„Wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut“

Zehntausende Schüler und Studenten demonstrieren für eine bessere Ausbildung – Niedersachsen will das Bachelor-Studium verlängern

Mehrere zehntausend Studenten und Schüler haben am Dienstag in über 50 Hochschulstädten für bessere Lernbedingungen an Schulen und Universitäten demonstriert. Schwerpunkte waren München, Berlin, Freiburg und Köln, wo sich nach Polizeiangaben jeweils weit mehr als 5 000 junge Menschen versammelten. Bundesweit zählten die Veranstalter etwa 85 000 Teilnehmer.

Der Protest der Studenten richtet sich vor allem gegen die Stofffülle und gegen die Studienbedingungen in den neuen Bachelor- Studiengängen. Viele Hochschulen hätten es versäumt, die Studieninhalte den erheblich verkürzten Studienzeiten anzupassen. Auch lasse die straffe Organisation des Studiums keinen Freiraum, um noch nebenher Geld für Studiengebühren zu verdienen. Schavan räumte im Deutschlandfunk „handwerkliche Fehler“ bei der Einführung der neuen Studiengänge ein. Bund und Länder würden gemeinsam für Verbesserungen sorgen, versprach sie. Kultusminister-Präsident Henry Tesch (Mecklenburg-Vorpommern/CDU) sagte im WDR, die Länderminister hätten bereits Veränderungen beschlossen, die nun von den Hochschulen umgesetzt werden müssten.

Nicht nur Sachwissen pauken

Schavan, die erst vor zwei Wochen eine BAföG-Erhöhung für die nächste Zeit ausgeschlossen hatte, sagte der „Berliner Zeitung“ (Mittwoch): „Ich halte eine BAföG-Erhöhung für richtig und werde sie den Ländern und dem Bundeskabinett vorschlagen.“ Union und FDP hatten sich bei ihren Koalitionsverhandlungen bisher nur auf die Anhebung der BAföG-Altersgrenze auf über 30 Jahre verständigt, um auch ältere Studierende nach einer Berufsausbildung zu fördern.

Die Schüler forderten bei den Protesten die Überarbeitung der Lehrpläne nach der Schulzeitverkürzung von neun auf acht Jahre bis zum Abitur. Mit Trommeln und Trillerpfeifen machten die Demonstranten ihrem Unmut in vielen Städten Luft. Vielfach wurden sie auch von Lehrern und Hochschuldozenten unterstützt. „Bei den Banken sind sie fix, für die Bildung tun sie nix“, hieß es auf Transparenten in Essen. In Berlin und Köln skandierten die Studenten und Schüler: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut“. In Dresden tanzten Studenten aus Protest Walzer.

Am 30. November soll nach Angaben der Veranstalter eine bundesweite Aktionswoche starten. Die Vorsitzende des Bundestags-Bildungsausschusses, Ulla Burchardt (SPD), hat gestern mit einer Abordnung der Demonstranten im Parlament gesprochen. Auch in Italien gingen tausende Studenten und Schüler auf die Straße. Der Studentenprotest gegen die von über 40 Staaten eingeführten aufeinander aufbauenden Studienabschlüsse Bachelor und Master hatten vor rund drei Wochen in Österreich begonnen.

Auch der Münchner Erzbischof Reinhard Marx hat Verständnis für die Studentenproteste. „Die Studienreform geht offensichtlich an den Bedürfnissen der jungen Leute vorbei“, erklärte Marx am Dienstagabend am Rande eines ökumenischen Gottesdienstes zum Semesterbeginn an der Technischen Universität und der Hochschule für Musik und Theater in München. „Die Universität ist etwas anderes als eine Schule“, betonte Marx. „Im Studium soll man denken lernen und nicht nur Sachwissen pauken.“ Außerdem sollte allen unabhängig von der sozialen Herkunft der Weg zu einem Hochschulabschluss offenstehen.

Die bundesweiten Studentenproteste finden auch Unterstützung bei den katholischen Jugendverbänden. In den Hauptforderungen sei man sich mit den Demonstranten einig, sagte die Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Ursula Fehling, am Dienstag in Berlin. Als Beispiele nannte sie den Ruf nach höheren Bafög-Sätzen und Nachbesserungen bei den Bachelor- und Masterstudiengängen. Studiengebühren erteilte die BDKJ-Bundesvorsitzende eine klare Absage. Bildung sei eine Zukunftsinvestition. Deswegen müsse die gesamte Gemeinschaft der Steuerzahler auch für den Erhalt des Bildungssystems aufkommen. Die bisherige Verteilung der Gelder nannte Fehling unbefriedigend. Es gehe nicht nur um den Ausbau und die Sanierung von Gebäuden, sondern auch um mehr Mittel für Lehre und Forschung. Der BDKJ ist Dachverband von 16 katholischen Jugendverbänden und -organisationen mit rund 650 000 Mitgliedern.

Die Bildungssprecherin der SPD-geführten Länder, die rheinland-pfälzische Kultusministerin Doris Ahnen, forderte einen bundesweiten Verzicht auf Studiengebühren. „Der Protest der Studierenden gegen diese Gebühren ist berechtigt“, sagte Ahnen der dpa. Sie schreckten nicht nur viele von der Aufnahme eines Studiums ab, sondern verhinderten zugleich „ein zügiges und erfolgsorientiertes Studieren“. Der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) widersprach. Er warf Ahnen vor, „durch falsche Behauptungen“ junge Menschen zu verunsichern und in die Irre zu führen.

Der hochschulpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Michael Kretschmer, sagte der dpa, Hochschulen und Bildungspolitiker dürften sich jetzt nicht wechselseitig „die Schuld für die Versäumnisse bei der Einführung der neuen Studiengänge“ zuschieben. Man müsse aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und sich vor allem mehr um die Qualität der Lehre an den Hochschulen kümmern. Der Bildungspolitiker der Grünen, Kai Gehring, warf der schwarz-gelben Koalition vor, mit „milliardenschweren Steuergeschenken“ die finanziellen Möglichkeiten für eine bessere Bildung zu verspielen.

Die Studierenden in Deutschland erhalten für ihre Proteste gegen die Studienbedingungen Rückendeckung von Hochschulen und Wirtschaft. Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes (DHV), Bernhard Kempen, sagte am Dienstag der in Ulm erscheinenden „Südwest Presse“, er unterstütze die Kritik der Studierenden an den Bachelor- und Masterstudiengängen. Er forderte eine neue Form der Anerkennung von Studiengängen.

Das jetzige Akkreditierungssystem sieht Kempen als Hauptursache für die Probleme: „Die Akkreditierung ist die organisierte Ignoranz, die dazu führt, dass ganze Studierendengenerationen verschlissen werden“, sagte er. Als Alternative schlug der DHV-Präsident vor, dass die Hochschulen jeweils ein hochschulinternes Managementsystem einführen, das regelmäßig von externen Gutachtern überprüft wird.

Kempen zeigte für viele Kritikpunkte der Studenten Verständnis. „Ihre Klage über die Stofffülle ist berechtigt.“ Es gebe jetzt Studiengänge mit einer „schier ans Übermenschliche grenzenden Arbeitsbelastung“. Auch die Prüfungsdichte sieht er als Problem an. Eines der wichtigsten Ziele des Studiums komme zu kurz: die Zeit zum Nachdenken.

Der Deutsche Lehrerverband erwartet, dass sich die Lage an den Universitäten schon in naher Zukunft noch verschärft. Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Dienstag) sagte Verbandspräsident Josef Kraus, die protestierenden Studenten ließen einen zentralen Aspekt außer acht. „Ein viel größeres Problem als die nicht gelungene Bologna-Reform ist die Frage, wie die Universitäten ab dem Jahr 2011 die doppelten Abiturjahrgänge bewältigen sollen“, sagte er. „Davon wird das ganze Studiensystem betroffen sein.“

Dass sich der Lehrerverband nicht offiziell mit den Studenten solidarisch erklärt, liegt laut Kraus an einer entscheidenden Differenz: „Was uns nicht behagt, sind die Attacken gegen das gegliederte Schulsystem und die Forderung nach der Einführung einer Gemeinschaftsschule für alle.“ Die Schüler, die sich auf ein Studium vorbereiten, blieben von den aktuellen Protesten nicht unberührt, stellte der Verbandspräsident fest. „Durch die Umstellung auf das Bologna-System sind Verunsicherungen unter Schülern und Eltern entstanden. Die Proteste sind dazu angetan, diese Unsicherheiten noch zu vertiefen.“

Auch die Wirtschaft kann den Unmut der Studenten nachvollziehen. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, appellierte in der Neuen Osnabrücker Zeitung an die deutschen Hochschulen, „die Probleme ernst zu nehmen“. Die Kultusministerkonferenz (KMK) habe jüngst eindringlich an die Hochschulen appelliert, die Situation durch eine einheitlichere Anerkennung von Studienleistungen und einen intensiveren Dialog mit den Betrieben zu verbessern. Dies gelte es nun rasch umzusetzen.

Mehr Mobilität gefordert

„Ich habe Verständnis für Forderungen der Studierenden nach leichterem Wechsel zwischen den Hochschulen und mehr Praxisbezug“, unterstrich der DIHK-Präsident.

Nach den Worten von BLLV-Präsident Klaus Wenzel machen die Proteste deutlich, „wie groß der Leidensdruck an Universitäten und Schulen ist“. Die Staatsregierung müsse diesen Unmut der jungen Leute ernst nehmen und dürfe sie nicht mit Lippenbekenntnissen abspeisen.

Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) sagte in der Kabinettssitzung in München, die Forderungen der Studenten seien zum Teil berechtigt. Allerdings sieht er für Verbesserungen zunächst die Hochschulen am Zuge. „Der Inhalt eines achtsemestrigen Diplom- Studiengangs darf nicht eins zu eins in einen sechssemestrigen Bachelor-Studiengang übertragen werden“, betonte Heubisch nach Angaben der Staatskanzlei. Einer Abschaffung der umstrittenen Studiengebühren erteilte er wie zuvor schon Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) eine klare Absage.

Die tagelangen Studentenproteste an den Hochschulen zeigen Wirkung. Niedersachsens Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (CDU) kündigte jetzt Reformen bei Bachelor-Studiengängen an. „Es geht zum einen darum, die Kleinteiligkeit der Studieninhalte aufzubrechen“, sagte er der Oldenburger „Nordwest-Zeitung“ (Mittwoch). Kompetenzvermittlung sei wichtiger als zu früh vermitteltes Spezialwissen. Zudem müsse der Uni-Wechsel erleichtert werden. „Wir brauchen wieder mehr Mobilität“, sagte Stratmann. „Und wir müssen die Prüfungsdichte verringern. Auch das beklagen die Studierenden zurecht.“ Künftig sollten mehr achtsemestrige Bachelor-Studiengänge angeboten werden.

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