht angemessen befriedigt werden, so dass ein sich verselbstständigender Rachedurst entsteht. Weil das bei einer erheblichen Menge von Menschen in unserer denaturierten Welt der Fall ist und von Jahrgang zu Jahrgang auch bei entwurzelten Migrantenkindern zunimmt, muss die Brutalität im Fernsehen und das virtuelle Töten von Menschen in den Videospielen als ein nicht unerheblicher, wenn auch nur auslösender Faktor bei der bedenklichen Zunahme wahlloser Gewaltverbrechen angesehen werden.

Dabei sind wir erst am Anfang. Die Unsicherheit auf unseren Straßen wird von Jahr zu Jahr zunehmen. Das ließ sich aufgrund psychotherapeutischen Fachwissens bereits vor Jahrzehnten als Folge unseres vertechnisierten Lebens voraussagen, und das wurde durch die unzureichende Integration der Migranten mächtig verstärkt. Lieblose Kälte und gewalttätige Härte in der Erziehung bewirken das. Ich habe, ungehört von Ärzten und Politikern, die das vor allem angeht, deshalb seit Jahrzehnten unermüdlich vor Eskalationen dieser Art gewarnt.

Ich möchte diese Warnung – bereits 1977 zum ersten Mal publiziert – heute, mehr als dreißig Jahre später, noch einmal wiederholen: „In den kommenden Jahren ist mit einer Eskalation und Quantifizierung verwahrloster Jugendlicher zu rechnen. Der Weg von Gammler- und Rockergruppen hin zu beziehungslosen Morden ist von der Situation des gestauten Antriebsgeschehens in vielen jungen Menschen heute keineswegs mehr unvorstellbar lang. Die Aktivierungsbereitschaft liegt vielmehr geradezu auf der Hand und bedarf nur eines geringen wie zufälligen Anlasses, um unmotiviert zur brutalen Gewalt zu werden.“

Es wäre sicher gut und richtig, die Pornographie der Gewalt aus den Fernsehsendungen zu streichen; sie verstärkt in der Tat die vorhandene Bereitschaft; aber ein Allheilmittel gegen die wachsende Not wäre es nicht. Dazu bedürfte es kollektiver Programme, um den Kindern in ihren ersten Lebensjahren den ihnen zustehenden Wurzelboden für seelische Stabilität zu geben, statt Mütter und Kinder den Bedürfnissen unserer Industriegesellschaft anzupassen. Wieviel Schreckliches muss noch geschehen, um endlich damit zu beginnen?

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