„Wir fiebern mit Tieren und mit Menschen mit“: Über den Film

Es geht nicht mehr nur um Natur, sondern um das Überleben aller: Regisseur Werner Schuessler über seinen Dokumentarfilm „Passion for Planet“. Von José García
Foto: Anja Limbrunner | Autor und Regisseur Werner Schuessler.
Foto: Anja Limbrunner | Autor und Regisseur Werner Schuessler.
Könnte „Passion for Planet“ als ein Film über Naturfilmer und die Bedingungen ihrer Arbeit bezeichnet werden?

Für mich ist der Film ein Crossover. Es ist ein Naturfilm und gleichzeitig auch ein Abenteuerfilm über das Leben der Menschen, die solche Filme machen. Wir fiebern mit den Tieren mit und ebenso mit den Natur- und Tierfilmern. Wir erleben die Herausforderungen ihres Alltags, aber wir erleben auch, wie insbesondere die Umweltsituation sie beschäftigt. In den Jahren, in denen ich sie begleiten durfte, habe ich mitbekommen, wie sehr sie darunter leiden. Doch ihre Auftraggeber wollen von ihnen nur schöne Bilder. Und ohne den Hinweis auf die Probleme: Artensterben, Umweltzerstörung, Klimawandel... Denn davon würden die Zuschauer nichts hören wollen, sondern nur unterhalten werden. Das ist für Tierfilmer schmerzhaft.

Was hat es für Auswirkungen, wenn diese Filmemacher bedrohte Tierarten zeigen?

Bedrohte Tierarten in ihrem natürlichen Lebensraum zu zeigen, ist immer eine Gratwanderung. Die Tierfilmer eint ihr Interesse, Begeisterung für die Natur zu wecken und über Verhalten von Tieren zu erzählen, das wir normalerweise nicht kennenlernen würden. Je mehr aber Bewusstsein geschaffen wird, umso mehr zieht das nach sich, dass viele Zuschauer diese Tiere auch leibhaftig sehen möchten. Wenn es sich, wie in unserem Film, zum Beispiel um Seeotter handelt, die vom Aussterben bedroht sind – es gibt nur noch 2 800 kalifornische Seeotter –, stellt sich die Frage: Wie geht man damit um? Die Seeotter leben an Stellen, an die Menschen sehr leicht hinkommen. Dadurch wird aber der Lebensraum dieser Tiere gestört. Letztendlich gibt es nicht die richtige Antwort darauf. Ich finde es wichtig, dass Menschen eine Bindung zu Tieren aufbauen. Das versuchen wir auch mit unserem Film herzustellen. Mich selbst hat es sehr ergriffen, mitzubekommen, mit wieviel Aufwand man versucht, verwaiste Seeotterkinder zu retten.

Sie sagen, die Seeotter können leicht besucht werden. Aber ein Adlernest, wie Ihr Film zeigt, sicherlich nicht. Will ein Tierfilm nicht auch Tiere in Situationen abbilden, in denen sie sonst ein normaler Mensch nicht sehen würde?

Dies ist die Ausgangssituation für alle anspruchsvolleren Tierfilme. Kaum jemand wird die Gelegenheit haben, 30 Meter auf einen Baum zu klettern, um ein Adlernest zu filmen. Er darf es auch nicht, weil der Naturschutz es verbietet. „Passion for Planet“ zeigt das. Unser Anliegen ist es jedoch, mit unserem Film weiterzugehen. „Passion for Planet“ will eine Brücke bauen: Er will die Schönheit der Natur abbilden, aber auch zeigen, wie diese Bilder entstehen. Unser Ziel ist es, den Zuschauer zu inspirieren. Und auch zum Nachdenken anzuregen, inwiefern jeder Einzelne von uns ebenso einen Beitrag dazu leisten kann, dass die Natur erhalten bleibt. Es geht letztlich mittlerweile nicht mehr um die Natur, sondern um unser aller Überleben. Vielen von uns ist das noch nicht klar. Denn das, was als Klimawandel bezeichnet wird, ist für viele Menschen einfach noch zu abstrakt und noch kaum mit ihrem eigenen Erleben verknüpft.

Sind einige dieser Situationen – wie Ihr Film zu verdeutlichen scheint – ein „Fake“, gestellte Aufnahmen?

Der Konflikt, in dem die Tierfilmer stecken, ist, dass sie den Auftrag haben, tolle Bilder zu liefern und dabei starken Produktionszwängen unterliegen. Dies bedingt immer wieder Notlösungen. So braucht man bei manchen Tierarten sehr lange, sie in der Natur zu finden, wie beispielsweise eine bestimmte Schlangenart, und diese dann auch noch perfekt in Großaufnahme filmen zu können. Aufgrund des enormen äußeren Zeitdrucks und der finanziellen Beschränkungen kann es dann auch mal vorkommen, dass diese Großaufnahme mitunter eventuell mal in einem Gehege nachgedreht werden muss. Jeder der im Tierfilmbereich arbeitet, kennt dieses Problem. Aber kaum ein Zuschauer weiß das. Ich bin unseren Protagonisten sehr dankbar, dass sie die in ihrem Beruf vorhandenen Produktionszwänge so ehrlich und transparent gezeigt haben.

Wie würden Sie „Passion for Planet“ in einem Satz zusammenfassen?

Der Film spannt einen Bogen. Es ist eine Art klassische Heldenreise dieser Tierfilmer: Ausgehend von unschuldigen Naturliebhabern, die mit der Umweltproblematik konfrontiert werden. In ihrer Ratlosigkeit sind sie auf der verzweifelten Suche nach Lösungen, bis sie dann schlussendlich ihre jeweiligen individuellen Antworten darauf finden. Wir erzählen das in Form einer Abenteuerreise. Die Auseinandersetzung mit der Umweltthematik machen wir auf eine Art und Weise, die auf Bilder von Zerstörung großteils verzichtet. Denn solche Bilder kennen wir zu Genüge. Ich wollte nicht in der Betroffenheit verharren, sondern eine Inspiration geben. Mich berührt es, wenn ein kleiner verwaister Seeotter mit einer Milchflasche aufgezogen wird. Ich glaube, dass eine solche Berührung Menschen motiviert, etwas zu tun. Es geht mir mit dem Film weniger darum, Aktivisten zu erreichen, denn die wissen schon, was es zu tun gibt. Ich möchte die Menschen erreichen, die einen schönen, spannenden Film sehen wollen. Ein Film, der sie unterhält und gleichzeitig berührt. Und der seinen Anspruch und seine Botschaft eher subtil vermittelt. Wenn die Zuschauer dann einen kleinen Anstoß mitnehmen, bin ich schon glücklich. Denn ich glaube, dass nachhaltige Veränderung oft im Kleinen, fast Unsichtbaren passiert. In der Summe kann dann daraus irgendwann auch etwas Großes entstehen.

Wird dieser Appell am Ende nicht etwas zu kräftig?

Das wirkt auf Menschen unterschiedlich. Ich habe nach dem Film auch das Feedback gehört: „Was wollen Sie eigentlich sagen?“ Es gibt verschiedene Wahrnehmungen. Ich möchte das vermitteln, was mir wichtig ist. Und ich möchte dem Zuschauer die Freiheit lassen, sich selbst ein Bild zu machen. Natürlich arbeitet ein Film immer auch mit Zuspitzung als Ausdrucksform, um etwas auf den Punkt zu bringen. Aber ich mag keine Zeigefinger. Ich habe das Vertrauen, dass jeder Mensch aus dem Film eine eigene Antwort für sich mitnimmt.

Naturfilme erfreuen sich im Fernsehen, aber auch gelegentlich im Kino, großer Beliebtheit. Mit seinem Film „Passion for Planet“ geht Werner Schuessler einen Schritt weiter. Der Film zeigt nicht nur die Schönheit der Natur, sondern auch die Arbeit von bekannten Naturfilmern: Rob Stewart dreht seit Jahren Filme über Haie, Jan Haft liefert atemberaubende Bilder etwa eines Adlernests in Mecklenburg-Vorpommern oder der Moore in seiner bayerischen Heimat, Mark Shelley setzt sich insbesondere für die Erhaltung der letzten Seeotter in Kalifornien ein, die indische Regisseurin Rita Banerji kämpft gegen die Wilderei in ihrer Heimat Indien, indem sie ihre Filme in indischen Dörfern zeigt, das österreichische Ehepaar Rita und Michael Schlamberger liefert Bilder aus Afrika, die bewusst eine geschönte, manchmal sogar nachgestellte Wirklichkeit wiedergeben.

Regisseur Schuessler weist darauf hin, dass sich die Naturfilmer häufig in einem inneren Widerstreit befinden: Verlangt der Markt Bilder einer vermeintlich intakten Natur, so begegnen sie in ihrer Arbeit den negativen Seiten, etwa Umweltzerstörung und Klimawandel. Aber auch ihre Arbeit stellt einen Eingriff in die Natur ein. „Passion for Planet“ wirft beispielsweise den Widerspruch auf: Um einen Film zu drehen, der ein positives Bewusstsein für die Natur schärfen soll, verbrennt der Hubschrauber, aus dem die Aufnahmen gemacht werden, eine ganze Menge Kerosin. Die Zwiespältigkeit zeigt sich darüber hinaus darin, dass ein Film über bedrohte Tierarten dazu führt, den Aufenthaltsort der gefährdeten Tierart preiszugeben. Wenn vermehrt Menschen sie in der Natur sehen wollen, wird jedoch deren Lebensraum gestört.

Obwohl gegen Ende die Mahnung an den Zuschauer, seinen Lebensstil radikal verändern zu müssen, etwas zu pathetisch klingt, regt „Passion for Planet“ zum Nachdenken über die Beziehung zur Natur an – über die teils geschönten Naturfilme hin-aus, die in der Regel im Fernsehen oder im Kino gezeigt werden. J.G.

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