Wir brauchen „Parrhesia“

Der Papst hat die Katholiken ermutigt, von ihrem Glauben frei zu sprechen. Sie sollten „keine Angst haben, zu sagen, wie die Dinge stehen“. Das sei der Kern des Freimuts, der „Parrhesia“. Auch außerhalb der Kirche scheint diese Form des Muts dringend notwendig zu sein. Von Josef Bordat
Foto: Sebastian Kahnert/dpa | Physiognomisch ist Freimut kein Problem: Modell der menschlichen Nasen-, Mund- und Rachenhöhle, derzeit zu sehen bei der Ausstellung „Sprache.
Foto: Sebastian Kahnert/dpa | Physiognomisch ist Freimut kein Problem: Modell der menschlichen Nasen-, Mund- und Rachenhöhle, derzeit zu sehen bei der Ausstellung „Sprache.

Eine in Predigten oft zitierte Geschichte, deren Ursprung unbekannt zu sein scheint, erzählt davon, wie die Engel einst mit einem hohen Lottogewinn dem Teufel seine Waffen abkauften, mit deren Hilfe er die Menschen zur Sünde verführt. Schließlich hatten die Engel die ganze Waffenkammer des Teufels geleert und alle Waffen unschädlich gemacht. Alle, bis auf eine ganz unscheinbare und kleine, die der Teufel ihnen für kein Geld der Welt und des Himmels überlassen mochte. Als die Engel wissen wollten, was das Besondere an dieser Waffe sei, erklärte der Teufel ihnen, es sei schlicht die gefährlichste und mächtigste Waffe, die ihm überhaupt zur Verfügung stehe: „Damit kann ich alle anderen Waffen zurückholen – mit der Mutlosigkeit. Die Mutlosigkeit ist meine größte Waffe. Sie lähmt den Menschen auf ganzer Linie. Die Mutlosigkeit zerstört die Nächstenliebe und sie zerstört den Glauben an Gott.“

Diese kleine Geschichte illustriert, was katholische Existenzphilosophen wie Peter Wust begründeten und engagierte Christen rund um den Globus in täglicher Praxis beweisen: Glaube ist Wagnis. Es erfordert Mut, um zu glauben – intellektuell, weil man sich auf die Kategorie des Vertrauens einlassen muss, und ganz konkret im Alltag, wenn man unter Druck gerät, zum Außenseiter wird und möglicherweise sogar unter Verfolgung leidet. Von Anfang an gehört die Überwindung der Furcht zu den Eigenschaften des Christseins. Sich nicht entmutigen zu lassen von den Widrigkeiten der Welt, das bleibt Auftrag aller Christen.

Eine ganz besondere Form des Muts ist der Freimut, die erfrischende Offenheit, die ohne Vorbehalte zum Ausdruck bringt, was wirklich das Herz bewegt. Der die eigene Gesinnung ohne die berüchtigte „Schere im Kopf“ unverfälscht zu erkennen gibt, ohne falsche Rücksichtnahme auf mögliche negative Konsequenzen. Dieser Freimut soll die Verkündigung leiten und ist daher der christliche Mut in der Medienwelt. Oder allgemeiner: in der Öffentlichkeit. Überall dort, wo Christen Rede und Antwort stehen müssen, brauchen sie mehr denn je Mut, um wie die Apostel Zeugnis geben und die gute Nachricht verkündigen zu können. Diese wiederum, so berichtet die Apostelgeschichte, haben Gott um Beistand gebeten, damit ihre Mission gelingt: „Gib deinen Knechten die Kraft, mit allem Freimut dein Wort zu verkünden“ (Apg 4, 29). Und tatsächlich, sie werden erhört – und wie! „Als sie gebetet hatten, bebte der Ort, an dem sie versammelt waren, und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und sie verkündeten freimütig das Wort Gottes“ (Apg 4, 31). Papst Franziskus hat in einer Predigt zu dieser Schriftstelle die Katholiken ermutigt, frei von ihrem Glauben zu sprechen. Sie sollten „keine Angst haben, zu sagen, wie die Dinge stehen“. Das sei der Kern des Freimuts, der „Parrhesia“. Modernes Medienapostolat braucht diesen Mut, braucht Freimut.

Doch ganz generell brauchen wir Freimut im oft verstockten Diskurs, der zwischen dumpfer Polemik und politischer Korrektheit nur noch leere Sprachhülsen produziert. Wir brauchen „Parrhesia“ innerhalb und außerhalb der Kirche. Es braucht heute vielleicht mehr denn je den Mut zur Klarheit, der „Höflichkeit des Philosophen“, wie der spanische Kulturphilosoph José Ortega y Gasset einmal meinte – durchaus übertragbar auf Politiker, Publizisten und Kirchenleute. In euphemistischen Floskeln um den heißen Brei herum zu reden, das wäre demnach zunächst einmal eines: unhöflich.

„Keine Angst haben, zu sagen, wie die Dinge stehen“ – das ist zum einen das glatte Gegenteil von „Schweigespirale“. Elisabeth Noelle-Neumann erklärte in den 1970er Jahren diese Art der passiven und angepassten Diskursteilnahme damit, dass Menschen nicht gerne allein stehen, auch nicht mit ihren Ansichten: „Öffentliche Meinung ist gegründet auf das Bestreben von in einem Verband lebenden Menschen, zu einem gemeinsamen Urteil zu gelangen, zu einer Übereinstimmung, wie sie erforderlich ist, um zu handeln, und, wenn notwendig, entscheiden zu können. Belohnt wird Konformität, bestraft wird der Verstoß gegen das übereinstimmende Urteil.“ Deswegen schauen die im Verband lebenden Menschen zuerst einmal, was die anderen in diesem Verband sagen. Experimente zeigen, dass sich Menschen unter dem Druck von Gruppen Meinungen anschließen, die sie nicht wirklich teilen, und sie tun es selbst dann, wenn offensichtlich ist, dass die Gruppe irrt.

In den Sozialen Medien schraubt sich die Schweigespirale in ganz ungeahnte Höhen empor. Hier kann sich der Einzelne völlig in der medialen Masse verstecken und im anonym, aber hocheffizient gesteuerten Hass die eigenen Aggressionen platzieren. Wer hier des Users Zorn eine differenzierte Meinung entgegensetzt, wird selbst rasch zur Zielscheibe. Wer das nicht will, schweigt. Oder macht mit. Die Schweigespirale im Auge des shitstorms wird zum Mitmachkatapult, das die Menschenwürde weit aus dem virtuellen Diskurs schleudert. Die dort verbleibenden Äußerungen sind übermütig bis mutwillig, doch nur scheinbar mutig, schon gar nicht freimütig. Vor dem Freimut steht hier der Spitzname. „Keine Angst haben, zu sagen, wie die Dinge stehen“ – das ist zum anderen die typische Situation der Gewissensentscheidung. Wenn man spürt, dass man platzen müsste, schwiege man weiter. Mut der Verzweiflung, so könnte man im negativen Modus sagen, Freimut im Zeichen des unhintergehbaren Gewissens ist treffender, wenn eine Gute Nachricht Gegenstand dessen ist, über das man nicht mehr schweigen will und kann. So, wie einst Petrus und die anderen Apostel, die vor den Autoritäten ihrer Gesellschaft meinten: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4, 20).

Für den Christen ist dabei leitend, was im darauffolgenden Kapitel der Apostelgeschichte zentraler Gedanke ist: „Und sie brachten sie und stellten sie vor den Hohen Rat. Und der Hohepriester fragte sie und sprach: Haben wir euch nicht streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren? Und seht, ihr habt Jerusalem erfüllt mit eurer Lehre und wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. Petrus aber und die Apostel antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr an das Holz gehängt und getötet habt. Den hat Gott durch seine rechte Hand erhöht zum Fürsten und Heiland, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben. Und wir sind Zeugen dieses Geschehens und mit uns der heilige Geist, den Gott denen gegeben hat, die ihm gehorchen. Als sie das hörten, ging's ihnen durchs Herz, und sie wollten sie töten“ (Apg 5, 27–33).

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5, 29) – das ist nicht die trotzige Reaktion von Querulanten, die sich wichtig tun, sondern eine zentrale Einsicht der jungen christlichen Gemeinde, eine Einsicht, die Mut machen soll, treu im Glauben zu stehen und die Verfolgungssituation zu ertragen, die sich in den ersten drei Jahrhunderten einstellte, überall dort, wo Christen lebten. Diese Einsicht soll zum freimütigen Bekenntnis befähigen – und tut es ja auch, wie die zwei Jahrtausende danach eindrucksvoll belegen, mit Menschen wie Thomas Morus und Dietrich Bonhoeffer. Freimut – das ist schließlich auch und gerade Wahrheitsliebe. Denn um nichts weniger als um die Wahrheit geht es, wenn man mutig das Schweigen bricht und seinem Gewissen folgt. Hier offenbart sich dann auch, warum es mit dem Freimut heute so schlecht bestellt ist: weil die Wahrheit keine Rolle mehr spielt. Die großen wirkmächtigen Strömungen der Philosophie und Soziologie des 20. Jahrhunderts haben sie durch intersubjektiv geteilte Bestätigung, durch diskursiv erlangte Einigung ersetzt und damit die ernsthafte Suche nach der Wahrheit gleich mit abgeschafft. Seither verlassen sich die Menschen bequem auf das, was die Umfragen sagen. Sie selbst schweigen lieber, plappern höchstens die Haltung derer nach, die bei diesen Umfragen vorne liegen. Anders gesagt: Was gäbe es auch offen zu bekennen, wenn nicht die Wahrheit, als etwas, für das es wert ist, auch mal Nachteile in Kauf zu nehmen? Solange das relativistische anything goes gesellschaftlich den Ton angibt, kann man sein Fähnchen ebenso getrost wie feige in den Wind hängen. Dann ist auch egal, aus welcher Richtung dieser gerade weht. Die Wiedererlangung des Freimuts im Diskurs hängt also direkt mit der neuerlichen Wertschätzung der Wahrheit und der Wahrheitssuche zusammen. Zur Dignität der Wahrheit gehört jedoch insbesondere die prinzipielle Möglichkeit ihrer Differenz zur Mehrheitsmeinung. Wer die Wahrheit in der Mehrheit selbst sieht, in Umfragen und in der Schwarmintelligenz begründet, wird am Ende gar nicht mehr erkennen können, wenn sie, die Mehrheit, sich irrt.

Bekenntnis wiederum setzt Erkenntnis voraus, zumal dann, wenn es ein freimütiges sein soll. So wie das zum Kind in der Krippe, das von sich sagen wird: „Ich bin die Wahrheit“ (vgl. Joh 14, 6). Dass Jesus zugleich der personifizierte Freimut ist, hängt damit ganz eng zusammen.

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